Politik

Ohne einen Rechtsstaat wird die Corona-Krise brutal eskalieren

Im politischen Streit um den richtigen Umgang mit Corona sehen sich beide Lager als Kämpfer für den Rechtsstaat. Doch dieser allgegenwärtige Bezug auf eben diesen Rechtsstaat zeigt vor allem die enorme Gefahr, in der er sich befindet.
Autor
30.12.2020 11:22
Aktualisiert: 30.12.2020 11:22
Lesezeit: 4 min
 Ohne einen Rechtsstaat wird die Corona-Krise brutal eskalieren
Die Demonstranten halten sich nur vage an die Vorgaben der Regierung. (Foto: dpa) Foto: Fabian Sommer

Die Diskussion um den Rechtsstaat ist in der Corona-Krise so aktuell wie lange nicht mehr. Ein erheblicher Teil der Menschen sieht die Hygienemaßnahmen der Regierung als eine massive Bedrohung für den Rechtsstaat an, da hier im großen Stil fundamentale Grundrechte der Bürger eingeschränkt werden. Ein anderer erheblicher Teil der Menschen betrachtet wiederum die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen als eine grobe Missachtung des Rechtsstaats, weil die zahlreichen Teilnehmer der Demonstrationen sich teils nicht an die von der Regierung beschlossenen Regeln halten – darunter Demonstrationsverbote.

In einem Rechtsstaat sollen, so lautet die Idee, alle an dasselbe Recht und Gesetz gebunden sein – und zwar nicht etwa nur der kleine Mann auf der Straße, sondern auch die Reichen und Mächtigen – und vor allem auch die staatlichen Institutionen, also zum Beispiel die Regierung, Behörden, Polizei und Geheimdienste. Diese Bindung aller Bürger an gemeinsame Gesetze ist eine - in historischen Dimensionen gesehen - vergleichsweise moderne Alternative gegenüber jenen älteren Staatsformen, wo nur die Bürger an die Gesetze gebunden waren, die der Herrscher erlassen hatte. In einem Rechtsstaat hingegen soll der Regent nicht der Urheber der Gesetze sein, sondern ihr Verteidiger.

Woher rührt nun also das positive Bild, das wir heute mit einem Rechtsstaat verbinden? Sind es möglicherweise nur die friedlichen und wirtschaftlich aufstrebenden sieben Jahrzehnte der Bundesrepublik, die für uns das Sinnbild eines Rechtsstaats waren? Es scheint doch so zu sein, dass es letztlich gar nicht entscheidend ist, wer die Gesetze macht und ob auch der Herrscher sich daran halten muss oder nicht. Viel wichtiger scheint es doch zu, dass Recht und Gesetz gerecht sind. Wenn uns die Regierung zum Beispiel verbieten würde, Weihnachten zu feiern, dann wäre es unwesentlich, ob die Regierung trotzdem Weihnachten feiern darf oder nicht. Entscheidend wäre, dass dieses Verbot ungerecht ist.

Schon der griechische Philosoph Aristoteles war im oben genannten Sinne ein starker Befürworter des Rechtsstaats, auch wenn dieser Begriff erst viel später auftauchen sollte. Er schrieb bereits im 4 Jahrhundert vor Christus: „Es ist besser, dass das Gesetz regiert als irgendeiner der Bürger.“ Wenn es vorteilhaft sei, einigen bestimmten Personen die oberste Macht zu übertragen, sollten diese nur zu Hütern und Dienern der Gesetze ernannt werden. Denn durch irgendwen müsse die oberste Macht schließlich vertreten werden. Und nachdem die bestmöglichen Regeln im Gesetz festgelegt seien, sollten die Einzelheiten bei deren Anwendung dem Ermessen des Magistrats überlassen sein.

Diese Vorstellung des Aristoteles, eine Regierung sollte Gesetze nicht schreiben, sondern sich damit begnügen, diese zur Anwendung zu bringen, ist heute offensichtlich nicht die Realität. So ist etwa die Bundesregierung nicht nur bei der Erarbeitung immer neuer Gesetze stark engagiert, sondern sogar die Verfassung wird vom Parlament abgeändert, wenn die Regierung dies so anstrebt. Und immer wieder muss das Verfassungsgericht der Regierung auch attestieren, dass sie geltendes Recht gebrochen hat.

Der Grund für die unaufhörliche Flut immer neuer Gesetze wird damit begründet, dass die Welt heute komplizierter ist als zu Aristoteles' Zeiten. Die technologischen Möglichkeiten und in der Folge auch die Gesellschaft insgesamt verändern sich heute so schnell, dass auch Verfassung und Gesetze notwendigerweise Änderungen durchmachen müssen, heißt es. Bedeutet dies, dass eine Herrschaft der Gesetze im Sinne von Aristoteles in der modernen Welt schlicht unmöglich ist? Denn die Bürger werden sich nicht mehr an Recht und Ordnung gebunden fühlen, wenn dies etwas ganz Beliebiges ist, das sich jederzeit ändern kann.

Und dies ist nun das Problem, dass hierzulande in der Coronakrise zu eskalieren scheint. Der jeweilige politische Gegner wird als Feind des Rechtsstaats angesehen, der die gemeinsamen Regeln nicht mehr verteidigt und sie noch nicht einmal mehr respektiert. Wer den politischen Gegner erst einmal als jemanden wahrnimmt, der sich nicht an ein gemeinsames Recht gebunden fühlt, der wird irgendwann auch selbst nicht mehr dazu bereit sein. Der Konflikt läuft leider darauf hinaus, dass beide Seiten Recht und Gesetz schließlich nur noch als ein Mittel im Kampf gegen den politischen Gegner betrachten werden: als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Proteinboom: Warum Lebensmittelkonzerne jetzt Millionen investieren
30.09.2026

Protein galt lange als Thema für Fitnessstudios und Spezialregale. Inzwischen verändert der Boom ganze Supermärkte und zwingt...

DWN
Finanzen
Finanzen Wall Street gibt nach, während die Anleiherenditen sinkentitle
29.09.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Impulse die US-Märkte im späten Handel bewegten.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Förderprogramm für Azubi-Vermittlung vor dem Aus – trotz offener Ausbildungsplätze
29.09.2026

Viele offene Lehrstellen, viele Jugendliche ohne Perspektive – und trotzdem soll ein bewährtes Förderprogramm für die Azubivermittlung...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldvermögen: Haushalte so reich wie nie - Rekordsumme ungleich verteilt
29.09.2026

Das weltweite Geldvermögen erreicht laut Allianz ein Rekordhoch. Doch der Zuwachs kommt bei Milliarden Menschen nicht an. Die Unterschiede...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Funflation: Warum selbst der Spaß immer teurer wird
29.09.2026

Urlaub, Restaurant oder Hobby: Wer seine Freizeit genießen will, muss immer tiefer in die Tasche greifen. Eine Analyse der Bank of America...

DWN
Politik
Politik Kippt der Länderfinanzausgleich? Union droht bei Linksregierung mit Geldentzug
29.09.2026

Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin könnte diese bald die Regierung anführen. Die CDU- und CSU-geführten Bundesländer drohen...

DWN
Finanzen
Finanzen Reicher Westen, armer Osten: Enorme Vermögensungleichheit verschärft sich 2025
29.09.2026

Am 36. Jahrestag der Wiedervereinigung herrschen enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung: Alleine im Jahr 2025 entfielen 95...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
29.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...