Deutschland

Andrij Melnyk: Der Mann mit dem Zeigefinger

Der ukrainische Botschafter mag noch so sehr im Recht sein - er läuft Gefahr, potentielle Unterstützer zu verprellen.
21.05.2022 09:24
Lesezeit: 3 min
Andrij Melnyk: Der Mann mit dem Zeigefinger
Am ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk scheiden sich die Gemüter. Die einen halten ihn für anmaßend - die anderen für jemanden, der den politischen Eliten Deutschlands für ihr Versagen zurecht die Leviten liest. (Foto: dpa)

Spätestens die Diskussionen in und nach der Anne-Will-Sendung am 8. Mai haben eines gezeigt: Die öffentliche Debatte in der Bundesrepublik über Waffenlieferungen an die Ukraine verläuft entlang strikter moralischer Trennlinien. Da sind diejenigen, die auf Deutschlands historische Schuld gegenüber Russland aufgrund der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen verweisen; auf den Umstand, dass Waffenlieferungen den Krieg und das Leid unnötig verlängern; auf die Tatsache, dass Teile der ukrainischen Streitkräfte Rechtsradikale sind und völkischem Gedankengut anhängen. Und da sind diejenigen, die eine entgegengesetzte Meinung vertreten: Nämlich die, dass Deutschland gerade wegen seiner Vergangenheit die Pflicht hat, ein Land, das sich einem überlegenen imperialistischen Invasoren gegenübersieht, zu helfen; dass es notwendig ist, weiteren Angriffen auf kleine Länder wie etwa die Baltenrepubliken und Moldawien zuvorzukommen. Unabhängig davon, welche der beiden Positionen man sich zu eigen macht: Man muss sich die Frage stellen, ob das robuste Auftreten des ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk dem Anliegen seines Landes nicht mehr schadet, als es ihm nützt.

Trotz Krieg, trotz Leid und Tod: Differenzierungen müssen sein

So brachte der Soziologe Harald Welzer in der Sendung ein ernst zu nehmendes Argument vor, als er Melnyk darauf hinwies, dass auch die Deutschen Kriegserfahrungen haben. Kriegserfahrungen, die zwar Generationen zurückliegen, die aber immer noch spürbar sind, auch viele Jahrzehnte später. Oft waren und sind das Spuren der Schmach, der Vertreibung, des Verlusts und der Schuld. Welzer hat richtigerweise auf diese Spuren hingewiesen und erläutert, welchen Motiven das Zögern vieler Deutsche zugrunde liegt, wenn es um die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine geht. Welzer ist Wissenschaftler, er ist ein Mann des Diskurses, ein Mann der Differenzierung. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Botschafter eines Landes, in dem Eindringlinge grenzenloses Leid anrichten, für Differenzierungen keine Zeit hat. Aber werden seine Argumente dadurch stichhaltiger? Der Botschafter mag ein besserer Rhetoriker sein, ein gewiefterer PR-Profi als der sich dem Austausch von Argumenten und der Wahrheitsfindung verpflichtet fühlende Universitäts-Professor - aber das bedeutet noch lange nicht, dass er sich im Recht befindet, dass er die besseren Argumente hat. Dass der "gemeine", die seichte Unterhaltung suchende Fernsehzuschauer wirkungsmächtige Polemik mit argumentativer Schärfe verwechselt, mag noch verzeihlich sein - dass jedoch so manche Edelfeder im deutschen Feuilleton sich von Effekthascherei täuschen lässt, hinterlässt dann doch ein Gefühl der Enttäuschung.

In der öffentlichen Debatte um den Ukraine-Krieg ist kein Platz für simple Argumente, für billige Schuldzuweisungen. Das weiß sicherlich auch Melnyk. Doch der ukrainische Botschafter - dessen Heimatland sich, wie gesagt, im Überlebenskampf befindet - hat eine Aufgabe zu erfüllen. Die darin besteht, mit dem Zeigefinger zu diskutieren, mit dem Zeigefinger Schuldzuweisungen vorzunehmen. Ob das dem Gegenüber nun gefällt oder nicht. Gleichermaßen hat derjenige, auf den sich der Zeigefinger richtet, jedes Recht, sich zu wehren. Das hat Welzer getan, stellvertretend für viele Deutsche, die das Gefühl haben, moralisch vor sich her getrieben zu werden. Getriebensein wiederum bedeutet Kontrollverlust.

