Politik

Eskalationsspirale: Israel droht nach iranischem Raketenangriff mit Vergeltung

Nach dem Raketenangriff des Irans auf Israel hat der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu Vergeltung angekündigt. "Der Iran hat heute Abend einen schweren Fehler begangen – und er wird dafür bezahlen", sagte Netanjahu laut einer Erklärung seines Büros. Ein konkreter Zeitpunkt für einen Vergeltungsschlag wurde nicht genannt. In der Nacht zum Mittwoch griff Israel jedoch bereits erneut die libanesische Hauptstadt Beirut an, im Kampf gegen die proiranische Hisbollah-Miliz - die Situation scheint zu eskalieren.
02.10.2024 09:29
Lesezeit: 3 min

Der Iran warnte Israel gleichzeitig vor weiteren Aktionen und drohte mit einer noch heftigeren Eskalationsspirale. Angesichts der Spannungen im Nahen Osten soll der UN-Sicherheitsrat heute um 16:00 Uhr MESZ zu einer Sondersitzung zusammentreten.

Der Angriff des Irans erfolgte am Dienstag mit etwa 180 Raketen auf Israel. Das israelische Militär erklärte, dass die meisten durch das israelische Abwehrsystem sowie eine von den USA geführte Koalition abgefangen wurden. Im Westjordanland wurde eine Person getötet, in Tel Aviv gab es zwei Verletzte. Einschläge wurden im Zentrum und im Süden Israels verzeichnet. Medienberichten zufolge nahm der Iran zwei israelische Luftwaffenstützpunkte sowie das Mossad-Hauptquartier ins Visier. Millionen Israelis suchten in Schutzräumen Zuflucht. Es war der zweite Angriff des Irans auf Israel in diesem Jahr, nach einem ähnlichen Vorfall im April.

Wie reagiert Israel?

Der Sprecher der israelischen Armee, Daniel Hagari, bezeichnete den Angriff des Irans als "schwerwiegende Tat", die den Nahen Osten weiter in die Eskalationsspirale führe. "Wir werden reagieren, wann und wo wir es für richtig halten, entsprechend den politischen Vorgaben. Diese Aktionen werden Folgen haben", sagte Hagari. Wie ein Vergeltungsschlag konkret aussehen könnte, ließ er offen.

Laut der "New York Times" könnten mögliche Ziele der israelischen Vergeltung die iranischen Nuklearanlagen sein, insbesondere die Anreicherungsanlagen in Natanz, die das Herzstück des iranischen Atomprogramms darstellen.

Hagari kündigte auch weitere Luftangriffe an. "Die Luftwaffe bleibt voll einsatzbereit und wird heute Abend im Nahen Osten erneut mit voller Stärke zuschlagen, wie im vergangenen Jahr", sagte er in der Nacht zum Mittwoch. Trotz der Eskalationsspirale seien die Raketenangriffe des Irans wirkungslos gewesen, so Netanjahu.

Die israelische Armee teilte am frühen Mittwochmorgen mit, dass "terroristische Ziele in Beirut" angegriffen würden. Details wurden zunächst nicht genannt. Laut Medienberichten sollen mindestens fünf Angriffe auf den südlichen Teil Beiruts verübt worden sein.

Wie reagiert der Iran?

Der Iran drohte Israel mit Vergeltung, sollte es zu einem Gegenschlag kommen. "Falls das israelische Regime weitere Schritte unternimmt, wird unsere Antwort noch stärker und kraftvoller ausfallen", erklärte der iranische Außenminister Abbas Araghchi auf der Plattform X. "Unsere Aktion ist beendet, es sei denn, Israel eskaliert weiter."

Die iranischen Revolutionsgarden gaben an, dass der Angriff eine Vergeltung für die Tötung von Hamas-Auslandschef Ismail Hanija, Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah und eines iranischen Generals sei. Tausende Iraner feierten den Raketenangriff auf Israel im Land.

Expertenmeinungen zur Eskalationsspirale

Grant Rumley, ein ehemaliger Beamter des Pentagon, sagte der "New York Times", dass der Angriff des Irans weniger vorhersehbar war als der Angriff im April, bei dem Israel Zeit zur Vorbereitung hatte. "Es ist schwierig, diesen Angriff als symbolisch abzutun", so Rumley. "Es sieht nach einer gezielten Eskalation durch den Iran aus."

Laut Experten könnte die weitere Eskalation nun von Israels Reaktionen abhängen. Mohanad Hage Ali, stellvertretender Direktor des Malcolm H. Kerr Carnegie Middle East Center, erklärte dem "Wall Street Journal", dass der Angriff des Irans Israel eine Gelegenheit geben könnte, direkt auf iranischem Boden zurückzuschlagen, was einen regionalen Krieg auslösen könnte.

Auch Bilal Saab, ein weiterer ehemaliger Pentagon-Beamter, äußerte sich ähnlich. "Die Möglichkeit einer weiteren Eskalationsspirale in diesem Konflikt hängt davon ab, wie weit Israel gehen möchte", erklärte Saab. Er fügte hinzu, dass Israel womöglich die Chance sieht, allen seinen Gegnern einen entscheidenden Schlag zu versetzen.

Internationale Reaktionen auf die Eskalationsspirale

US-Präsident Joe Biden mahnte, die Reaktionen auf den Raketenangriff des Irans sorgfältig abzuwägen. Auf die Frage, wie Israel reagieren solle, antwortete Biden: "Es wird noch diskutiert. Wir analysieren alle Daten und bleiben in engem Kontakt mit Israel und unseren Partnern." Der Angriff habe keinen signifikanten Schaden angerichtet. Die USA stehen laut Biden fest an der Seite Israels. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin verurteilte den iranischen Angriff als "Akt der Aggression". Er forderte den Iran auf, keine weiteren Angriffe zu starten, auch nicht durch seine Stellvertreter.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock verurteilte den Angriff scharf auf der Plattform X. Sie erklärte, dass Deutschland den Iran zuvor eindringlich vor einer Eskalationsspirale gewarnt habe. Auch die EU verurteilte den Angriff und betonte die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation.

Der Élysée-Palast teilte nach einer Sitzung des Verteidigungs- und Sicherheitsrats mit, dass Frankreich seine militärischen Kräfte im Nahen Osten mobilisiert habe, um der iranischen Bedrohung entgegenzuwirken. Auch das britische Militär beteiligt sich an den Bemühungen, eine weitere Eskalation in der Region zu verhindern.

Warum spitzt sich die Lage zu?

Bereits im April hatten die iranischen Revolutionsgarden zum ersten Mal direkt Israel angegriffen. Dabei feuerten sie über 300 Drohnen und Raketen als Vergeltung für die Tötung iranischer Generäle. Der Angriff wurde damals abgewehrt.

Israel hatte zuletzt Erfolge im Kampf gegen Irans Verbündete in der Region verzeichnet. Ende Juli wurde der Hamas-Auslandschef in Teheran getötet, woraufhin der Iran Vergeltung schwor. Zudem wurde Hisbollah-Chef Nasrallah durch einen israelischen Angriff getötet.

Am Dienstag erweiterte Israel den Konflikt: Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten drangen israelische Bodentruppen in den Libanon ein, was den Schwerpunkt des Konflikts in Richtung Norden verlagerte. Seit der Revolution von 1979 betrachtet der Iran Israel als Erzfeind. Der Iran hat stets versucht, Israels Existenzrecht zu leugnen, was zu einer ständigen Eskalationsspirale führt.

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