Politik

Russland und Bolivien vereinbaren Handel ohne Dollar und Euro

Nachdem einige große Staaten gezeigt haben, dass man Handel auch ohne den Dollar abwickeln kann, ziehen kleinere Staaten wie Bolivien nach. Dies hat Folgen.
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26.04.2023 10:50
Aktualisiert: 26.04.2023 10:50
Lesezeit: 5 min
Russland und Bolivien vereinbaren Handel ohne Dollar und Euro
Sergej Lawrow, Außenminister von Russland, letzte Woche in Caracas, wo er mit seinem Amtskollegen aus Bolivien zusammentraf. (Foto: dpa) Foto: Javier Campos

In der vergangenen Woche reiste der russische Außenminister Sergej Lawrow in vier Länder Lateinamerikas. Als erstes traf er in Brasilien mit Präsident Luis Inácio Lula da Silva zusammen und im Anschluss Venezuela, Nicaragua und Kuba, drei traditionelle Verbündete Russlands. Wichtige Ergebnisse, nämlich einen weiteren Schlag gegen den Dollar, brachte aber auch Lawrows Treffen mit dem Außenminister von Bolivien in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Russlands erneuertes Interesse an Lateinamerika ist darauf zurückzuführen, dass die Region ein Kampfplatz des neuen Kalten Krieges ist, bei dem der "kollektive Westen", wie Lawrow ihn nennt, auf der einen Seite steht und eine wachsende Gruppe von Schwellenländern auf der anderen Seite.

In seiner Eröffnungsrede bei Gesprächen mit dem venezolanischen Außenminister Yvan Gil Pinto am Dienstag in Caracas sagte Lawrow, er sei zuversichtlich, dass Lateinamerika eine der Säule einer neu entstehenden internationalen Ordnung sein wird, die sich der "Kolonialpolitik" der USA entgegenstellt. Er bekräftigte während seiner gesamten Reise, dass Russland regionale Organisationen wie die Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten unterstützen wird, die als Gegenspieler der US-Regierung angesehen werden. Russland unterstützt auch einen Vorschlag Brasiliens, dass die im so BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bei ihren Transaktionen nicht mehr den Dollar verwenden.

Gemeinsam mit Russland gegen die USA

Bei seinen Besuchen in Kuba, Venezuela und Nicaragua, blieb Lawrows Kritik an den USA und an der Ukraine unwidersprochen. "Die USA haben einen Kreuzzug gegen die Russische Föderation und ihre legitimen Interessen, gegen die russische Kultur und die russischen Traditionen begonnen", sagte er etwa am Donnerstag auf einer Pressekonferenz nach seinem Treffen mit den kubanischen Staatschefs Raúl Castro und Miguel Díaz-Canel, der am Mittwoch für eine zweite Amtszeit ernannt wurde. Die USA hätten "das Kiewer Nazi-Regime als Sprungbrett gewählt und es mit Waffen vollgepumpt", so der russische Außenminister. "Es sollte jedem klar sein, dass dieses Vorgehen hoffnungslos ist."

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine gab es einen regen diplomatischen Austausch und Besuche hochrangiger russischer Sicherheitsbeamter in Kuba, Venezuela und Nicaragua. Anfang März reiste etwa der oberste Sicherheitsberater Wladimir Putins, Nikolai Patruschew, nach einem Besuch in Caracas nach Havanna. Lawrow machte zwar keine konkreten Zusicherungen im Hinblick auf wirtschaftliche Hilfen. Doch er versprach, dass die Ergebnisse der von Díaz-Canel während einer Reise nach Moskau im vergangenen November ausgehandelten Vereinbarungen, insbesondere in Bezug auf Lebensmittel und Öl, zwei für Kuba kritische Bereiche, "bald" bekannt gegeben würden.

Während Russland die wirtschaftliche Kraft fehlt, um viele seiner Versprechen einzulösen, nutzt es seine Verbündeten in Lateinamerika "hauptsächlich, um die Vereinigten Staaten zu ärgern", zitiert der Miami Herald Benjamin Gedan, Direktor des Lateinamerika-Programms des Wilson Center. Russland sei nicht an ernsthaften Partnerschaften in der Region interessiert, in der Moskau nur wenig Handel oder Investitionen habe. "Wenn Lawrow in Lateinamerika auftaucht, dann vor allem, um die Vereinigten Staaten daran zu erinnern, dass Russland in der Lage ist, die Vereinigten Staaten in ihrem nahen Ausland zu schikanieren, um sie davon abzuhalten, sich in Russlands Nachbarschaft zu engagieren", fügte er hinzu.

Lateinamerika verweigert Unterstützung der Ukraine

Die Positionen der lateinamerikanischen Länder zum Ukraine-Krieg haben konkrete Auswirkungen. Brasilien etwa weigert sich, den Forderungen des Westens nachzugeben und Waffen an die Ukraine zu liefern oder auch nur Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Präsident Lula sagte zum Ärger des Westens, dass die Ukraine auf die Halbinsel Krim verzichten solle, wenn sie Frieden wolle. Lawrows Besuch in Brasilien verstärken die Besorgnis weiter. Bei seiner Rückkehr aus China und den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Brasilien hatte Lula zuvor schon gesagt, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union trügen "zur Fortsetzung dieses Krieges bei".

