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Ökonom warnt: Deutschland droht Zusammenbruch seiner Wertschöpfung

Der Schock über die Ergebnisse der jetzt vorgestellten PISA-Studie 2022 ist groß, Deutschland gleitet in eine tiefe Bildungskrise. Über die Folgen für die deutsche Wirtschaft und besonders für den Mittelstand sprachen die Deutschen Wirtschaftsnachrichten mit Dr. Hans-Jürgen Völz. Völz ist Chef-Volkswirt des Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW).
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07.12.2023 11:05
Aktualisiert: 07.12.2023 11:05
Lesezeit: 3 min
Ökonom warnt: Deutschland droht Zusammenbruch seiner Wertschöpfung
Die neuste PISA Studie (Programme for International Student Assessment) zeigt: Deutschland steht vor einer schweren Bildungskrise. (Foto: dpa) Foto: Christophe Gateau

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Bedeutung hat die PISA-Studie und die damit aufgezeigten Mängel unseres Bildungssystems für die Wirtschaft und besonders für den Mittelstand?

Hans-Jürgen Völz: Erhebliche Bedeutung, ich weiß wirklich nicht, wie laut der Weckruf eigentlich noch sein muss, dass wir als Gesellschaft endlich begreifen, dass wir etwas tun müssen. Deutschland als rohstoffarmes Land hatte seit jeher drei Pfeiler, auf denen der Wohlstand des Landes ruhte: ausgezeichnet ausgebildetes Personal, eine exzellente Infrastruktur, politische Stabilität mit einem hohen Maß an Rechtssicherheit und nicht zuletzt soziale Sicherheit. Die ersten beiden Pfeiler brechen gerade weg – und das gefährdet unseren Wohlstand. Und das nicht erst irgendwann einmal, sondern schon recht bald. Weil die gesamte volkswirtschaftliche Wertschöpfungskette nachhaltig beschädigt wird.

DWN: Was heißt das konkret für die Wirtschaft in Deutschland?

Völz: Die volkswirtschaftliche Wertschöpfungskette beginnt mit der schulischen Ausbildung – und zwar mit dem Erlernen der Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen. Danach folgt die kausale Beziehung in der Wertschöpfungskette, beginnend mit der beruflichen Ausbildung, der Forschung und Entwicklung, die in Erfindungen münden, die ihrerseits zur Innovation von Produkten oder Verfahren werden. Die für ihre Produktion notwendigen Investitionen in Maschinen und Anlagen bilden die Grundlage für Wachstum und Beschäftigung und determinieren schließlich das Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft. Das heißt aber im Umkehrschluss, wenn die Grundlagen in der Schule nicht hinreichend gelegt werden, bricht die gesamte Wertschöpfungskette zusammen. Ohne schulische Bildung wird die berufliche Ausbildung kaum klappen, zumindest nicht auf einem hohen Niveau, an Forschung und Innovation ist dann erst gar nicht zu denken. Die Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland lassen sich dann leicht ausmalen. Der wirtschaftliche Niedergang ist dann nur noch eine Frage der Zeit.

DWN: Nun wurden bei der PISA-Studie drei Bereiche untersucht, nämlich die Kenntnisse in Deutsch, Mathematik und in den Naturwissenschaften. In welchem Bereich würden Sie zuerst ansetzen?

Völz: Genau in derselben Reihenfolge: Natürlich sind Kenntnisse in den Naturwissenschaften sehr wichtig und mathematische Grundkenntnisse erst recht. Jedoch: Ohne hinreichende Lese- und Schreibkompetenz ist alles andere nichts. Das heißt, dass nicht nur unsere Wirtschaft, sondern unsere Gesellschaft insgesamt schweren Schaden nimmt, wenn wir da nicht ansetzen – und das sehr schnell.

DWN: Wie könnte das geschehen?

Völz: Es hilft nichts – wir brauchen eine große nationale Kraftanstrengung, um wenigstens die allerschlimmsten Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zu korrigieren. Das heißt: Wir brauchen eine Art nationale Bildungsagenda. Das kleinteilige Agieren auf Länderebene muss endlich aufhören. Allen Beteiligten sollte nach den verheerenden Ergebnissen der PISA-Studie klar sein, dass es für alle verbindliche Bildungsziele geben muss. Einigen sollte man sich auf eine Sofortmaßnahme Förderinfrastruktur in den Grundschulen und bestenfalls auch den Kindertagesstätten.

DWN: Welche Ziele wären das?

Völz: Wie schon gesagt: Ohne hinreichende – und das heißt ordentliche – Deutschkenntnisse geht es schlicht nicht. Wir erleben es ja in den Betrieben des Mittelstands. Der Mittelstand in Deutschland stellt sieben von zehn Ausbildungsplätzen. Doch jeder mittelständische Betrieb ist völlig überfordert, wenn die Auszubildenden weder vernünftig deutsch verstehen noch sich in Deutsch ausdrücken können. Wenn wir an diesem Punkt nicht massiv ansetzen, bricht uns das gesamte Ausbildungswesen weg, dann ist auch unser vielgerühmtes System der dualen Ausbildung hinfällig, weil auch die Berufsschulen dieses Defizit nicht beheben können.

DWN: Und was folgt daraus?

Völz: Konzentration auf die dringendsten Bedürfnisse. In diesem Fall auf die Vermittlung von Deutschkenntnissen. Hier müssen wir zeitnah alle Hindernisse aus dem Weg räumen und auch zusätzliche Bildungsinvestitionen stemmen. Ein Weiter so können wir uns schlicht nicht leisten. Die Politik in Deutschland hat seit mehr als 20 Jahren, als die ersten PISA-Studien veröffentlicht wurden, beharrlich alle Warnungen in den Wind geschlagen. Doch wenn wir jetzt nicht umsteuern, ist es einfach zu spät. Das heißt auch aktuell für die Bundesrepublik Deutschland: Trotz aller Haushaltsnöte, in denen unser Land gegenwärtig steckt, verbieten sich Kürzungen bei der Bildung. Im Gegenteil: Investitionen müssen verstärkt in den Bildungssektor fließen.

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