Immobilien

Welche Bau-Krise? Frankfurt will Skyline verdoppeln und 14 neue Türme bauen

Keine andere Stadt hat so sehr vom Brexit profitiert wie Frankfurt am Main. Über Nacht ist die Bankenmetropole mit dem EU-Austritt der Briten zum wichtigsten Finanzplatz in Kontinentaleuropa avanciert. Es scheint so, als strotzt die Stadtverwaltung seither nur so vor Übermut. „Mainhattan“, schon jetzt die Stadt der Hochhäuser und hohen Häusern, will - sage und schreibe - 14 weitere Türme errichten lassen in der Innenstadt und somit seine (nachts durchaus imposante) Skyline verdoppeln. Wie ist das möglich angesichts der Krise bei den Büro-Immobilien im Lande? Oder handelt es sich um einen Fall von Größenwahn?
27.05.2024 10:50
Aktualisiert: 22.05.2030 06:50
Lesezeit: 4 min

Frankfurt ist ein Phänomen. Wer es sich leisten kann, wohnt immer noch lieber außerhalb im Taunus. Da kann der Fernblick aus einem der zahlreichen Hochhäuser der Banken-Metropole noch so beeindruckend sein. Im Kern ist die Stadt am Main ein Dorf geblieben – tagsüber wird in den Büros ordentlich aufgedreht, nachts ist bestenfalls noch in Sachsenhausen was los. Großstädtisch ist nur die Kriminalitätsrate und die Drogen-Szene im Bahnhofviertel - die sorgt tatsächlich immer wieder mal international für Schlagzeilen. Zum Beispiel, wenn arglose Besucher der Euro 2024 in die dortigen Hotels gelotst werden - zu den EM-Partien in diesem Sommer.

Gebürtige Frankfurter sehen diese Betrachtung ihrer Heimatstadt in ungerechten Vorurteilen begründet. Die Ansiedlungserfolge seien doch beachtlich, Frankfurt habe in vielerlei Hinsicht die City of London als Finanzstandort abgelöst, zumal ja die Europäische Zentralbank (EZB) am Main residiert. Im Rathaus will man es ohnehin allen zeigen und ist beständig damit beschäftigt, gigantische neue Baupläne zu entwickeln und stolz der Öffentlichkeit zu präsentieren. Mainhattan sei nicht nur ein mediokres Abziehbild des Big Apple in Manhattan, sondern inzwischen der wichtigste Wirtschaftsstandort Europas. Das Dutzend Hochhäuser wie Messeturm (257 Meter hoch), DZ-Bank (208 Meter), Commerzbank-Tower (259 Meter) und Westend Gate sollen nur der Auftakt des neuen Frankfurt gewesen sein - die Stadt strebt nach höheren Weihen und hat dafür nun 14 weitere Standorte im neuen Rahmenplan festgelegt.

Gigantomanische Aussichten fürwahr! Die meisten der Gebäude sollen moderne Bürohäuser werden, was bedeutet, dass im Sockelbereich, ganz zeitgemäß, öffentliche Nutzungen wie Gastronomie und Unterhaltung Platz finden sollen. Um Wohntürme freilich geht es den Planern eher nicht, was verantwortliche Baupolitiker und Stadträte in anderen Bundesländern verblüffen dürfte.

Zukunftsmusik oder realistische Zielmarke?

Frankfurt ist jedenfalls wild entschlossen, weiter als Deutschlands Bürostandort Nr. 1 zu wachsen - die Skyline soll sich breiter aufstellen entlang des Mains und am besten auch in die Höhe streben. Das sehen die Pläne von Marcus Gwechenberger vor. Der SPD-Politiker ist der verantwortliche Bau-Dezernent Frankfurts. Er hat ein Stadtmodell en miniature bauen lassen - das vorzuzeigen, hat noch alle begeistert bisher. Es zeigt auf, wo überall noch Platz ist für künftige Türme in Frankfurt.

