Wirtschaft

Erdgas-Boom: Der Übergangsenergieträger erschwert den Übergang

Während der Verbrauch von Öl und Kohle seinem Höhepunkt entgegenstrebt, steigt die Nachfrage nach Erdgas rapide an. Dadurch könnte der Rohstoff seine Funktion als Übergangslösung verlieren und sich so festsetzen, dass er zum Hemmnis für erneuerbare Energien wird.
26.08.2024 06:03
Lesezeit: 5 min

Erdgas spielt eine zunehmend wichtige Rolle bei der globalen Energieversorgung. So treibt vor allem der rasch wachsende Energiebedarf der Schwellenländer die Nachfrage nach Gas in die Höhe, in den Industrieländern ist es die Umstrukturierung der Energieerzeugung hin zu emissionslosen Varianten, die den Bedarf beflügelt.

Befürworter argumentieren, dass Erdgas den Übergang zu sauberer Energie erleichtert, indem es die Verbrennung schmutzigerer Energieträger ersetzt und die natürlichen Schwankungen der Wind- und Solarenergie ausgleicht. Die Rolle von Erdgas als „Übergangskraftstoff“ wurde Ende des vergangenen Jahres im Rahmen des COP28-Klimaabkommens offiziell anerkannt. Allerdings besteht das Risiko, dass Erdgas sich als dauerhafte Energiequelle etabliert, anstatt, wie angestrebt, nur eine Brücke zu sauberer Energie zu sein.

Energienachfrage wächst dramatisch

Ehrgeizige Dekarbonisierungsziele sowie die Erwartung eines erheblich steigenden Strombedarfs sorgen in den Industrieländern für einen deutlichen Nachfrageschub nach dem blauen Brennstoff. Hier steht vor allem die wachsende Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz im Mittelpunkt der Nachfrageprognosen, denn diese Technologie verschlingt enorme Mengen Strom. Aktuellen Hochrechnungen zufolge dürften allein die US-Rechenzentren bereits 2030 mehr Strom verbrauchen als alle amerikanischen Haushalte zusammen. Branchenexperten erwarten bis dahin eine Erhöhung der Stromnachfrage um mehr als 80 %, allein auf Grund von KI-Anwendungen.

Noch hinzu kommt die wachsende Zahl von Fahrzeugen und Heizungsanlagen, die mit Strom betrieben werden. Gedeckt werden soll dieser Bedarf vor allem mittels Atomkraft und der bereits vorhandenen Erdgasinfrastruktur, die wiederum nach und nach durch alternative Energieerzeuger ersetzt werden soll. Die Erfahrungen der USA in den letzten zwanzig Jahren unterstützen das Argument, dass Erdgas als Übergangskraftstoff sinnvoll ist. Da die Verbrennung von Erdgas nur etwa halb so viel CO2 erzeugt, wie die von Kohle, hat der Umstieg auf Erdgas im Energiesektor zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen beigetragen. Diese Umstellung wurde zudem durch den bislang weitgehend stabilen Stromverbrauch und die Erschließung großer, kostengünstiger Schiefergasreserven erleichtert.

Zum technologiebedingten Energienachfrageschub der Industrieländer kommt jener der Entwicklungsländer hinzu, welche immer mehr Menschen an die Stromversorgung anschließen und damit den laufenden Erdgasboom maßgeblich vorantreiben. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) wird die weltweite Stromnachfrage bis 2026 um durchschnittlich 3,4 % pro Jahr steigen, wobei der Großteil des Wachstums von China, Indien und Südostasien getragen wird. Dort wächst die Stromnachfrage vielerorts um fünf bis acht Prozent pro Jahr, und es besteht die Gefahr, dass neue Gasinfrastrukturen die bestehende Kohleverstromung nicht verdrängen, sondern die Emissionen noch zusätzlich erhöhen könnten. Denn einer Untersuchung des Wind Energy Council in Singapur zufolge gibt es bislang in den asiatischen Schwellenländern kein einziges Land, das auch nur annähernd in der Lage wäre, bestehende Kohlekraftwerke abzuschalten.

