Politik

Bundeshaushalt 2025: Die kuriosen Pläne der Ampel mit „Hoffnungsposten“

Zum Start der Haushaltswoche hat die Ampel-Regierung ihre Ratlosigkeit bewiesen. Noch immer klafft eine große Lücke im Entwurf für den Bundeshaushalt 2025. Was kann der Bundestag noch retten?
10.09.2024 15:38
Aktualisiert: 10.09.2024 16:06
Lesezeit: 3 min

Es ist der letzte komplette Haushalt der Ampel-Regierung vor der Bundestagswahl - und er ist umstritten wie wohl keiner zuvor. Opposition, Rechnungshof, Bundesbank und Ökonomen, sie alle halten das Zahlenwerk von Finanzminister Christian Lindner für mehr oder weniger unseriös oder unrealistisch. Will sich die Ampel-Regierung damit nur bis ans Ende der Legislatur retten, wie die Union ihr vorwirft? In der Haushaltswoche im Bundestag müssen sich Lindner und die Fachleute der Regierungskoalition verteidigen.

Die Aufstellung des Etats für das kommende Jahr sei wahrlich kein Selbstläufer gewesen, räumt FDP-Chef Lindner gleich zu Beginn ein. Drei unterschiedliche Denkschulen in der Koalition von SPD, Grünen und FDP, globale Krisen und eine taumelnde deutsche Wirtschaft - tatsächlich hatten es frühere Regierungen schon mal leichter mit dem Haushalt. „Wir haben ökonomische und rechtliche, aber auch unsere jeweiligen politischen Grenzen gesehen“, sagt Lindner. Der allgemeine Tenor in der Ampel: Man habe getan, was unter diesen Umständen möglich und notwendig sei. Zufriedenheit hört sich anders an.

Die Eckwerte des Bundeshaushalts

Fast 490 Milliarden Euro will die Ampel-Regierung im nächsten Jahr ausgeben, mehr als ein Zehntel - genauer 51,3 Milliarden - davon auf Kredit. Das ist laut Grundgesetz trotz Schuldenbremse möglich, unter anderem weil die Wirtschaft taumelt. 81 Milliarden Euro weist das Finanzministerium als Investitionen aus - ein Rekordniveau. Mit Abstand größter Posten unter den Ministerien ist der Sozialetat mit 179 Milliarden Euro. Ein Großteil davon ist durch gesetzlich garantierte Leistungen wie das Bürgergeld schon gebunden.

Die Inhalte

Die Ampel-Koalition versucht mit ihrem Haushalt gleichzeitig die Wirtschaft anzukurbeln, Sozialleistungen zu erhalten, Steuerzahler zu entlasten und der angespannten internationalen Sicherheitslage gerecht zu werden. Besonders am Budget für Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gibt es aber Kritik. Er soll zwar 1,3 Milliarden Euro mehr bekommen als zuletzt, doch das ist deutlich weniger als gefordert.

Für Familien steckt im Etat eine Kindergelderhöhung um fünf Euro ab Januar. Auch werden steuerliche Freibeträge angehoben. Lindner spricht von umfassenden Entlastungen und Leistungsverbesserungen für die Bürgerinnen und Bürger. Der Staat verzichte auf Einnahmen, um die Kaufkraft zu stärken und private Investitionen zu erleichtern. Für Firmen sind etwa verbesserte Abschreibungsmodalitäten und Entlastungen bei den Strompreisen geplant.

Die Hilflosigkeit der Ampel-Regierung

Letztlich legen die Ampel-Spitzen aber unfertigen Haushalt vor. Die Kalkulation geht nur auf, weil Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) und Lindner einen enormen Mut zur Lücke zeigen.

Bis zum Schluss konnten sich die drei nicht darauf einigen, wie Finanzierungslücken gestopft werden sollten - deshalb sind nun pauschale Einsparungen und Mehreinnahmen eingeplant, von denen noch niemand weiß, wie sie gedeckt werden sollen. Die Schuldenbremse wird auch deswegen eingehalten, weil die Bahn statt Zuschüssen eine Eigenkapitalspritze erhält, die bei der Berechnung der Schulden nicht zählt.

Der riskante „Hoffnungsposten“

Außerdem plant die Ampel mit einer sehr hohen globalen Minderausgabe von 12 Milliarden Euro. Sie wettet damit, dass die Ministerien zusammen am Jahresende diese Summe noch übrig behalten werden, weil Projekte scheitern oder Fördergelder nicht abgerufen werden. Der Betrag liege „sehr deutlich über den Erfahrungswerten aus der Vergangenheit“, schreibt Verfassungsrechtler Hanno Kube in einem Gutachten für die Union. Laut Finanzministerium ist es die größte Deckungslücke in einem Regierungsentwurf in den vergangenen zwanzig Jahren.

Die Regierung hofft zwar, diese Lücke bis zum Winter noch verkleinern zu können - eventuell durch wachsende Steuereinnahmen und bessere Aussichten für die Wirtschaft. Das ist aber extrem unsicher. Genauso wie die Annahme, dass künftig mehr Bürgergeld-Empfänger arbeiten werden und deshalb weniger Mittel für die Sozialleistung fällig werden. Und die Unterstellung, dass das geplante Wachstumspaket für die Wirtschaft zu rund 6,9 Milliarden Euro mehr Steuereinnahmen führen wird. Noch sind die wichtigsten Maßnahmen daraus nicht einmal beschlossen.

