Politik

Inflationsausgleichsprämie: Bis zu 3.000 Euro steuerfrei - wer bekommt sie tatsächlich?

Seit dem 26. Oktober 2022 können Arbeitgeber ihren Beschäftigten steuer- und abgabenfrei einen Betrag bis zu 3.000 Euro gewähren. Das sieht die sogenannte Inflationsausgleichsprämie vor, die die Bundesregierung nach Putins Angriff per Gesetz eingeführt hat. Der Haken: Es handelt es sich tatsächlich nur um eine freiwillige Leistung der Arbeitgeber. Glückssache, wer sie kriegt!
15.06.2024 14:50
Lesezeit: 2 min

Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Davon kann die Ampelregierung selbstkritisch inzwischen ein Lied mit vielen Strophen singen. Der jüngste Refrain: Auch die Arbeitgeber sollten ein Stückchen vom Kuchen abgekommen.

Das ist wieder kolossal schiefgegangen. Statt der lauthals angekündigten „konzertierten Aktion“ für Angestellte und Arbeiter im Lande ist gerade mal die Hälfte der abhängig Beschäftigten in den Genuss der einst von Gewerkschaften, Bundesregierung und Arbeitgeber auf den Weg gebrachten Initiative gekommen. Die anno 2022 versprochene Inflationsausgleichsprämie ist damit - sozial betrachtet - ein Rohrkrepierer: Die einen gönnen sich einen Kurzurlaub mit dem Geld, die anderen gucken in die Röhre. Sie haben nichts vom Arbeitgeber erhalten – dabei sollte es steuerlich eine Win-win-Situation für alle schaffen.

Noch nicht zu spät: Zeitfenster bleibt bis Ende 2024 offen

Noch es ist nicht zu spät: Bis Ende 2024 könnten Firmenchefs den Anreiz nutzen und das Geld (auch in Tranchen) anweisen – und das Ganze steuer- und sozialabgabenfrei, um den Inflationsschock, der mit dem Krieg und der Energiekrise über das Land hingefegt ist, abzufedern.

Die Gewerkschaften ahnen freilich: Das wird wohl nichts mehr kommen, das Thema ist vom Tisch und überholt. Denn die Arbeitgeber müssen teils deutlich höhere Gehaltsabschlüsse verkraften. 2150 Euro wurden nach einer Umfrage und Berechnungen von YouGov im Schnitt ausgezahlt. Gut 20 Millionen Bürger haben die Prämie herhalten. Doch bei den Nutznießern überwiegen jene Gruppen, denen es in ihren Jobs ohnehin besser geht. Je höher das Gehalt, desto höher der Effekt und die Zufriedenheit, so das Fazit von YouGov.

Angeblich sollen zwei Drittel der Arbeitnehmer mit einem Salär von über 4000 Euro profitiert haben. Arbeitnehmer in prekären Beschäftigungsverhältnissen sind zumeist leer ausgegangen. Wer unter 2.000 Euro verdient, hat lediglich in einem Drittel der Fälle etwas zum Ausgleich vom Chef erhalten. Das kann nicht das Ziel von Bundeskanzler Olaf Scholz und Sozial- und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) gewesen sein.

Wer wenig verdient, war von Inflation besonders gebeutelt

Wirtschaftswissenschaftler wie Marcel Fratzscher vom DIW in Berlin rechnen denn auch die grobe Ungerechtigkeit vor: Wer wenig verdient, ist natürlich auch überproportional mehr von der Inflation erwischt worden. Sie mussten mehr für Lebensmittel und Energie ausgeben.

Ökonom Fratzscher wörtlich: „Das betrifft einerseits Menschen mit geringem Einkommen. Und zum anderen betrifft es auch viele Menschen, die wenig Geld haben und nicht arbeiten: etwa Rentner oder Studenten.“ Das dürfte insbesondere im Osten Deutschlands auf die Stimmung gedrückt haben und den Sozialdemokraten an der Wahlurne diese Woche auf die Füße gefallen sein.

Die Bundesregierung wollte besonders schnell und unkompliziert helfen, als sie sich für die Inflationsausgleichsprämie ins Zeug legte im Jahr 2022. Keine Verwaltungskosten, sondern einfach nur ein Abschlag bei der Steuer. Die Alternative wären zielgenaue Überweisungen gewesen, was aber aufwändig ist und bereits beim Klimageld in der grauen Theorie stecken blieb. Dafür bräuchte der Fiskus eine „Datei mit der Bedürftigen“, wie es Sozialverbände erhoffen, freilich sehr genau wissen, dass „ja nicht sein kann, was nicht sein darf“.

In der aktuellen Haushaltslage hätte der Bundesfinanzminister Christian Lindner von der FDP ohnehin verhaltener reagiert und die Prämie des Koalitionspartners natürlich nicht einfach durchgewinkt. Insgesamt ist der Prämienausgleich zu Buche geschlagen – je gut zur Hälfte bei der Steuer und den Sozialausgaben.

Die Gewerkschaften sagen, dies zeige nur, „wie wichtig die Tariftreue der Arbeitgeber ist“. Allerdings auch die Arbeitgeber sollten sich fragen, ob sie sich angesichts der Verschiebungen am Arbeitsmarkt leisten können, ihre Arbeitnehmer so im Regen stehenzulassen. „Versprochen gebrochen“, das lernt jedes Kind, bleibt in Erinnerung.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Echt oder Kopie? Billige Labordiamanten erobern den Markt
22.08.2026

Labordiamanten kosten nur einen Bruchteil natürlicher Steine und erobern den wichtigsten Diamantenmarkt der Welt. Für Juweliere,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Bahn: Vandalismusschäden in Höhe von 34 Millionen Euro
22.08.2026

Graffitis an Bahnhofswänden, Kabeldiebstahl, zerkratzte Scheiben in Zügen - die Deutsche Bahn ist ständig mit Vandalismus konfrontiert....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Eishersteller Florida Eis investiert 25 Millionen Euro – in Sachsen-Anhalt
22.08.2026

Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme mit Politikern aus Sachsen-Anhalt, legt der Berliner Eishersteller Florida Eis den Grundstein für...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldanlage mit KI: Ist mit diesen KI-Tools die schnelle Algorithmen-Rendite möglich?
22.08.2026

KI analysiert Finanzdaten schneller als jeder Analyst. Doch bringen lernende Algorithmen und die Geldanlage mit KI am Ende wirklich mehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mini Countryman im Test: Viel Platz, viel Leistung, hoher Preis
22.08.2026

Der Mini Countryman JCW ALL4 verbindet viel Platz mit sportlicher Leistung und auffälligem Auftritt. Der mittelgroße SUV überzeugt mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Forscher warnen: Rekordwärme in Europas Meeren geht auf Klimawandel zurück
22.08.2026

Fast überall an Europas Küsten ist das Meerwasser extrem warm. Ohne den Klimawandel wären solche Temperaturen praktisch unmöglich,...

DWN
Panorama
Panorama Deutsche schlafen zu wenig: Vier von zehn Menschen betroffen
22.08.2026

Weniger als sieben Stunden Schlaf pro Nacht? Experten zufolge ist das zu kurz. In Deutschland trifft das aber auf viele Menschen zu. Vor...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: SPD kämpft ums Überleben – und rüttelt an der Wahlhürde
22.08.2026

Drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dümpelt die SPD bei mageren 5 bis 7 Prozent und kämpft um ihr politisches Überleben....