Politik

Staatsfeind wird Hamas-Chef - was bedeutet das für Israel?

Jihia al-Sinwar gilt als rücksichtsloser Urheber des Hamas-Massakers am 7. Oktober und lehnt Kompromisse mit Israel strikt ab. Nun ernennt die Hamas ihn de facto zu ihrem Alleinherrscher.
08.08.2024 07:09
Lesezeit: 3 min
Staatsfeind wird Hamas-Chef - was bedeutet das für Israel?
Die Bildkombo zeigt Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel (l.) und den Anführer der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen, Jihia al-Sinwar. (Foto: dpa) Foto: Zwigenberg/Talatene

Die islamistische Terrororganisation Hamas hat den bisherigen Gaza-Chef Jihia al-Sinwar überraschend zum Anführer der gesamten palästinensischen Gruppierung ernannt. Bislang war die Führung der Hamas auf einen Chef für den Gazastreifen und einen außerhalb des Küstengebiets aufgeteilt. Nach der Tötung von Hamas-Auslandschef Ismail Hanija übernimmt Sinwar auch dessen Rolle. Welche Auswirkungen hat dieser Schritt auf Israel und die Lage der Bevölkerung im Gazastreifen?

Ernennung von Sinwar verlegt Schwerpunkt der Macht

Mit Sinwars Wahl verlegt sich der Schwerpunkt der Macht innerhalb der Hamas eindeutig in den Gazastreifen. Anders als sein Vorgänger Hanija, der als Vorsitzender des Politbüros ein Luxusleben in Katar führte, hält sich Sinwar seit dem von ihm befehligten Massaker der Hamas im israelischen Grenzgebiet am 7. Oktober vergangenen Jahres versteckt. Er wird irgendwo im weit verzweigten Tunnelnetzwerk unter dem blockierten Küstenstreifen vermutet.

Sinwar agiert als einsamer Wolf, umso mehr, seit Israel praktisch die gesamte Führungsriege der Hamas um ihn herum gezielt getötet hat. Er steht ganz oben auf der Abschussliste der Regierung in Jerusalem: Direkt nach dem Hamas-Massaker hatte Israel ihn bereits als «lebenden Toten» (dead man walking) bezeichnet. Dass er bisher allen Tötungsversuchen entkommen konnte, trägt zur Legendenbildung innerhalb der palästinensischen Bevölkerung bei.

Seine Wahl zum übergreifenden Hamas-Chef verwandele die Hamas in eine «Ein-Mann-Bewegung mit einer einzigen Vision», schrieb der israelische Politikexperte Avi Issacharoff in der Zeitung „Jediot Achronot". Für Sinwar wäre es trotz der verheerenden Zerstörungen im Gazastreifen schon ein Sieg, den Krieg zu überleben und den Verbleib der Hamas an der Macht zu sichern.

Die Hamas geht in eine noch radikalere Richtung

Der wegen seiner Morde an angeblichen palästinensischen Kollaborateuren mit Israel als „Schlächter von Chan Junis“ bekannte Sinwar gilt als ideologischer Fanatiker, aber gewiefter Stratege. Wohl mehr als jeder andere Hamas-Führer steht er Israels Erzfeind Iran nahe. Während Hanija noch als Realpolitiker mit gewissen pragmatischen Erwägungen galt, geht der 1962 geborene Sinwar kompromisslos vor.

„Jetzt gibt es niemanden mehr, der es wagen würde, dem allmächtigen Anführer zu widersprechen, der sich als Retter und möglicherweise palästinensischer Messias sieht“, schrieb Issacharoff. „In vieler Hinsicht geht die Hamas mit der Entscheidung, einen solchen Extremisten zu ernennen, in eine noch radikalere Richtung als bisher.“

Sinwar habe mit seinem Vorgehen seit dem 7. Oktober bewiesen, „dass er ein gefährlicher Mann mit radikalsten Ansichten“ sei. „Er hat die Hamas in den bisher brutalsten und schmerzhaftesten Gaza-Krieg geführt und es war ihm absolut bewusst, dass er Tausende von Palästinensern auf dem Altar seiner Vision opfern würde.“

Für den israelischen Experten Avi Melamed könnte die Ernennung von Sinwar zum Gesamtchef den Bestrebungen der Hamas schaden, den gegenwärtigen Krieg mit Israel als Organisation zu überleben. Außerdem könne es die Legitimität der Hamas auf der internationalen Bühne noch weiter verringern, meint Melamed. Denn mit der Wahl Sinwars stelle sich die Hamas letztlich klar hinter dessen Strategie des bewaffneten Widerstands und die Verbrechen des 7. Oktobers.

