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Palantir: Wie Vorurteile die sinnvolle Anwendung von Polizei-Software behindern

Palantir Technologies ist ein Software-Anbieter aus den USA, der entweder Gruseln und Unbehagen auslöst oder Begeisterung unter seinen Anwendern. Kritiker halten das Unternehmn für eine undurchsichtige Datenkrake. Es scheint in der Beurteilung seiner beiden Chefs, Alex Karp und Peter Thiel, nur Schwarz oder Weiß zu geben. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten haben einmal versucht, das Phänomen etwas gründlicher zu beleuchten, als nur einen Scheinwerfer auf den Börsenkurs zu richten.
23.04.2024 13:30
Lesezeit: 4 min
Palantir: Wie Vorurteile die sinnvolle Anwendung von Polizei-Software behindern
Logo von Palantir Technologies: Das börsennotierte amerikanische Softwareunternehmen ist auf Big-Data-Analysen spezialisiert und expandiert in Europa. (Foto: dpa). Foto: Gian Ehrenzeller

An dem Silicon-Valley-Entrepeneur Peter Thiel scheiden sich die Geister. Er hat Anhänger und womöglich sogar einige Jünger, die ihn, den Gründer der Bezahl-Software PayPal, für einen begnadeten Unternehmer halten. Andere sehen in ihm, ob seiner politischen Ansichten und der Unterstützung Donald Trumps, für einen Totengräber der Demokratie. Seitdem seine Neugründung Palantir weltweit auf dem Vormarsch ist und bei Militär sowie in Sicherheitskreisen Anwendung findet, mehren sich die Verschwörungstheorien.

Sämtliche Gerüchte und Mythen scheinen in dem Verdacht begründet zu sein, Palantir Tech, 2003 gegründet, sei vom CIA finanziert worden, um den Terroristen Osama bin Laden zu schnappen und 2011 auszuschalten. Mit Hilfe des sogenannten Data-Minings, heißt es, sei der mit Hilfe des Programmierers Karp in Pakistan ausfindig gemacht worden. Entstanden sei daraus ein datenhungriger „Juggernaut“ - ein Moloch also, der in Wirklichkeit die öffentliche Ordnung eher bedroht und nicht beschützt, wie Befürworter argumentieren würden.

Daten-Massen sinnvoll zu sortieren und analysieren

CIA, NSA, FBI zählen zu den Kunden und Nutzern der Palantir-Software, um besser die schieren Daten-Massen zu sortieren. In Deutschland verwendet das hessische Innenministerium eine Polizei-Analyse-Anwendung des seit 2020 an der New Yorker Stock Exchange (NYSE) gehandelten Unternehmens aus Denver/Colorado - angeblich mit erfolgreichen Ergebnissen. Auch andere Behörden sammelten gute Erfahrungen. Der frühere Airbus-Chef Tom Enders äußerte sich positiv. Das Business in Europa gedeiht allerdings besser als bei uns.

Inzwischen befindet sich in Altendorf im Kanton Schwyz Palantirs Europa-Zentrale. Gründer Alex Karp selbst unterhält ein Haus am Zürichsee. Der Deutschland-Sitz befindet sich in München - seit 2010 versucht Palantir hier, Kunden zu akquirieren. Mit zwiespältigen Erfolg. Die undurchsichtige Vorgeschichte hat Vorurteile gedeihen lassen, die derzeit einer bundesweiten Anwendung der Palantir-Software „Palantir Gotham“ und der kommerziellen Anwendung „Foundry“ im Wege stehen - schon das klingt nach düsteren Kampfszenen aus dem DC-Universum, dem Comic-Verlag, der Batman gegen das Verbrechen auf die Straßen gelassen hat, freilich aber auch an obskure Schurken denken lässt.

Für viele ist Peter Thiel der „Joker“ aus Gotham-City

Ist der Deutsch-Amerikaner Peter Thiel in Wirklichkeit vielleicht der Joker? Der Name Palantir stammt übrigens von der Bezeichnung der sehenden Steine aus Tolkiens Fantasy-Saga „Herr der Ringe“. Tatsächlich besitzt Peter Thiel nicht nur die deutsche und die US-Staatsbürgerschaft, sondern auch die Neuseelands - der Mann wähnt sich offenbar Mittelerde näher als der wahren Welt. Dort verdient er allerdings richtiges Geld.

Zusammen mit Elon Musk gehörte er zu den Gründungsvätern des Zahlungsdienstleisters PayPal. Auch in Facebook war er als Anleger investiert. Sein Vermögen wird auf über sechs Milliarden Dollar geschätzt. Wenig verwunderlich, dass er es versucht als Risiko-Kapitalgeber zu mehren. Bei Palantir ist Thiel freilich über ein finanzielles Engagement hinaus engagiert - er glaubt wirklich an den Nutzen der Software seines Alter Egos Alex Karp - der kontradiktorisch alles anders sieht, zum Nutzen des gemeinsamen Unternehmens.