Letzte Woche Montag erklärte Lawrow in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem brasilianischen Außenminister Mauro Vieira, die beiden Länder hätten "übereinstimmende Positionen zu den aktuellen Ereignissen in der Welt" und die russische Regierung sei "unseren brasilianischen Freunden dankbar für ihr korrektes Verständnis der Entstehung dieser Situation und ihr Bestreben, zu einer Suche nach Wegen zu ihrer Beilegung beizutragen." Daraufhin reagierte das Weiße Haus empört. Brasilien würde "russische und chinesische Propaganda nachplappern, ohne sich die Fakten anzusehen", sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats der USA, John Kirby.

Bolivien: Handel ohne Dollar und Euro

Nicht nur die BRICS-Staaten wenden sich vom Dollar ab. Bei ihrem Treffen in der venezolanischen Hauptstadt Caracas stellten Lawrow und sein bolivianischer Amtskollege Rogelio Mayta ein neues System für Handelstransaktionen vor, bei dem der Dollar und der Euro bei internationalen Handelsgeschäften abgeschafft werden. Stattdessen sollen der russische Rubel und der bolivianische Boliviano verwendet werden. "Es wurden direkte Korrespondenzkonten in Rubel und Bolivianos zwischen der Gazprombank und der Union, der größten bolivianischen Staatsbank, eröffnet", sagte der russische Botschafter in Bolivien, Michail Ledenjow, bereits im Februar. Diesen Schritt hatten die Währungsbehörden der beiden Länder bereits im vergangenen Jahr vereinbart.

Ledenjow zufolge erleichtert die Regelung die Arbeit russischer Unternehmen in Bolivien. Zudem seien bolivianische Unternehmen daran interessiert, tropische Früchte, Sojabohnen, Wein, alkoholische Getränke, Kaffee, Lithium, Zinn, Gold und Silber nach Russland zu exportieren. Daher würden die Konsultationen mit der Botschaft intensiviert, um direkte Kontakte zu russischen Unternehmen herzustellen. Derzeit beläuft sich der bilaterale Handel auf etwa 120 Millionen Dollar pro Jahr, wobei der größte Teil davon nach Russland exportiert wird. Moskau ist jedoch auf der Suche nach neuen landwirtschaftlichen Partnern, sodass die bolivianischen Exporteure nun die Möglichkeit haben, ihren Anteil zu erhöhen.

Die wichtigsten Produkte, die Russland nach Bolivien exportiert, sind Arzneimittel und Kraftstoffe. Die wichtigsten Produkte, die Bolivien nach Russland exportiert, sind Karbonate, anorganische Salze, Kokosnüsse, Paranüsse und Cashews. Bolivien verfügt außerdem über die weltweit größten Lithiumvorkommen. Daher ist Chinas Autoindustrie bereits im bolivianischen Lithiumbergbau aktiv. Beide Länder sind an einer verstärkten Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich interessiert. "Bolivien hat Gebiete, in denen es schwierig ist, ein stationäres Krankenhaus zu bauen und zu betreiben. Es können jedoch mobile Diagnosemethoden mit verschiedenen Technologien und Spezialfahrzeugen eingesetzt werden. Über dieses Projekt wird derzeit verhandelt", sagte Ledenjow.

Energiehandel ohne Dollar

Der Energiehandel zwischen China und Russland wird jetzt in Yuan und Rubel abgewickelt, sagte der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Novak am Wochenende in einem Interview mit russischen Medien. Der Handel mit dem Yuan, dem Rubel und der türkischen Lira nehme zu und werde immer üblicher, während der Handel mit dem Dollar oder dem Euro tendenziell abnehme. Moskau beabsichtigt, die Verwendung des Dollars und des Euros bei Energiegeschäften ganz aufzugeben und stattdessen die lokalen Währungen der beteiligten Staaten zu verwenden, sagte Novak laut dem chinesischen Staatssenders CCTV in einem Interview mit russischen Medien.

Der Handel zwischen China und Russland hat im ersten Quartal dieses Jahres seine starke Wachstumsdynamik beibehalten, wie die Parteizeitung der Kommunistischen Partei Chinas Global Times berichtet. Der bilaterale Handel belief sich demnach auf insgesamt 53,85 Milliarden Dollar, ein Anstieg um 38,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und übertraf damit bei weitem das Wachstum des chinesischen Außenhandels insgesamt, wie aus Daten der Allgemeinen Zollverwaltung des Landes hervorgeht. China und Russland haben dem Bericht zufolge ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Finanzen verstärkt und zudem Fortschritte bei strategischen Projekten erzielt.

Bereits im September hatte der russische Energieriese Gazprom mitgeteilt, er habe eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach die Zahlungen für Gaslieferungen an China künftig in Yuan und Rubel statt in Dollar erfolgen sollen. Der Vorstandsvorsitzende von Gazprom, Alexej Miller, erklärte, der neue Zahlungsmechanismus sei eine "für beide Seiten vorteilhafte, rechtzeitige, zuverlässige und praktische Entscheidung" und werde "die Abrechnung erleichtern, anderen Unternehmen als gutes Beispiel dienen und unseren Volkswirtschaften neue Impulse verleihen", hieß es in einer Erklärung auf der Gazprom-Website. Mit der Erholung der chinesischen Wirtschaft in diesem Jahr wird auch eine stärkere Nachfrage nach Energie erwartet.

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