Panorama

Iranische Atomanlagen: Wie stark die US-Angriffe wirklich trafen

Nach dem massiven Luftangriff der USA auf Irans Atomanlagen überschlagen sich die Einschätzungen. Präsident Trump spricht von völliger Zerstörung, Geheimdienste widersprechen. Während sich die Lage zwischen Israel und dem Iran scheinbar beruhigt, eskaliert die Gewalt im Westjordanland. Die politischen Nachbeben reichen bis in die israelische Justiz – und werfen neue Fragen nach der Stabilität der gesamten Region auf.
26.06.2025 11:59
Lesezeit: 3 min

Pentagon und Militär äußern sich zum Angriff auf Atomanlagen

Auch Tage nach den Luftangriffen bleibt das Ausmaß der Zerstörungen unklar. Wurde das iranische Atomprogramm um Jahre oder lediglich Monate zurückgeworfen? Einer spricht sogar von "totaler Auslöschung".

Wie stark sind die Atomanlagen des Irans bei den jüngsten US-Angriffen beschädigt worden? Zu dieser strittigen Frage will sich US-Verteidigungsminister Pete Hegseth heute gemeinsam mit hochrangigen Militärs auf einer Pressekonferenz äußern. Nach Angaben des US-Auslandsgeheimdienstes CIA sollen die iranischen Atomanlagen bei den Angriffen am Sonntag erheblichen Schaden genommen haben. Ob das zutrifft, ist ungewiss – und lässt sich momentan kaum unabhängig überprüfen.

Widersprüchliche Einschätzungen aus Geheimdienstkreisen

In einer als "streng geheim" eingestuften Ersteinschätzung des Militärgeheimdienstes DIA hatte es zunächst geheißen, das iranische Atomprogramm sei durch die massiven Luftschläge der US-Streitkräfte nur um einige Monate verzögert worden. Das Weiße Haus kritisierte die Veröffentlichung von Details aus diesem Bericht durch US-Medien und wies die Darstellung als unzutreffend zurück. Präsident Donald Trump beharrt darauf, dass die Atomanlagen vollständig zerstört worden seien.

CIA: Wiederaufbau würde Jahre dauern

CIA-Chef John Ratcliffe erklärte nun, der Wiederaufbau der Atomanlagen werde "Jahre" in Anspruch nehmen. Auch US-Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard schrieb auf der Plattform X, dass ein möglicher Wiederaufbau der Anlagen in Fordo, Natans und Isfahan Jahre erfordern würde.

Gabbard hatte Ende März im Geheimdienstausschuss des US-Senats erklärt, nach Einschätzung der Nachrichtendienste verfolge der Iran derzeit keine Pläne zum Bau einer Atombombe. Mit ihren aktuellen Aussagen scheinen sie und die CIA nun die Position des obersten Befehlshabers Trump zu stützen, der nicht dafür bekannt ist, Widerspruch zu tolerieren. Er hatte die von ihm angeordneten Angriffe vom Wochenende als Todesstoß für das iranische Atomprogramm bezeichnet. Beim Nato-Gipfel in Den Haag sagte er mit Blick auf die Atomanlagen: "Ich glaube, es war eine totale Auslöschung."

Verdacht auf geheime Waffenpläne

Hintergrund der Angriffe sind Befürchtungen, dass die iranische Führung heimlich den Bau von Atomwaffen vorantreibt, während sie öffentlich beteuert, Kernenergie ausschließlich für zivile Zwecke zu nutzen. Letzteres wird auch deshalb bezweifelt, weil der Iran in der Vergangenheit als einziger Staat ohne Atomwaffen hochangereichertes Uran mit nahezu waffentauglichem Reinheitsgrad herstellte.

Die Zeitung "The Jerusalem Post" berichtete unter Berufung auf israelische Beamte, es sei unklar, wie viel des hochangereicherten Urans bei den Angriffen zerstört wurde. Zudem lasse sich nicht mit Gewissheit sagen, ob ein Teil des radioaktiven Materials aus den angegriffenen Anlagen geborgen werden kann.

Solidarität mit Netanjahu: Trump attackiert Israels Justiz

Nach dem mit Israels Regierung abgestimmten Militäreinsatz im Iran kritisierte Trump die israelische Justiz wegen des Korruptionsverfahrens gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. "Ich bin schockiert, dass der Staat Israel, der gerade einen seiner größten Momente in der Geschichte erlebt hat und von Bibi Netanjahu geführt wird, die lächerliche Hexenjagd gegen seinen Ministerpräsidenten fortsetzt", schrieb Trump auf seiner Nachrichtenplattform Truth Social. Das Verfahren gegen Netanjahu solle sofort eingestellt werden.