Ist Erdgas wirklich besser als Kohle?

Es ist sicherlich insgesamt besser für die Umwelt, wenn der neue Strombedarf mit Gas statt mit Kohle gedeckt wird, immerhin wird bei letzterem, bezogen auf den Energiegehalt, bei der Verbrennung rund doppelt so viel Kohlendioxid freigesetzt – und zudem erhebliche Mengen Feinstaub. Jedoch schwindet dieser Vorteil dadurch, dass immer mehr Gas in flüssiger Form transportiert wird. Da Energie benötigt wird, um das Gas so weit zu kühlen, bis es sich verflüssigt, es während des Transports kalt zu halten und schließlich wieder zu erwärmen, ist LNG erheblich emissionsintensiver als das noch bis vor kurzem dominierende Pipelinegas. Darüber hinaus besteht Erdgas, je nach Herkunftsgebiet, zu 75 bis 99 % aus Methan – was wiederum ein 20- bis 100-mal stärkeres Klimagas ist als CO2, abhängig vom Betrachtungszeitraum. Einer Studie des Professors Robert Howarth von der New Yorker Cornell Universität zufolge entweichen bis zu acht Prozent des Erdgases, und damit des Methans, im Zuge der Kette aus Förderung, Transport und Verarbeitung. Laut Howarth sei Erdgas ein größerer Treiber für die Erderwärmung als Kohle und Erdöl, jedenfalls dann, wenn man neben CO2 auch Methan berücksichtige.

Im Gegensatz zu Kohlendioxid, welches jahrhundertelang in der Erdatmosphäre verbleibt und verhindert, dass die Sonnenwärme wieder in den Weltraum entweicht, verpufft der größte Teil der wärmenden Wirkung von Methan innerhalb von 20 Jahren. Allerdings speichert es in diesen zwei Jahrzehnten weitaus mehr Wärme - 80 Mal mehr pro Tonne - als CO2. Hinzu kommt, dass die Menge diese Emissionen wahrscheinlich unterschätzt wird. Eine Analyse aus dem Jahr 2023 kam zu dem Schluss, dass die Methanemissionen aus der Gasförderung tatsächlich um etwa 30 % höher liegen als die Länder in ihren Berichten an die Vereinten Nationen geschätzt haben. So war es auch vor allem die Sorge über Umweltauswirkungen, die dazu führte, dass die Regierung von US-Präsident Joe Biden im Januar dieses Jahres neue Exportlizenzen für verflüssigtes Erdgas (LNG) in Länder ohne Freihandelsabkommen aussetzte - die USA sind der weltweit größte Exporteur des begehrten Brennstoffs. Das Energieministerium plant nun, aktualisierte Informationen zu nutzen, um die potenziellen Auswirkungen einer erhöhten US-Gasförderung und -ausfuhr auf den Klimawandel zu untersuchen.

Mehr als nur eine Brücke

Daran, ob Erdgas tatsächlich nur ein Übergangsrohstoff ist, als der er auf dem Weg hin zu einer kohlenstofffreien Energiezukunft beworben wird, bestehen durchaus berechtigte Zweifel. Nicht nur, dass Unternehmen, Investoren und Regierungen zwischen 2019 und 2023 Schätzungen zufolge mehr als 235 Milliarden Dollar für neue LNG-Exportanlagen ausgegeben haben. Darüber hinaus stehen bis Ende 2025 weitere 55 Milliarden Dollar an Investitionskapital zur Verfügung. Das sind bemerkenswerte Commitments für ein Überbrückungsprojekt.

