Immobilien

Studie: Wohnungsnot droht Wirtschaftskrise zu verschärfen

Der Wohnungsbau in Deutschland steht still – ausgebremst durch steigende Kosten, Bürokratie und Baulandmangel. Während die Bauministerin auf Besserung hofft, warnen Experten vor einem ernsten wirtschaftlichen Problem.
06.10.2025 14:52
Lesezeit: 2 min
Studie: Wohnungsnot droht Wirtschaftskrise zu verschärfen
Zahlreiche Bauprojekte sind in einem Neubaugebiet im Stadtbezirk Freiham zu sehen (Foto: dpa). Foto: Matthias Balk

1,2 Millionen Wohnungen fehlen

In Westdeutschland fehlen nach Schätzung des Pestel-Instituts mittlerweile 1,2 Millionen Wohnungen. Der Wohnungsmangel zieht nach einer neuen Studie des in Hannover ansässigen Forschungs- und Beratungsinstituts mittlerweile die gesamte wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland in Mitleidenschaft, weil dieser im Effekt den Arbeitskräftemangel verschärft. Ohne grundlegenden politischen Kurswechsel hin zu einer umfassenden staatlichen Förderung des Wohnungsbaus erwarten sowohl das Institut als auch die Bauindustrie kein Ende der Wohnungsbaumisere. Bauministerin Verena Hubertz (SPD) hingegen verbreitete bei der Eröffnung der Münchner Immobilienmesse Expo Real Zuversicht.

Wohnungsmangel blockiert wirtschaftliche Entwicklung

„Die Erstarrung der Wohnungsmärkte führt natürlich auch zur Erstarrung der Arbeitsmärkte, weil die Leute nicht mehr umziehen können, um Arbeitsplätze in anderen Regionen anzunehmen“, sagte Pestel-Chefökonom Günther zum Messeauftakt in der bayerischen Landeshauptstadt. „Die Lösung der Wohnungsfrage ist Voraussetzung der wirtschaftlichen Entwicklung.“

„Angst vor dem Mieter“

Die Zahl von 1,2 Millionen fehlenden Wohnungen allein in den alten Ländern ist erheblich höher als bisherige Schätzungen. Das Institut hat dabei alle Wohnungen herausgerechnet, die länger als ein Jahr leer stehen. „Was zwölf Monate und länger leer steht, wird offensichtlich dem Markt gar nicht mehr angeboten“, erläuterte Günther. Auftraggeber der Studie war die Münchner Messegesellschaft.

Die Leerstandsquote - also der Anteil der nicht bewohnten oder vermieteten Wohnungen - beläuft sich laut Studie in vielen deutschen Landkreisen auf über fünf Prozent. Eine der Ursachen: „Viele ältere Menschen haben Angst vor dem Mieter.“Günther hält deswegen eine Lockerung des Mieterschutzes für sinnvoll, damit Eigentümer Mietnomaden oder andere „auffällige Mieter“leichter vor die Tür setzen können. Abgesehen davon leben demnach viele Alleinstehende in Wohnungen, die für einen Menschen allein eigentlich zu groß sind: „Zwei Millionen Single-Haushalte haben mehr als hundert Quadratmeter Wohnfläche“, sagte der Ökonom.

Turbo und zweistellige Milliardensumme für den Wohnungsbau

Bundesbauministerin Hubertz hingegen betonte, der vom Bund geplante „Bau-Turbo“solle bereits kommende Woche im Bundesrat beschlossen werden.

„Dann kann es auch losgehen“, sagte die SPD-Politikerin. Der „Bau-Turbo“ist kein Förderprogramm, sondern soll die umfangreiche Bürokratie bei der Bauplanung stark reduzieren. Jahrelange Genehmigungsverfahren sollen so auf wenige Monate verkürzt werden können. „Wir drehen den Spieß um, wir geben den Kommunen die Brechstange an die Hand“, sagte Hubertz.

Abgesehen davon verwies sie auf die geplante große Erhöhung der Fördermittel: „23,5 Milliarden für den sozialen Wohnungsbau, 11 Milliarden im Sondervermögen. Das ist eine Planbarkeit, die hatte die Baubranche noch nie“, sagte Hubertz. Als dritte kurzfristige Maßnahme nannte die Ministerin die Vereinfachung des Baugesetzbuchs, ein erster Referentenentwurf des Ministeriums soll zu Beginn nächste Jahres vorliegen.