Rücksichtsvoll vorgetragene Forderungen bewirken häufig mehr

Dass besonders die Deutschen den Kontrollverlust, umso mehr in einer Kriegssituation, scheuen, sollte auch Melnyk wissen und berücksichtigen. So, wie er agiert, läuft er Gefahr, zunehmend Verständnislosigkeit zu wecken statt Hilfsbereitschaft. Wenn SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert sich in der Anne-Will-Sendung zurückhielt, dann tat er das, weil er sich dieser Dynamik bewusst war. Dem Jungpolitiker war anzumerken, dass er jedes Wort auf die Goldwaage legte, bevor er es äußerte. Bei aller Bereitschaft, die Ukraine mit Waffen zu unterstützen, nahm er die Sorgen jener Menschen ernst, die Angst haben vor einer weiteren Eskalation in der Ukraine - und möglicherweise in Europa.

CDU-Politiker Ruprecht Polenz betonte gegen Ende der kontroversen Talk-Runde, dass die Eskalationsgefahr vielmehr dann anwachse, wenn Putin auch nur in geringem Maße von seiner Invasion profitiere. Ein Argument, das zu diskutieren zweifellos seine Berechtigung hat, das zu diskutieren sich lohnt. Aber auf zivile, respektvolle Art und Weise, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger eines Oberlehrers, nicht im Duktus des die Moralkeule schwingenden Anklägers.

Melnyk hat jedes Recht, Hilfe für sein geschundenes Land zu fordern. In der derzeitigen Situation kann man ihm auch das Erheben der moralischen Anklage nicht verweigern. Aber: Der Botschafter sollte - im Interesse seines Heimatlandes - nicht vergessen, dass Forderungen, die rücksichtsvoll vorgetragen werden, häufig mehr bewirken. Andererseits aber verleiht gerade die deutsche Geschichte dem moralischen Hebel seine rhetorische Schlagkraft. Diesen Hebel kennt und nutzt Melnyk zur Genüge. Allerdings sollte er sich fragen, ob sich dieser Hebel nicht auf Dauer zu sehr abnutzt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Technologie
Technologie Hitzewelle leert die Regale: Klimageräte werden knapp
17.07.2026

Die nächste Hitzewelle trifft viele Verbraucher unvorbereitet: Ventilatoren und Klimageräte sind vielerorts ausverkauft, Nachschub lässt...

DWN
Panorama
Panorama Oasis-Index: Was kosten 5 Bier und 2 Schachteln Zigaretten weltweit?
17.07.2026

Die globale Preisordnung gerät ins Wanken: Während Japan überraschend günstig wird, explodieren anderswo Mieten, Nebenkosten und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Sandisk bricht um 12 Prozent ein, während sich der Ausverkauf bei Chip-Aktien verschärft title
16.07.2026

Ein turbulenter Handelstag an der Wall Street sorgt für weitreichende Verschiebungen und überraschende Bewegungen bei Einzelwerten.

DWN
Politik
Politik Führungswechsel in Kiew: Proteste überschatten Wahl der neuen ukrainischen Regierung
16.07.2026

Mitten im Abwehrkampf gegen Russland erlebt die Ukraine eine dramatische Regierungsumbildung. Während das Parlament in Kiew mit Serhij...

DWN
Politik
Politik Konflikt im Nahen Osten: Iran signalisiert Verhandlungsbereitschaft trotz neuer Drohungen
16.07.2026

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran erreicht eine neue Rolltreppe der Eskalation. Während Washington den militärischen Druck...

DWN
Politik
Politik EU-Asylreform: Italien blockiert weiter Rücknahmen
16.07.2026

Die neuen EU-Asylregeln sollen eigentlich klären, welcher Mitgliedstaat für Schutzsuchende zuständig ist. Doch ein Bericht der...

DWN
Finanzen
Finanzen Fed-Aktienkäufe: Die Notenbank als letzter Retter der Börse
16.07.2026

Beim nächsten großen Börsencrash könnte die US-Notenbank zu einem Mittel greifen, das bislang als Tabubruch gilt: dem Kauf von...

DWN
Panorama
Panorama Miteinander statt Frust: Wie der Bund das Heimatgefühl vor Ort stärken will
16.07.2026

Geschlossene Läden, fehlende Ärzte und teurer Wohnraum sorgen vielerorts für Frust. Die Bundesregierung will Alltagsproblemen in Stadt...