Realisiert werden sollen mit diesem Geld neue Exportkapazitäten, bis Ende des Jahrzehnts dürfte deren Umfang dann zwischen 200 und 300 Millionen Tonnen liegen. Damit würden neue Kapazitäten geschaffen, die 70 % des gesamten derzeitigen jährlichen Handelsvolumens entsprechen und ausreichen, um eine halbe Milliarde Haushalte zu versorgen. Zudem verschieben bereits einige der großen Energieunternehmen ihre Prioritäten und weichen ihre zuvor marketingwirksam angekündigten Klimaziele auf. Shell beispielsweise verabschiedete sich im März von seinem Ziel, die Netto-Kohlenstoffintensität, ein Maß für die Emissionen, die mit den vom Unternehmen verkauften Energieeinheiten verbunden sind, bis 2035 um 45 % zu senken. Das Unternehmen begründete dies mit der "Ungewissheit über das Tempo des Wandels in der Energiewirtschaft". BP hat sein Ziel für die Emissionsreduzierung schon im vergangenen Jahr herabgesetzt.

Erdgas verdrängt Erneuerbare

Seit Anfang 2022 haben chinesische Unternehmen mehr langfristige LNG-Verträge unterzeichnet als jeder andere, nicht weit dahinter liegt die Europäische Union. Etwa ein Drittel des weltweiten Erdgasverbrauchs entfällt auf den Industriesektor, und für energieintensive Industrien bieten Wind und Sonne bislang keine Alternativen. Für die Stromerzeugung ist die Nutzung erneuerbarer Energien eine Option, allerdings erfolgt der Ausbau der entsprechenden Kapazitäten vor allem in den Schwellenländern langsamer als die Steigerung der Gasimporte. Dass Solar- und Windparks erheblich mehr Platz benötigen als eine Gasinfrastruktur ist ein Thema, noch wichtiger ist jedoch, dass der Ausbau der Kapazitäten für erneuerbare Energien eine Aufrüstung des Stromnetzes und den Einbau von Batterien erfordern kann, um auch dann Strom zu liefern, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Diese Anforderungen bestehen bei grundlastfähigem Erdgas nicht. Darüber hinaus kann das zur Verfügung stehende Geld eben auch nur einmal ausgegeben werden, und es sind ja bereits enorme Summen investiert oder verplant. Umweltschützer und Klimaorganisatoren befürchten daher, das neue Erdgasprojekte Investitionen in sauberere Energiequellen eher verdrängen als fördern. Verschiedene Prognosen stützen diese Annahme. So geht beispielsweise das Forum erdgasexportierender Länder davon aus, dass die weltweite Gasnachfrage bis 2050 um fast 30 % ansteigen wird. Damit wäre das gesetzte Netto-Null-Emissionsziel nicht zu erreichen, ganz im Gegenteil. In ihrem ehrgeizigsten Szenario ermittelte die Internationale Energieagentur, dass dafür der Gasbedarf bis Mitte des Jahrhunderts um 78 % sinken müsste, und selbst in ihrer optimistischsten Annahme wäre immer noch ein Rückgang um 42 % nötig.

Unsichere Prognosen

Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist enorm, im Grunde besteht im Netto-Null-Szenario überhaupt kein Spielraum für Gas als Übergangsrohstoff. In diesem Sinne hilfreich, wenn auch für Investoren schmerzhaft, wäre ein weiterer Preisverfall bei sauberen Energien und Batterien, wodurch mehr Anlagen für fossile Brennstoffe unwirtschaftlich würden. Klimaorganisationen gehen davon aus und prognostizieren bereits ab 2026 ein Überangebot. Naturgemäß liegen die Nachfrageprognosen von Erdgaslobby und Klimaorganisationen auseinander, jedoch schätzt auch eine an dieser Stelle wenig voreingenommene Institution, wie die Investmentbank Morgan Stanley, die Lage für alternative Energien optimistisch ein und erwartet ebenfalls ein Erdgasüberangebot. Ob dies reicht, um die Bedeutung von Erdgas tatsächlich zurückzudrängen und diesen Energieträger bereits mittelfristig umfänglich zu ersetzen bleibt jedoch abzuwarten.

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Markus Grüne

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Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

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