Ernennung Sinwars macht Einigung unter Palästinensern nicht einfacher

Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag beantragte im Mai Haftbefehl auch gegen Sinwar. Er warf ihm - und den mittlerweile getöteten Hamas-Führern Hanija und Mohammed Deif - unter anderem „Ausrottung“ sowie Mord, Geiselnahme, Vergewaltigungen und Folter als Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.

Die Ernennung Sinwars dürfte auch Bemühungen um eine Einigung der rivalisierenden Palästinenserorganisationen Hamas und Fatah erschweren, deren Ziel es ist, mit einer gemeinsamen Einheitsregierung nach dem Krieg auch im Gazastreifen zu herrschen. Dies wiederum spielt der rechtsreligiösen Regierung in Israel in die Hände, die solche Versuche ohnehin mit aller Macht zu torpedieren sucht, weil sie einen unabhängigen Palästinenserstaat strikt ablehnt.

Auswirkungen auf die Bemühungen um Gaza-Waffenruhe

Wie sich die Bündelung der ganzen Macht in Sinwars Händen auf die Bemühungen um eine Waffenruhe im Gaza-Krieg auswirken wird, ist noch ungewiss. Auch vor der Tötung Hanijas galt Sinwar als «letzte Instanz» mit Blick auf die Positionen der Hamas bei den indirekten Verhandlungen mit Israel, an denen Katar, Ägypten und die USA beteiligt sind.

Seit Beginn der Verhandlungen über einen Austausch von mehr als hundert Geiseln in der Gewalt der Hamas im Gegenzug für palästinensische Häftlinge zeigte Sinwar sich unerbittlich und rückte kaum von seinen Standpunkten ab. Doch auch dem rechtskonservativen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wird inzwischen vorgeworfen, er torpediere die Gespräche aus persönlichen und innenpolitischen Erwägungen. Insofern könnte ihm die Ernennung Sinwars dabei helfen, Unterstützung für seine Forderung nach einem «totalen Sieg» über die Hamas zu sichern.

US-Außenminister Antony Blinken sagte, es hänge nun maßgeblich von Sinwar ab, ob ein Abkommen über eine Waffenruhe in Gaza gelingt. Er sei schon vor seiner Ernennung der wesentliche Entscheider gewesen. „Das unterstreicht nur die Tatsache, dass es wirklich an ihm liegt, zu entscheiden, ob eine Waffenruhe vorangetrieben wird.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik EU-Mercosur-Abkommen: Vorläufiger Start trotz juristischer Unsicherheit
27.02.2026

Das EU-Mercosur-Abkommen steht vor der vorläufigen Anwendung – trotz juristischer Prüfung in Luxemburg. Während Unternehmen auf neue...

DWN
Finanzen
Finanzen Nordex-Aktie auf Höhenflug: Analysten heben Kursziele und Nordex-Einstufung an – droht eine Übertreibung?
27.02.2026

Die Nordex-Aktie kennt derzeit scheinbar nur eine Richtung: nach oben. Rekordzahlen, optimistische Analysten und neue Dividendenfantasien...

DWN
Finanzen
Finanzen BFH-Urteil: Keine Steuer auf Abschiedsfeiern – worauf Sie achten müssen
27.02.2026

Wenn langjährige Mitarbeiter in den Ruhestand verabschiedet werden, geht es oft feierlich zu. Doch wer trägt die steuerliche Last einer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Tesla-Aktie: Warum die Tesla-Betriebsratswahl in Grünheide Elon Musk bewegt
27.02.2026

Im Tesla-Werk Grünheide entscheidet sich bei der Tesla-Betriebsratswahl mehr als nur die Zusammensetzung des Tesla-Betriebsrats. Aussagen...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 09: Die wichtigsten Analysen der Woche
27.02.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 09 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Politik
Politik Afghanistan-Pakistan-Krieg: Gefechte zwischen Pakistan und Taliban – China zeigt sich besorgt
27.02.2026

Beginnt gerade ein Afghanistan-Pakistan-Krieg? Gefechte zwischen Pakistan und den Taliban in Afghanistan spitzen sich dramatisch zu,...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Treffen in Abu Dhabi: Sicherheitsfragen und Wirtschaft im Fokus
27.02.2026

Ein weiteres Ukraine-Treffen steht bevor – und die Erwartungen sind hoch. Während die USA auf Fortschritte drängen, fordert Kiew...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitslosenzahl sinkt leicht: Niveau bleibt hoch und über Drei-Millionen-Schwelle
27.02.2026

Die aktuelle Entwicklung der Arbeitslosenzahl sorgt für neue Diskussionen über die Stabilität des deutschen Arbeitsmarkts. Zwar zeigt...