Thiel polarisiert. Er sieht sich also „Contrarian“ - eine Abwandlung des in den USA verbreiteten Liberatarismus. Demnach sind die Liberatarians grundsätzlich „skeptisch gegenüber Autorität und staatlicher Macht“. Gepaart mit dem Drang bei Diskussionen Kontra zu geben, hat Thiel seine eigene Spielart der politischen Philosophie ausgebildet. Er stellt in Frage, bis zu welchem Grad ein Staat seinen Bürgern bevormunden und mit Regeln traktieren darf. Die anfängliche Begeisterung für den erratisch agierenden Donald Trump ist insbesondere für Amerikaner da nicht so ganz überraschend.

BKA und BND stehen nach Intervention vor der Tür

Die Beurteilung der Software von Palantir sollte von derlei Hintergründen allerdings nicht beeinflusst sein. In Zeiten von hybriden Bedrohungslagen und Kriminellen Clan-Strukturen kommt es auf die bestmögliche Ausstattung unserer Behörden an, möchte man meinen. Bei Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesnachrichtendienst jedenfalls bedauert man die Hemmnisse sehr, betonen Mitarbeiter, die die Software kennen.

„Wir könnten mit einem Porsche auf Verfolgungsjagd gehen, müssen aber mit Handbremse und einem Anhänger an der Deichsel fahren“, sagte ein Insider den DWN mit Bedauern. Innenministerin Nancy Fieser hat relativ eigenmächtig verfügt, dass Palantir-Produkte nicht genutzt werden soll. Eigentlich waren Bund und Länder schon auf bestem Wege, sich mit Palantir handelseinig zu werden, da grätschte Nancy Faeser im Sommer 2023 dazwischen und stoppte die Pläne rigoros.

Die Grundlage ihrer Entscheidung scheint eher ideologischer Natur zu sein, argwöhnen Kritiker, „an der Software kann es nicht liegen“. Herbert Reul, Innenminister in Nordrhein-Westfalen, äußerte sein Unverständnis und glaubt, dass Animositäten im hessischen Wahlkampf dahintersteckten. Faeser ärgerte sich angeblich, dass Schwarz-Grün 2018 in ihrem Heimatland Hessen die Polizeisoftware eingekauft hatte - ohne Ausschreibung allerdings. Die Sache wurde auf Geheiß der SPD in Wiesbaden parlamentarisch aufgearbeitet.

Die Folgen sind in der Praxis geradezu dramatisch. Wie zu Zeiten der Kleinstaaterei macht mal wieder jede Behörde ihr Ding, als ermittelten sie auf ihrem Eiland, Von Zusammenarbeit und zügiger Ermittlungsarbeit kann so keine Rede sein. „Die von Frau Faeser angestrebte eigene digitale Kompetenz bedeutet, dass das schnelle Erkennen von Tat und Täterzusammenhängen durch eine Analyse-Plattform weiterhin durch Insellösungen erfolgen wird“, kritisiert Dirk Peglow vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Ausgerechnet die Bundesbehörden stehen inzwischen draußen vor der Tür.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Palantir selbst zu lange auf Abschottung gesetzt hat und auf die typische und wesenseigene Heimlichtuerei von Schlapphüten. Angesichts der Kundschaft nicht unbedingt verwunderlich. Die Sorge, dass Palantir, Daten sammelt und weitergibt, scheint selbst Datenschützern abwegig - oder auch vom vertrauenswürdig geltenden Fraunhofer-Institut.

Das Data-Mining indessen ist nun einmal eine Geschäftszweck, den auch andere Unternehmen nachgehen, die freilich nicht im Sperrfeuer der öffentlichen Kritik stehen wie der Daten-Spezialist Palantir. Womöglich hat dies auch Peter Thiel selbst erkannt. Er distanziert sich neuerdings von Donald Trump und scheint um ein neues Image bemüht. Womöglich muss er mal persönlich an die Front, um bei Nancy Faeser und anderen Skeptikern bei uns im Lande Überzeugungsarbeit zu leisten.

Wichtig wäre es schon, dass deutsche Behörden die beste Technologie und Software an den Start bringen. IT-Experten der Polizei sind überzeugt, dass mit Palantir-Analysen der Terror-Anschlag auf den Breitscheid-Platz in Berlin rechtzeitig verhindert worden wäre. Auch als jüngst unsere Sicherheitsbehörden in Bayreuth zwei mutmaßlich russische Spione und Saboteure hopsnahmen, die US-Stützpunkte in Süddeutschland ausgespäht und Anschläge auf militärische Transportwege geplant haben sollen, wurde wieder mal klar, wie wichtig entsprechende umfassende Analyse-Fähigkeiten wären, um Deutschland besser schützen zu können - auch gegen Anschläge etwa des sogenannten Islamischen Staates (IS). Die Infos kamen wieder mal „von befreundeten Diensten“ und nicht etwa unseren ureigenen Spähern.

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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