Politik

Islamistische Radikalisierung: Das BKA über Ursachen und die Bedeutung von Prävention

Nach den mutmaßlich islamistischen Anschlägen in Mannheim und Solingen ist die Debatte um islamistische Radikalisierung in Deutschland neu entbrannt. Dabei geht es in der aktuellen Diskussion auch um eine Frage: Warum sind gerade Jugendliche und hier häufig junge Männer mit Migrationshintergrund betroffen? Das Bundeskriminalamt über die Ursachen – und die Bedeutung von Prävention.
29.09.2024 12:21
Lesezeit: 4 min
Islamistische Radikalisierung: Das BKA über Ursachen und die Bedeutung von Prävention
Wie das BKA die islamistische Bedrohungslage in Deutschland einschätzt (Foto: dpa). Foto: Marijan Murat

Der Berliner Salafismus- und Deradikalisierungsexperte Thomas Mücke vom Violence Prevention Network berät radikale Islamisten und ihre Familien, die in Deutschland aufgewachsen sind. Er sieht in der Radikalisierung junger Männer mit Migrationshintergrund mehrere Ursachen: “Junge Männer mit unsicheren Zukunftsperspektiven, sozialer Isolation und potentiellen Traumatisierungen sind besonders anfällig für extremistische Ideologien“, so Mücke gegenüber der Funke Mediengruppe.

Das Bundeskriminalamt (BKA) weist zudem auf die Komplexität individueller Radikalisierung hin: “Radikalisierung verläuft prozessartig und durchläuft in der Regel unterschiedliche Phasen, die nicht zwangsläufig bis zur Stufe der Gewalttätigkeit führen müssen“, so ein Sprecher des BKA gegenüber den DWN. Dabei können soziale Kontexte aber auch das Nicht-Vorhandensein derselben sowohl einen präventiven als auch einen verstärkenden Einfluss auf die Radikalisierung haben.

„In der Regel entwickeln Personen entsprechende radikale Einstellungen und eine Identifikation mit radikalen oder extremen Ideologien in Phasen, in denen eine Einbindung an entsprechenden sozialen Umfeldern vorliegt“, so der Sprecher. Da Radikalisierungsverläufe individuell seien, ließen sich einzelne Faktoren jedoch nur schwer generalisieren. Ein stabiles und szenefremdes Sozialumfeld sei per se kein Schutzfaktor.

Einzeltäter-Strategie im islamistischen Terrorismus

Am 5. September 2024 verhinderte die Münchener Polizei vermutlich knapp einen antisemitischen und islamistischen Terroranschlag durch einen 18-Jährigen. Der mit einem Repetiergewehr bewaffnete Mann befand sich in unmittelbarer Nähe des israelischen Generalkonsulats und des NS-Dokumentationszentrums, als er das Feuer auf eine Polizeistreife eröffnete. Nach derzeitigem Ermittlungsstand führte der Österreicher seine Tat offenbar allein aus. Im Zuge eines Schusswechsels mit der Polizei wurde der Angreifer getötet, wodurch ein möglicher Anschlag verhindert werden konnte.

Laut dem Terrorismusexperten Peter Neumann vom King's College London gehört diese Art von Einzeltäterstrategie seit den 2010er Jahren zur Taktik des Islamischen Staates (IS). Anhänger würden ermutigt, eigenständig Angriffe durchzuführen, ohne vorherige Genehmigung. „Diese Methode hat sich als sehr erfolgreich erwiesen und wird auch von anderen Gruppen wie al-Qaida propagiert“, so Neumann im Deutschlandfunk. Häufig handelten Einzeltäter zwar eigenständig, unterstützten jedoch die Ideologie solcher Gruppen, die im Nachgang die Taten der Täter für sich beanspruchten.

Islamistische Netzwerke unter Beobachtung des Verfassungsschutzes

Laut dem Verfassungsschutzbericht 2023 umfasst die islamistische Szene in Deutschland rund 27.200 Personen, wobei die salafistische Bewegung mit 10.500 Personen die größte Gruppe bildet. So registrieren die Verfassungsschützer einer Zunahme der Radikalisierung, die durch aktuelle internationale Konflikte wie den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 befeuert werde. „Die islamistischen Propagandaorgane nutzen gezielt internationale Konflikte, um Emotionen zu mobilisieren und neue Anhänger zu rekrutieren“, heißt es in dem Bericht​.

In diesem Zusammenhang beobachtet der Verfassungsschutz beobachtet Gruppierungen wie “Generation Islam”, “Realität Islam” und “Muslim Interaktiv”, die der “Hizb ut-Tahrir” ideologisch nahestehen – einer islamistischen Bewegung, die ein Kalifat anstrebt und 2003 in Deutschland verboten wurde.

