Finanzen

Bankensektor im Höhenflug: UBS erzielt Rekordgewinn

Lesezeit: 6 min
05.09.2023 09:05
Die Schweizer Großbank UBS hat einen monströsen Quartalsgewinn vermeldet – nicht trotz, sondern gerade wegen der Credit-Suisse-Übernahme. Unterdessen können auch zahlreiche deutsche Banken mit guten Zahlen überzeugen. Finanzinstitute erleben gerade einen Höhenflug, die Bankenkrise scheint endgültig überwunden.
Bankensektor im Höhenflug: UBS erzielt Rekordgewinn
UBS-Chef Sergio Ermotti, hier auf der rechten Seite im Gespräch mit Verwaltungsrats-Präsident Colm Kelleher, konnte zuletzt hervorragende Zahlen verkünden. (Foto: dpa)
Foto: Michael Buholzer

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Die UBS hat den größten Quartalsgewinn ihrer Historie erzielt. Das hätte man nach der Credit-Suisse-Übernahme auf den ersten Blick nicht erwartet. 25,5 Milliarden Franken, umgerechnet knapp 29 Milliarden Dollar, blieben nach Abzug von Steuern als Profit übrig. In der Geschichte des modernen Bankwesens wurde innerhalb von drei Geschäftsmonaten noch nie so viel verdient (nominal). Die bisherige Rekordmarke steht bei rund 13 Milliarden Dollar, erzielt von J.P. Morgan Chase im ersten Quartal 2021.

Bilanzieller Einmaleffekt

Die beeindruckende Zahl basiert aber in erster Linie auf einem einmaligen Effekt. So wie Abschreibungen das Ergebnis schmälern, können Zuschreibungen den Gewinn einmalig drastisch in die Höhe katapultieren. So geschah es nun bei der UBS, deren Rekordgewinn ironischerweise erst aufgrund der Übernahme des strauchelnden Konkurrenten möglich wurde.

Mit einem Kaufpreis von rund 3 Milliarden Franken war die Einverleibung der Credit Suisse (CS) nämlich sehr günstig – und wurde sogar nur in UBS-Aktien bezahlt. Der Buchwert (Eigenkapital) der Credit Suisse betrug hingegen zum damaligen Zeitpunkt 54 Milliarden Franken. 16 Milliarden an Eigenkapital waren wiederum darauf zurückzuführen, dass die Schweizer Finanzaufsicht Investoren dazu zwang, genau dieses Volumen an Nachrang-Anleihen als komplett wertlos abzuschreiben.

Die Differenz zwischen Buchwert und Kaufpreis wird in der Bilanz als „Badwill“ (negativer „Goodwill“) erfasst und bedeutete für die UBS einen satten Buchgewinn und eine massive Erhöhung des Eigenkapitals.

Der um diese und andere Übernahme-Effekte bereinigte Vorsteuergewinn betrug derweil nur 1,1 Milliarden Dollar, wobei der integrationsbedingte Aufwand (etwa Abfindungen für Tausende entlassene CS-Mitarbeiter) und die Übernahmekosten mit 830 Millionen Dollar beziffert werden. Dazu kommt noch die Netto-Neubildung von Wertberichtigungen auf Kreditrisiken in Höhe von 740 Millionen Dollar.

Credit Suisse mit Milliardenverlust

In gewisser Hinsicht ist die Wert-Zuschreibung berechtigt, denn nicht nur rein buchhalterisch war die Übernahme ein Schnäppchen. Allein der Wert der Schweizer Sparte der CS wurde von Analysten auf 16 Milliarden Franken geschätzt. Geschenkt gibt es auf dieser Welt aber nichts. Um sich das Filetstück CS Schweiz zu sichern, musste die UBS die zu erwartenden hohen kurz- bis mittelfristigen Verluste der Gesamtbank übernehmen. Im zweiten Quartal machte die Credit Suisse 9 Milliarden Franken Miese. Unter Ausklammerung von Effekten infolge der Übernahme waren es 4,3 Milliarden.

Die traditionsreiche Schweizer Großbank ist zuversichtlich, dass diese negative Phase bald vorüber ist. Konzernchef Sergio Ermotti wird in der Quartals-Mitteilung folgendermaßen zitiert: „Seit wir vor zweieinhalb Monaten den Abschluss der Akquisition der Credit Suisse bekannt gegeben haben, arbeiten wir mit Hochdruck daran, die größte und komplexeste Bankenfusion der Geschichte zum Vorteil aller Anspruchsgruppen umzusetzen.“ Man gewinne das Vertrauen der Kunden zurück, senke die Kosten und leite Schritte ein, um Größenvorteile besser zu nutzen.