Netanjahu ist wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit angeklagt. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, als Kommunikationsminister dem Telekom-Riesen Bezeq Vergünstigungen eingeräumt zu haben. Zudem soll er Luxusgeschenke von befreundeten Milliardären angenommen haben. Netanjahu hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen und von einer "Hexenjagd" gesprochen.

Luftwaffe fliegt weitere Deutsche aus Israel aus

Trotz der Waffenruhe zwischen Israel und Iran hat die Luftwaffe derweil weitere Deutsche aus Israel ausgeflogen. "Der Waffenstillstand zwischen Israel und Iran hält an. Auch wenn sich die Lage beruhigt: Mit der Bundeswehr verlassen weitere 76 Deutsche im Rahmen der assistierten Ausreise die Region", teilte das Auswärtige Amt auf X mit. Insgesamt habe man damit knapp 800 Deutsche mit Sonderflügen bei der Ausreise unterstützt.

Eskalation im Westjordanland: Drei Tote bei Siedlerangriff

Während die Waffen zwischen Israel und dem Iran einstweilen schweigen, bleibt die Lage in den palästinensischen Gebieten angespannt. Nach einem Angriff israelischer Siedler auf ein palästinensisches Dorf im Westjordanland kam es dort zu tödlichen Auseinandersetzungen. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden in dem Dorf Kufr Malik drei Palästinenser durch Schüsse getötet. Sieben weitere Menschen seien verletzt worden, einer davon lebensgefährlich. Nach Angaben von Einwohnern gaben Siedler und Soldaten Schüsse ab.

Dutzende Israelis hätten in dem Dorf Feuer gelegt, teilten die israelischen Streitkräfte mit. Anschließend sei es zu Zusammenstößen zwischen israelischen und palästinensischen Zivilisten gekommen, die sich gegenseitig mit Steinen bewarfen. Daraufhin seien Soldaten und Polizeikräfte in den Ort eingerückt und hätten versucht, die Auseinandersetzung zu beenden. Als sie beschossen wurden, hätten sie das Feuer erwidert, teilte das Militär mit. Dabei habe es mehrere Tote und Verletzte gegeben.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Nach der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Trump:Standard Chartered sieht XRP als potenziell renditestärkste Kryptowährung im Jahr 2026

Vor dem Hintergrund der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Donald Trump und einer deutlich verbesserten regulatorischen Lage in den USA...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie 2025 rund zehn Prozent deutscher Gasimporte über LNG-Terminals
08.01.2026

Deutschlands Gasversorgung hat sich schneller verändert als lange gedacht. LNG-Terminals, einst politisch umstritten, tragen inzwischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Humanoide Roboter: KI treibt Robotik voran und schafft Milliardenmarkt
08.01.2026

Humanoide Roboter entwickeln sich von der Vision zur realen Technologie mit tiefgreifenden Folgen für Wirtschaft und Arbeit. Steht die...

DWN
Immobilien
Immobilien Wachstumsphase vorbei: Wohnungen werden erstmals seit Jahrzehnten kleiner
08.01.2026

Die durchschnittliche Wohnung in Deutschland ist seit den Sechzigerjahren deutlich größer geworden. Das ändert sich nun: Grund sind hohe...

DWN
Politik
Politik Handelskonflikt spitzt sich zu: Chinas Exportüberschuss setzt EU unter Druck
08.01.2026

Chinas Handelsmacht wächst schneller als die politischen Reaktionsmechanismen in Europa. Wie lange kann die EU diese Entwicklung noch...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Alphabet hielt Nasdaq im Plus, Dow und S&P 500 fielen
08.01.2026

Die Wall Street schloss am Mittwoch uneinheitlich, da Investoren neue Risiken in Venezuela sowie Anzeichen einer Abkühlung des...

DWN
Politik
Politik Grönland als Machtfaktor: Was Washington wirklich plant
07.01.2026

Donald Trump spricht offen über Grönland und meint nationale Sicherheit. Hinter den markigen Worten verbirgt sich eine geopolitische...

DWN
Politik
Politik Trump Eskalation: Warum Europas Vertrauen in die USA zerbricht
07.01.2026

Donald Trump handelt, als wäre Weltpolitik ein persönliches Machtspiel. Seine Entscheidungen erschüttern Allianzen, zerstören Vertrauen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitslosigkeit: Mehr Arbeitslose im Dezember - Talsohle erreicht?
07.01.2026

Mehr als 2,9 Millionen Menschen ohne Job – so viele waren es schon seit langem nicht mehr in einem Dezember. Gibt es Hoffnung auf einen...