Unternehmen

Joghurt in Minuten? Lebensmittel-Lieferdienste mit Problemen

Bier, Käse oder Orangensaft in Minuten an die Haustür liefern – mit diesem teuren Versprechen sind junge Lieferdienst-Start-ups weiter unterwegs. Doch wie lange noch? Mit der wegbrechenden Nachfrage nach den Corona-Beschränkungen stellt sich der Markt derzeit neu auf.
15.08.2022 10:49
Lesezeit: 3 min

Mitten in der Corona-Krise tauchten sie plötzlich auf: Start-ups wie Gorillas, Flink oder Getir. Sie bauten in den Metropolen ein dichtes Netz an Warenlagern auf, stellten Hunderte Fahrerinnen und Fahrer ein und versprachen, Supermarktprodukte wie Aufschnitt, Getränke oder Tiefkühlkost in wenigen Minuten nach Hause zu liefern. Per App können Kunden bequem zum Supermarktpreis bestellen. Quick commerce wird das Segment genannt. Die Nachfrage boomte in der Krise, bei Investoren saß das Geld locker. Doch das hat sich längst geändert.

„Quick commerce war das Thema 2021, das im Handel am stärksten durch die Decke gegangen ist“, sagt Kai Hudetz, Geschäftsführer beim Institut für Handelsforschung in Köln (IFH). „Man musste schon damals kritisch hinterfragen, ob es ein funktionierendes Geschäftsmodell sein kann, einen einzelnen Joghurtbecher in fünfzehn Minuten an den Schreibtisch zu bringen.“

Nachfrage geht deutlich zurück

Inzwischen spürt auch die Branche das Ende der Corona-Beschränkungen, die Auswirkungen der hohen Inflation und des Kriegs in der Ukraine. Die Nachfrage nach Online-Lebensmitteln ist deutlich zurückgegangen. Die Investoren sind laut Hudetz zurückhaltender. Mancher Lieferdienst, der auf schnelles Wachstum gesetzt hat, steckt nun in Schwierigkeiten. Das Berliner Start-up Gorillas etwa verkündete vor wenigen Monaten erst den Abbau von Hunderten Stellen in der Verwaltung und gab kürzlich einige Standorte in Nordrhein-Westfalen auf.

Der Wettbewerber Wolt macht sein Kerngeschäft eigentlich mit Restaurant-Lieferungen. Doch das jüngste Experiment mit Supermarkt-Produkten aus eigenen – wenigen – Warenlagern wurde inzwischen ebenfalls beendet.

Der Wettbewerbsdruck ist angesichts der zahlreichen Akteure auf dem Markt enorm, der Unterhalt von eigenen Warenlagern teuer. Hinzu kommt das Selbstbewusstsein der Beschäftigten, die mit ihrem Kampf für eine bessere Bezahlung, sichere Arbeitsbedingungen und Betriebsräte zunehmend erfolgreich sind. An den Preisen zu schrauben ist wiederum riskant. „Sobald etwa Liefergebühren genommen werden, fährt der Kunde eben häufig selbst die 300 Meter zum Supermarkt und kauft sich, was er braucht oder bestellt beim günstigeren Konkurrenten“, sagt Hudetz.

Dennoch bleibt den Unternehmen kaum etwas anderes übrig. Flink bietet kostenlose Lieferungen eigenen Angaben zufolge inzwischen erst ab einer Warenkorb-Größe von 50 Euro an. Vom einst zehnminütigen Lieferversprechen haben sich alle verabschiedet. Gorillas und Flink werben lediglich noch damit, „innerhalb von Minuten“ an der Tür zu sein.

Markt konsolidiert sich

Der Markt konsolidiere sich, einige Unternehmen würden aufgeben, andere blieben, sagt IFH-Handelsexperte Hudetz. Doch verschwinden werde das Angebot nicht. Zu groß bleibe das Wachstumspotenzial. 204 Milliarden Euro Umsatz machte der Einzelhandel im vergangenen Jahr mit Lebensmitteln laut Handelsverband Deutschland (HDE). Der Online-Anteil lag dabei bei lediglich 2,4 Prozent.