Dass sich die Geldabflüsse „weitgehend stabilisiert“ haben, ist in diesem Kontext ein gutes Zeichen. Laut Quartalsbericht erreichte die Credit Suisse zuletzt Einlagen-Zuflüsse von netto 18 Milliarden Dollar. Im dritten Quartal sei die Dynamik weiterhin positiv. Die Kapitalabflüsse aus der CS-Vermögensverwaltung hätten sich zwar fortgesetzt, aber gegenüber den Vorquartalen merklich verlangsamt.

Die alte UBS hat dagegen auch im zweiten Quartal mehr Vermögen angezogen. In ihrem Kerngeschäft „Global Wealth Management“ konnte ein Netto-Zufluss an Kundengeldern von 16 Milliarden Dollar verzeichnet werden. Der Vorsteuergewinn der gesamten Division ging aber um 4 Prozent auf 1,11 Milliarden US-Dollar zurück. Insgesamt verwaltete die UBS-Bankengruppe per Ende Juni Vermögen in Höhe von 5530 Milliarden Dollar, vor der CS-Übernahme waren es noch 4184 Milliarden gewesen.

Die Erträge im Investment-Banking waren rückläufig. Dafür stiegen die Zinseinnahmen, insbesondere im starken Schweizer Geschäft. Die Aussichten des Gesamtkonzerns schätzt man moderat ein. Für das laufende dritte Quartal rechnet das Management mit einem bereinigten Vorsteuergewinn von etwa Null.

Erfolgreiche Integration und langfristige Risiken

Ermotti wurde extra als Vorstand zurückgeholt, um die Integrierung der Credit Suisse zu orchestrieren. Das Mammutprojekt läuft bisher nach Plan. Auf ein von Schweizer Staat und Notenbank garantiertes Sicherheitsnetz mit einem Gesamtvolumen von bis zu 209 Milliarden Franken verzichtete die Großbank. Die Risiken der Übernahme scheint man im Griff zu haben.

Die Finanzmärkte sehen das ähnlich positiv. UBS-Aktien haben seit der Übernahme 30 Prozent an Wert gewonnen und liegen knapp unter dem höchsten Kurs seit 2008. Die Prämien auf Kreditausfallversicherungen („CDS-Spreads“) des Instituts hatten sich infolge der Übernahme temporär verdoppelt. Hier hat eine Stabilisierung stattgefunden, sodass wieder das Niveau von Anfang 2023 herrscht.

Im Zusammenhang mit der CS-Integration hat das Management unter Sergio Ermotti auch erste Ziele formuliert. So soll bis Ende 2026 ein Aufwand-Ertrags-Verhältnis von unter 70 Prozent erreicht werden (aktuell 80 Prozent) und die Kernkapital-Rendite soll sich 15 Prozent „annähern“. Ausführlichere Informationen zur künftigen Strategie hat die Bank für den kommenden Februar angekündigt, zusammen mit den Gewinnzahlen für das Gesamtjahr 2023.

Für Ermotti und die UBS bleiben aber langfristige Fragezeichen. Wer weiß schon genau, welche Risiken und toxischen Assets in der CS-Bilanz so schlummern. Ob man in den wenigen Tagen der Übernahmeverhandlungen alles exakt erfassen konnte, ist anzuzweifeln.

Die Kapitalbasis der UBS ist relativ schwach, insbesondere wenn man es mit den US-Giganten wie J.P. Morgan und Citigroup vergleicht. In der letzten Finanzkrise musste die Schweizer Großbank mit Staatsgeldern gerettet werden. Das Institut betont zwar die jüngst leicht gestiegene risikogewichtete Kernkapitalquote (CET1) von 14,4 Prozent, aber deren Aussagekraft ist zweifelhaft. Vor der großen Übernahme betrug die harte Eigenkapitalquote der UBS nur 6 Prozent und hatte sich in den letzten Jahren trotz konstanter Gewinne sogar verringert.

Immerhin kann man sich im schlimmsten Fall wohl wieder hundertprozentig auf Staatshilfen verlassen. Die Bilanzaktiva der neu aufgeblähten UBS machen rund 40 Prozent des gesamten Schweizer Bankensektors und das Doppelte der Schweizer Wirtschaftsleistung aus. Die UBS ist heute nicht mehr „too big to fail“, sondern „way too big to fail“.