Eine Hochhaus-Promenade zwischen Alter Oper und Städtischen Bühnen ist zum Beispiel vorgesehen. Im Ostend soll das EZB-Gebäude (180 Meter hoch) weitere imposante Nachbarn erhalten und als weiterer City-Cluster fungieren. Jedes Jahr soll möglichst ein weiterer Turm in Frankfurt hochgezogen werden - insgesamt 14 Stück an der Zahl, was eine Verdopplung der derzeitigen Skyline bis 2040 bedeuten würde. Die Stadt will hoch hinaus - in gleich mehrfacher Hinsicht. Schon jetzt sind 18 von 19 Hochhäusern allein in Frankfurt mit über 150 Metern als Wolkenkratzer einzustufen - eine Spitzenposition in Europa. Insgesamt gelten in der hessischen Großstadt 90 Gebäude als Hochhäuser im Sinne der Bauordnung.

Es fehlt noch ein Superturm von 300 Metern

Künftige Projekte an bestimmten Standorten zu Clustern zu bündeln, macht aus planerischer Sicht Sinn. Eine Kulisse wirkt so richtig erst als arrangiertes Gesamtkunstwerk, deshalb wünschen sich wohl auch viele Bürger eine Krone für ihre Stadt. „Mir fehlt in Frankfurt noch ein Superturm mit über 300 Metern Höhe“, gesteht Thomas Beyerle von der Immobilienfirma Catella. Er ist bullish auf Frankfurt, um es im Börsenjargon zu formulieren. Ein echter Wolkenkratzer fehlt ihm noch, das würde die Stadt „richtig rocken“.

Ob das tatsächlich so realisiert wird, bestimmen indessen Wirtschaft und Markt. das räumt Gwechenberger freimütig ein. Die Stadtverwaltung habe nur einen verbindlichen Rahmen vorgelegt - präventiv, um Wildwuchs zu verhindern. Dennoch sind die Verantwortlichen zuversichtlich, dass jedes Jahr ein neues Hochhaus in Bau geht und auch Nutzer findet. Der Rahmenplan ist halt doch mehr als nur Zukunftsmusik - mehr schon eine Zielmarke.

Entzückende Skyline: Touristen zücken die Kamera

Auch in der Tourismus und Congress GmbH ist man ganz sicher, dass Frankfurt international im Trend liegt, mit seinem urbanen Flair und der amerikanischen Anmutung. „Die Touristen lieben das“, sagt deren Sprecherin Sabine Gnau. „Man sieht es beispielsweise an der Taunusanlage, wenn Besucher ihre Handys zücken, oder abends am Mainufer und den Mainbrücken, wo Menschen den Sonnenuntergang genießen vor der Skyline.“

Und wie steht es um den Immobilienmarkt seit Corona? Sind Banker gegen den neumodischen Drang zum Home-Office immun? Der Start-up-Unternehmer Florian Färber, der bundesweit nach Standorten für seine kommerzielle Co-Living-Kette „The Base“ sucht, hält Frankfurt für völlig überschätzt. „Die glaubten ernsthaft, London ablösen zu können, aber die Stadt sei doch nur ein großes Dorf“, witzelte Färber im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Nun gut, Färber ist kein Banker oder Börsen-Analyst, sonst dächte er womöglich anders über die Perspektiven der Banken-Hauptstadt. Vielleicht sind Wohntürme genau deshalb dort kein Thema. Wiesbaden, Mainz, Hanau sind nicht weit.

Andererseits könnte der Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch auf gewisse Gefahren in der Stadtentwicklung hindeuten. Nicht jeder Makler glaubt, dass die Blütenträume wirklich reifen und wahr werden. Von Größenwahn sprechen sie nur hinter vorgehaltener Hand. Das Geschäft mit Courtage und Provision würden trotzdem alle gerne mitnehmen.

Die Zweifel sind nicht unbegründet: In einer Stadt wie Frankfurt gehen auch Hochstapler ein und aus. So wie einst Dr. Jürgen Schneider, der den Bankern und Immobilien-Experten mitten auf der Zeil Etagen und Bruttogeschossflächen vorgaukelte, die es - realiter - überhaupt nicht gab. Und jetzt schon leerstehende Hochhäuser gibt es derzeit auch in der Innenstadt - doch Hoffnungswerte gehören an der Frankfurter Börse bekanntlich zu den handelbaren Titeln.

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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