Zahlungskräftige Wettbewerber bringen sich in Stellung. Der Lieferkonzern Takeaway dominiert mit seiner Marke Lieferando in Deutschland seit Jahren den Markt für Restaurant-Lieferungen. Vor einigen Tagen hat Lieferando ein eigenes Warenlager für Lebensmittel in Berlin-Charlottenburg eingerichtet. Von dort aus werden nun testweise mehr als 1000 Produkte von lokalen Marken an die Kundinnen und Kunden geliefert.

Auch Wolt hat das Lebensmittel-Segment nicht aufgegeben und lediglich das Konzept geändert. Statt eine teure Warenlager-Infrastruktur aufzubauen, kooperiert das Unternehmen nun mit lokalen Supermärkten, von deren Filialen die Waren abgeholt und geliefert werden. Auch große Einzelhandelsketten wie Rewe oder Edeka sind mit eigenen Diensten schon länger dabei.

Rewe etwa ist neben einem eigenen Angebot auch beim Start-up Flink investiert. Der französische Handelsriese Carrefour ist nach der Übernahme des dortigen Wettbewerbers Cajoo durch Flink ebenfalls mit an Bord. Mit solchen Geschäftspartnern sieht sich das Start-up für den sich verändernden Markt gut gerüstet und hält sogar Ausschau nach weiteren Zukaufsmöglichkeiten: „Wir sehen uns das sehr genau an“, sagte ein Sprecher. „Wir haben Cash zur Verfügung.“

Für die Verbraucher wiederum könnte das bald eine Umstellung bedeuten. Lieferungen werden länger dauern und auch teurer werden, sagt Handelsexperte Hudetz. „Sie müssen sich von den Zehn-Minuten-Lieferversprechen für alle und for free verabschieden. Es wird auf einen Premium-Service hinauslaufen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik CDU und SPD vor Koalitionsgesprächen in Rheinland-Pfalz – Schweitzer und Schnieder starten Verhandlungen
23.03.2026

Nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz stehen CDU und SPD vor entscheidenden Gesprächen über eine mögliche Regierungsbildung. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Imperial Brands-Aktie: Schließung von Reemtsma-Werk – 600 Jobs betroffen
23.03.2026

Nach monatelangen Verhandlungen ohne Ergebnis steht fest: Ein bedeutendes Reemtsma-Werk wird geschlossen. Die Entscheidung von Imperial...

DWN
Finanzen
Finanzen Ein weiteres systemisches Risiko: Fed schlägt Senkung der Kapitalanforderungen für Banken vor
23.03.2026

Milliarden Dollar könnten für Kredite, Dividenden und Aktienrückkäufe freigesetzt werden. Kritiker warnen jedoch, dass niedrigere...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eli Lilly-Aktie: Dieser Wirkstoff könnte den Milliardenmarkt neu ordnen
23.03.2026

Ein neuer Wirkstoff von Eli Lilly sorgt für Unruhe im globalen Pharmamarkt. Retatrutid liefert Ergebnisse, die bisherige Medikamente klar...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Energiepreise: Weltwirtschaft steuert auf Rezession zu
23.03.2026

Die zunehmenden Verwerfungen im Energiesektor infolge des Iran-Kriegs belasten bereits Unternehmen, Verbraucher und Finanzmärkte und...

DWN
Politik
Politik SPD in der Krise: Führung bleibt – Merz bremst Reformen
23.03.2026

Die SPD kämpft nach Rückschlägen um Stabilität, während Kanzler Merz vor übereilten Entscheidungen warnt. Reformen stehen an, doch...

DWN
Politik
Politik Trump will gigantischen Milliardenbetrag für den Krieg in Iran fordern
23.03.2026

Die Kosten für den Krieg gegen Iran steigen rasant. Nun will Donald Trump weitere 200 Milliarden Dollar vom Kongress fordern. Die Debatte...

DWN
Finanzen
Finanzen Volatile Siemens Energy-Aktie: Kurssprung nach schwachem Start – was Anleger jetzt wissen müssen
23.03.2026

Ein turbulenter Handelstag bringt die Siemens Energy-Aktie erneut in den Fokus. Zwischen Kursverlusten und kräftiger Erholung schwankt der...