Klassische Banken im Höhenflug

Einen ähnlichen Status hat hierzulande die Deutsche Bank, die im ersten Halbjahr einen Vorsteuergewinn von 3,3 Milliarden Euro verbuchte – so viel wie seit 2011 nicht mehr. Zwar war der Netto-Gewinn mit 1,4 Milliarden Euro im zweiten Quartal nicht mehr so hoch wie noch im ersten. Aber die einzelnen Sparten zeigten sich weiterhin ertragsstark.

Besonders das Unternehmensgeschäft, welches von steigenden Zinsmargen profitiert, überzeugte mit einem Quartalsgewinn von 670 Millionen Euro. Im Investmentbanking wurden die Erwartungen der Analysten übertroffen, die Vermögensverwaltung (im Wesentlichen die Fondsgesellschaft DWS) schnitt hingegen unerwartet schlecht ab.

Wir sind im ersten Halbjahr 2023 erneut in allen Geschäftsbereichen dynamisch gewachsen und haben unsere Ertragskraft ebenso unter Beweis gestellt wie unsere robuste Bilanz“, so Vorstandschef Christian Sewing.

Der 2019 gestartete Konzernumbau scheint Früchte zu tragen. Im Rahmen eines Kostensenkungsprogramms wurden massiv Mitarbeiter abgebaut. Notleidende Kredite und toxische Hypotheken-Papiere lagerte man in eine Bad Bank aus. Zudem verlagerte die Großbank das Kerngeschäft weg vom volatilen und US-fokussierten Investmentbanking hin zum nachhaltigeren Kreditgeschäft mit Unternehmens- und Privatkunden.

Seit 2020 ist Deutschlands größtes Finanzinstitut wieder profitabel und der jährliche Nettogewinn konnte dabei stetig gesteigert werden (2020: 113 Millionen Euro; 2021: 1,94 Milliarden; 2022: 5 Milliarden). Wenn es so weiter geht wie bisher, dürfte sich dieser Trend 2023 fortsetzen. Unter der Oberfläche schlummern allerdings beträchtliche Risiken, wie die DWN in einem alten Artikel detailliert erklären.

Andere deutsche Banken meldeten ebenfalls gute Zahlen. Die auf Unternehmenskunden spezialisierte genossenschaftliche DZ Bank verdoppelte den Gewinn im ersten Halbjahr auf 2 Milliarden Euro. Die größte Direktbank ING konnte den Quartalsgewinn vorwiegend dank höherer Zinserträge um 83 Prozent zum Vorjahr steigern. Die BayernLB, nach Bilanzsumme immerhin Deutschlands siebtgrößtes Institut, erwartet dieses Jahr einen Gewinn von bis zu 1,3 Milliarden Euro. Auch die bayerische Landesbank und ihre Tochter DKB profitieren massiv von den höheren Zinsen.

Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich bei den Neobanken. Das inzwischen wieder hochprofitable Kreditgeschäft dominieren nach wie vor die traditionellen Sparkassen, Genossenschaftsinstitute und Großbanken. Die Online-Banken haben sich stattdessen im knüppelharten Wettbewerb um die Smartphone-Kundschaft gegenseitig mit Niedrig- und Nullgebühren überboten. Für schnelles Wachstum wurden jahrelang tiefrote Zahlen geduldet. Nun trocknet langsam die Finanzierung aus und es wird Zeit für Gewinne – was den meisten Anbietern aufgrund fehlender Skaleneffekte und einem Mangel an attraktiven Zusatzangeboten nicht gelingt. Eine weitere Option ist die Einführung oder Erhöhung von Gebühren, wozu sich manche Anbieter denn auch schon gezwungen sehen. Hier ist jedoch das Risiko, zahlreiche Langzeitkunden zu vergraulen, die gerade wegen niedriger Kosten ein Konto eröffnet hatten.

Die verprellten Kunden könnten sich dann in Zukunft statt einer anderen Neobank vermehrt klassischen Banken zuwenden und deren positiven Trend beflügeln, sofern diese attraktive Zinsen bieten. Aktuell tun das noch die wenigsten. Gleichzeitig bricht in Deutschland das Volumen an Neukrediten geradezu ein und die Zeichen stehen auf Rezession – für Finanzinstitute ein schwieriges Umfeld. Für uns bei den DWN bleibt der Bankensektor hochinteressant und wir werden deshalb die Entwicklungen genauestens verfolgen.

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.


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