Unionsfraktionsvize Mathias Middelberg nennt die Ampel-Pläne deshalb verantwortungslos, maximal unrealistisch und unehrlich. „Kein Haushaltsentwurf hat bisher in so umfassendem Umfang ungedeckte Positionen enthalten“, sagte er im Bundestag. So werde der Regierung im Laufe des Jahres 2025 das Geld ausgehen - aber die Ampel plane offenkundig ohnehin nur bis zum Wahltermin am 28. September.

Der AfD-Haushälter Peter Boehringer wirft der Bundesregierung ebenfalls Tricksereien und Luftbuchungen vor. In Einzeletats steckten zusätzliche globale Minderausgaben von insgesamt 27 Milliarden Euro. „Das ist unseriös“, sagte er.

Die Unzufriedenheit der Koalitionspartner

Der Steuerzahlerbund meint, die Parlamentarier müssten den Etatentwurf völlig neu schreiben. Das ist unwahrscheinlich, doch auch in der Koalition sind nicht alle zufrieden. Grünen-Haushälter Sven-Christian Kindler will nicht akzeptieren, dass trotz globaler Krisen bei der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit gekürzt wird. Generell möchten die Grünen für mehr Investitionen die Schuldenbremse lockern. Die SPD hätten sie an ihrer Seite - doch das reicht nicht aus.

Nachbesserungen sind auch bei der Ukraine-Hilfe denkbar. Denn die Bundesregierung setzt stark darauf, dass ein internationales Unterstützungskonzept rechtzeitig fertig wird: Das von Russland angegriffene Land soll einen Kredit über 50 Milliarden Dollar bekommen, dessen Zinsen und Tilgung aus den Erträgen eingefrorener russischer Staatsvermögen gestemmt werden. „Wenn das am Ende nicht gelingt, dann sind wir wieder am Ball“, betonte SPD-Haushälter Dennis Rohde. Die Sozialdemokraten wollen dann eine Notsituation erklären und die Schuldenbremse aussetzen.

Der Zeitplan

Nach der Haushaltswoche sind zunächst die Bundestagsfraktionen dran. Sie prüfen, wo Änderungen sinnvoll und möglich sind. Und sie sind es auch, die die enorme Finanzierungslücke verkleinern müssen. Die Abgeordneten haben schon angekündigt, dass sie von Lindner Vorschläge erwarten. Zwei bis drei Milliarden müssen sie noch einsparen oder als zusätzliche Einnahmen auftreiben.

Alle Änderungen werden dann in der für November geplanten Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses festgezurrt - dem legendären Showdown, der meist bis in die frühen Morgenstunden geht. Im Bundestag soll der Etat nach jetzigem Stand Ende November beschlossen werden. Einfach wird es bis dahin nicht. Doch das gehöre dazu, meint der Finanzminister: „Streit gehört zur Demokratie.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Chips aus Sachsen: Infineon eröffnet im Juli neue Chipfabrik in Dresden
20.02.2026

Es ist die größte Investition in der Unternehmensgeschichte von Infineon. Fünf Milliarden Euro investiert Deutschlands größter...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Krka Generika: Wie Innovationen Preise und Märkte revolutionieren
20.02.2026

Der slowenische Pharmakonzern Krka entwickelt Generika, die den Markt verändern und Patienten besser versorgen sollen. Trotz fallender...

DWN
Politik
Politik NATO unter Druck: USA drängen auf Ende der Irak-Mission und Truppenabbau im Kosovo
20.02.2026

Die USA drängen in der NATO auf einen Kurswechsel und stellen Auslandseinsätze zunehmend infrage. Steht das Bündnis vor einer...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB verhängt Millionenstrafe gegen US-Großbank J.P. Morgan
20.02.2026

Die EZB nimmt das amerikanische Geldhaus ins Visier, weil es den Aufsehern über Jahre falsche Zahlen gemeldet habe. Damit hat J.P. Morgan...

DWN
Politik
Politik KEF-Bericht: Kommt eine neue Empfehlung zum Rundfunkbeitrag?
20.02.2026

Eine Expertenkommission legt einen neuen Bericht zum Rundfunkbeitrag vor. Diesmal könnte auch eine aktualisierte Empfehlung zur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Breite Allianz für faire Bezahlung: Mehrheit fordert Tarifpflicht bei Staatsaufträgen
20.02.2026

In der Debatte um die Verwendung öffentlicher Gelder zeichnet sich ein deutlicher Stimmungsumschwung ab: Eine große Mehrheit der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Konjunktureller Frühling: Unternehmensstimmung in der Eurozone überrascht positiv
20.02.2026

Die Wirtschaft in der Eurozone startet mit unerwartetem Rückenwind in das Frühjahr, da sich die Stimmung in den Unternehmen im Februar...

DWN
Politik
Politik Pakt für den Sozialstaat: Grüne signalisieren Union und SPD Reformbereitschaft
20.02.2026

Die Fraktionsspitze der Grünen zeigt sich offen für einen parteiübergreifenden Schulterschluss, um den deutschen Sozialstaat grundlegend...