Islamistisch, nicht muslimisch: Influencer auf TikTok und Telegram

Zentrales Rekrutierungsinstrument für diese islamistischen Gruppierungen ist das Internet. Plattformen wie TikTok werden laut Bundeskriminalamt von islamistischen Influencern genutzt, um gezielt junge, identitätssuchende Menschen zu erreichen, sie schrittweise zu radikalisieren und für ihre Ideologien zu gewinnen. Zum einen werden Social-Media-Plattformen genutzt, die bei jungen Menschen besonders beliebt sind, zum anderen sind die Inhalte kürzer, schneller und visueller geworden, beobachtet das BKA.

Als Einstiegsthemen würden häufig‚ Fragen des täglichen Lebens aufgegriffen. „In kurzen Videos auf Social-Media-Plattformen werden Hinweise zum vermeintlich richtigen Beten, Ernährungsregeln oder allgemeine Ver- und Gebote aus islamistischer Perspektive vermittelt“, so ein BKA-Sprecher. Zudem seien die Videos zum Teil humoristisch oder kindgerecht aufbereitet. „Über derartige Inhalte werden die Nutzer an die Themen und Sichtweisen des Islamismus herangeführt.“

Nach Beobachtungen des BKA sind relevante Akteure unter anderem Prediger des salafistischen Spektrums, die digitale Medien zur Verbreitung ihrer Inhalte nutzen. Deren Anhängerschaft reiche vom niedrigen zweistelligen Bereich bis hin zu mehreren tausend Followern. Diese sogenannte salafistischen Influencer vertreten häufig ein konservatives Islamverständnis, äußern sich in der Regel jedoch nicht offen gewaltbefürwortend oder gewaltverherrlichend. Der Extremismusforscher Ahmad Mansour warnte kürzlich ebenfalls davor, dass Jugendliche, die sich für solche Themen interessieren, nicht in muslimischen, sondern in islamistischen Strukturen landen.

„Anzeichen für eine Radikalisierung sind unter anderem eine plötzliche Wesensveränderung, Abgrenzung zum bisherigen sozialen Umfeld oder aggressives bzw. abweisendes Verhalten bei Nachfragen zu religiösen Themen“, heißt es dazu vom Bundeskriminalamt. Die Verwendung einschlägiger Symboliken, Narrative oder Phrasen seien ebenfalls Anzeichen für einen Radikalisierungsprozess. „Insbesondere die nachdrückliche Abgrenzung gegenüber dem bisherigen Umfeld und die aggressive Reaktion auf sachliche Kritik sind Anzeichen dafür, dass die Person Tendenzen entwickelt, welche über das Ausleben der Religiosität hinausgehen.“

Schule und Arbeitsplatz maßgeblich für erfolgreiche Prävention

Lehrer und Mitschüler würden oft zu den ersten Personen zählen, die Anzeichen einer Radikalisierung wahrnehmen, so der Sprecher. Für das Bundeskriminalamt sind deshalb Bildungseinrichtungen maßgeblich für eine erfolgreiche Prävention, da hier Radikalisierungsprozesse früh erkannt werden können. „Schulen sind für Jugendliche ein wichtiger Ort für die Prävention, da dort unter anderem Resilienz gegen extremistische Ideologien aufgebaut werden kann.“ Ein aufmerksames und empathisches Miteinander könne sowohl an Bildungs- als auch Arbeitsstätten erste persönliche Veränderungen wahrnehmen, Unterstützung anbieten oder passende Hilfe vermitteln und dadurch ein Abgleiten in extremistische Denkmuster verhindern.

Vor allem Präventiv-Maßnahmen wie Schulungen und Aufklärung können laut Experten dazu beitragen, Jugendliche vor einem Abgleiten in den Extremismus zu bewahren. Aus diesem Grund betreibt das Bundeskriminalamt den Extremismuspräventionsatlas, kurz EPA. Dieser umfasst mehr als 2.000 behördliche und zivilgesellschaftliche Angebote zur Prävention von Extremismus in Deutschland und soll es Lehrkräften, Arbeitgebern und Sozialarbeitern erleichtern, geeignete Präventionsmaßnahmen zu finden​. Dazu zählen unter anderem die ‚Beratungsstelle Radikalisierung‘ des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Denn direkte Beratung und Unterstützung sei besonders wirksam, “um Jugendliche vor einem Abgleiten in extremistische Denkmuster zu bewahren”, so Thomas Mücke vom Violence Prevention Network.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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