Deutschland

Deutschland: Produktion geht wieder zurück

Die deutsche Industrie ist schwach ins Sommerquartal gestartet. Gegenüber dem Vormonat ging die Gesamtproduktion im Juli wieder leicht zurück.
07.09.2022 10:27
Aktualisiert: 07.09.2022 10:27
Lesezeit: 3 min

Die deutsche Industrie hat zu Beginn des Sommerquartals weniger produziert. Im Juli ging die Gesamtproduktion gegenüber dem Vormonat um 0,3 Prozent zurück, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Analysten hatten im Schnitt mit einem deutlicheren Rückgang um 0,6 Prozent gerechnet.

«Die Industrie ist schwach ins dritte Quartal gestartet», kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium die Zahlen. Der Zuwachs vom Juni wurde allerdings nachträglich von 0,4 auf 0,8 Prozent angehoben.

Einer Umfrage des Ifo-Instituts zufolge nahmen die Klagen in der Industrie über fehlende Vorprodukte und Materialien zuletzt aber ab: Im August berichteten 62 Prozent der Firmen über Engpässe, im Juli waren es noch mehr als 73 Prozent.

In den Details fiel zu Quartalsbeginn vor allem die Warenproduktion in der Industrie schwach aus. Sie sank von Juni auf Juli um 1,0 Prozent. Innerhalb der Industrie ging die Herstellung von Kraftfahrzeugen und Kfz-Teilen zurück, die ein Minus von 4,6 Prozent meldete. Die Maschinenbauer drosselten ihre Produktion um 1,5 Prozent, ebenso energieintensive Wirtschaftszweige wie die Chemieindustrie (-2,2 Prozent) oder der Bereich Papier und Pappe (-4,3 Prozent). Auch die Metallerzeugung sowie die Herstellung von Glas und Keramik verzeichneten teils deutliche Rückgänge.

Auch die Nahrungs- und Futtermittel-Produzenten fuhren die Erzeugung mit minus 4,2 Prozent stark zurück. Im Baugewerbe wurde die Produktion dagegen um 1,4 Prozent gesteigert, während die Energieerzeugung um 2,8 Prozent wuchs.

Konsumgüter wurden 2,4 Prozent weniger hergestellt, Investitions- und Vorleistungsgüter wurden ebenfalls weniger produziert. Gestützt wurde die Gesamtproduktion dagegen durch den Energiesektor und das Baugewerbe, die jeweils zulegten.

Lieferketten, Ukraine-Krieg, Corona

Den Statistiker zufolge ist die Produktion nach wie vor durch die hohe Knappheit an Vorprodukten wie Halbleiter beeinträchtigt. "Gestörte Lieferketten infolge des Kriegs in der Ukraine und anhaltende Verwerfungen durch die Corona-Krise führen nach wie vor zu Problemen beim Abarbeiten der Aufträge", hieß es.

«Die Belastungen durch hohe Energiepreise dauern an und dämpfen die Aktivität in der Industrie», teilte das Wirtschaftsministerium mit. Die gedrosselten Gaslieferungen aus Russland und die hohe Unsicherheit durch den Ukraine-Krieg trübten die Aussichten für den Rest des Jahres.

Bankvolkswirte äußerten sich ähnlich. «Das Minus fällt zwar klein aus, dennoch ist der Rückgang der Industrieproduktion kein gutes Zeichen» erklärte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. «Die Produktionsdaten untermauern jedenfalls unsere Befürchtung, dass die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal schrumpfen wird.»

Auch Ökonom Ralph Solveen von der Commerzbank rechnet mit einer wirtschaftlichen Schrumpfung im Sommerquartal. Viele Ökonomen fürchten, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr vor allem aufgrund der Energieknappheit in die Rezession fällt.

Unternehmen sehen sich in Existenz bedroht

Einer Umfrage des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zufolge sehen mittlerweile mehr als 90 Prozent der Unternehmen in den gestiegenen Preisen für Energie und Rohstoffe eine starke oder sogar existenzielle Herausforderung. "Die Bundesregierung muss schleunigst ein Entlastungsprogramm für die Wirtschaft auf den Weg bringen", forderte BDI-Präsident Siegfried Russwurm.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht aber noch weitere Hemmnisse. "Auch Fachkräfteengpässe hindern die Betriebe daran, ihre Aufträge zügig abzuarbeiten", sagte DIHK-Konjunkturexperte Jupp Zenzen. Hinzu kämen die seit dem russischen Krieg in der Ukraine dramatisch gestiegenen Energiepreise. "Gerade in energieintensiven Industrien kommt es teilweise zu Stilllegungen oder Einschränkungen von einzelnen Geschäftsfeldern, weil sich die Produktion betriebswirtschaftlich nicht rechnet", sagte der Experte.

Experten zufolge droht die deutsche Wirtschaft im Herbst angesichts hoher Energiepreise, gestörter Lieferketten und Kaufkraftverlusten in eine Rezession abzurutschen.

"Eine Rezession in Deutschland wird in der Folge nicht mehr abzuwenden sein", sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing bei einem Handelsblatt-Kongress. Doch die Wirtschaft besitze genug Widerstandskraft, um die Rezession zu bewältigen. "Wir müssen alles tun, damit unsere Autos, Heizungen und Fabriken nicht nur dann laufen, wenn uns ein Autokrat im Kreml gewogen bleibt", sagte Sewing.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Festkörperbatterien lassen auf sich warten – könnte die Halbfestkörper-Technologie zur Brückentechnologie der Energiespeicherung werden?

Die Batteriewirtschaft befindet sich derzeit in einer bemerkenswerten Übergangsphase. Während nahezu alle großen Hersteller langfristig...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schwarz-Gruppe macht Lidl zum Wachstumsriesen
27.06.2026

Lidl wächst, Kaufland expandiert, und die Schwarz-Gruppe baut ihre Macht in Europa weiter aus. Doch hinter den Milliardenumsätzen steckt...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Chiphersteller Micron und Intel unter Druck, da OpenAI Berichten zufolge IPO-Verzögerung erwägt
26.06.2026

Spannende Verschiebungen an der US-Börse: Was die jüngsten Marktbewegungen für Ihr Portfolio bedeuten könnten.

DWN
Panorama
Panorama Imperien abseits des Rasens: Das verdienen die WM-Stars als Unternehmer
26.06.2026

Die bestbezahlten Fußballer der Welt definieren Reichtum neu. Längst reicht das Einkommen aus ihren Profiverträgen nicht mehr aus –...

DWN
Technologie
Technologie IT-Riese zerstreut Panik wegen gefürchtetem KI-Modell
26.06.2026

Der US-amerikanische IT-Riese Cisco ist eines der wenigen Unternehmen, denen es gestattet wurde, das berüchtigte KI-Modell Mythos zu...

DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (07/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen
26.06.2026

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Sensoren-Hersteller Balluff: „Es braucht Mut zu unbequemen Entscheidungen.“
26.06.2026

Balluff hat sich in über 100 Jahren von einer Reparaturwerkstatt zum Global Player für Sensoren und Automatisierungslösungen entwickelt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schluss mit Billig-Importen: EU stoppt Zoll-Ausnahme für Temu, Shein und Co.
26.06.2026

Wer schnellen Schnäppchen aus Fernost nachjagt, muss sich ab Sommer auf höhere Preise einstellen. Die Europäische Union schafft die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Millionenspritze für Galeria: Rettung auf Zeit oder echte Kehrtwende?
26.06.2026

Galeria steht vor der nächsten Sanierungswelle. Nach zähen Verhandlungen erhält die angeschlagene Warenhauskette einen neuen...