Baubranche zeigt sich skeptisch

Was den Bau-Turbo betrifft, sind neben dem Pestel-Institut auch Baufirmen und -funktionäre skeptisch, dass dieser zum Befreiungsschlag wird. „Da habe ich so meine Zweifel“, sagte Peter Hübner, der Präsident des Bauindustrie-Verbands. In den kommunalen Baubehörden sei die Angst groß, einen Fehler zu machen - „und dann womöglich für diesen Fehler an die Wand gestellt zu werden“, kommentierte Eva Weiß, Chefin des zum Vonovia-Konzern gehörenden Bauunternehmens Buwog.

Die Bauindustrie plädiert ebenso wie das Pestel-Institut für umfassende staatliche Förderung des Wohnungsbaus, unabhängig davon, ob es sich um Sozialwohnungen oder den gewöhnlichen Wohnungsbau handelt. Bauindustrie-Präsident Hübner forderte Steuererleichterungen.

Steuererleichterung vielleicht 2026

Bayerns Bauminister Christian Bernreiter (CSU) - derzeit Vorsitzender der Länder-Bauministerkonferenz - deutete an, dass diese möglicherweise im nächsten Jahr kommen könnten: „Das haben wir in der Koalitionsvereinbarung stehen und ich hoffe, dass das im Jahressteuergesetz 2026 dann enthalten ist.“

Pestel-Chefökonom Günther hält vergünstigte Kredite für sinnvoll - ohne diese wie in den bisherigen Förderprogrammen üblich an Umwelt- oder sonstige Standards zu knüpfen. Der leichte Anstieg der Baugenehmigungszahlen in diesem Jahr jedenfalls bedeutet nach Günthers Einschätzung noch nicht, dass die Baukrise überwunden wäre: „In einer Baugenehmigung hat noch nie jemand gewohnt.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Rekordschlussstände für S&P 500 und Nasdaq, während der Waffenstillstand hält
05.05.2026

Erfahren Sie, welche Faktoren die Märkte aktuell antreiben und warum die Anleger trotz globaler Spannungen optimistisch bleiben.

DWN
Politik
Politik Misstrauensvotum in Rumänien: Prowestliche Regierung stürzt
05.05.2026

Rumäniens Regierung ist nach einem überraschenden Bündnis aus Rechtsextremen und Sozialdemokraten gestürzt. Hinter dem Misstrauensvotum...

DWN
Politik
Politik Trump erhöht Druck auf Grönland: US-Experte warnt vor Folgen für Europa
05.05.2026

Trump verschiebt die geopolitischen Machtlinien der USA und verbindet den Zugriff auf Grönland mit Energiefragen und Zugeständnissen an...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Teilkrankschreibung gegen hohe Fehlzeiten: Ist die Regelung sinnvoll?
05.05.2026

Krank, aber nicht ganz arbeitsunfähig – das soll künftig möglich sein: Im Zuge der neuen Gesundheitsreform hat die Bundesregierung die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Stromnetz im Kostencheck: Welche Technologien langfristig überzeugen
05.05.2026

Europas Stromversorgung steht vor einer neuen Kostenlogik, in der erneuerbare Energien, Speichertechnologien und verlässliche Grundlast...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie steigt trotz schwachem Quartal
05.05.2026

Die Zahlen fallen schwächer aus als erwartet, doch die Aktie reagiert überraschend robust. Statt Abverkauf setzt Rheinmetall auf eine...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unicredit greift Commerzbank an: Übernahme rückt näher
05.05.2026

Unicredit macht Ernst und treibt die Übernahme der Commerzbank mit Tempo voran. Doch Widerstand aus Berlin und Frankfurt könnte den Deal...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biontech-Aktie: 1.860 Stellen in Gefahr
05.05.2026

Biontech zieht die Notbremse und fährt Kapazitäten drastisch herunter. Der Sparkurs trifft Standorte weltweit – und bringt Tausende...