Wirtschaft

Deutschland investiert 900 Mio. Euro: Eine Drohnen-Brigade für Litauen

Deutschland rüstet sich industriell und militärisch neu, was Fragen nach Strategie, Kontrolle und wirtschaftlichen Folgen aufwirft. Welche politischen und wirtschaftlichen Implikationen ergeben sich aus der Nähe zwischen privater Hochtechnologie und staatlichen Sicherheitsinteressen, und wie will Berlin sie beantworten?
31.10.2025 16:00
Lesezeit: 3 min
Deutschland investiert 900 Mio. Euro: Eine Drohnen-Brigade für Litauen
Deutschland investiert 900 Mio. Euro in Drohnen zur Ausstattung der Bundeswehr in Litauen (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

Deutschland plant 900 Millionen Euro für heimische Drohnenproduktion

Deutschland beabsichtigt, Verträge im Volumen von 900 Millionen Euro mit den lokalen Drohnen-Start-ups Helsing, Stark sowie dem Rüstungsunternehmen Rheinmetall abzuschließen. Mit den gefertigten Kamikaze-Drohnen soll die für Litauen geplante deutsche Brigade ausgestattet werden. Diese Pläne wurden am Mittwoch von der Financial Times berichtet.

Aufteilung der Aufträge und parlamentarische Zustimmung

Die Summe soll Berichten zufolge ungefähr gleichmäßig auf die drei beteiligten Firmen verteilt werden. Die Vereinbarungen sind noch nicht unterschrieben und bedürfen der Zustimmung des Haushaltsausschusses des Bundestags. Unternehmen würden sich verpflichten, bis zu 12.000 Stück dieser Drohnen zu produzieren. Die Aufteilung des Auftrags in drei Lose wird damit begründet, dass sie Wettbewerb und Innovation unter den Herstellern fördern soll.

Rheinmetall verstärkt Engagement in der Munitions- und Drohnenproduktion

Rheinmetall ist das größte deutsche Rüstungsunternehmen und seit Beginn des Kriegs in der Ukraine verstärkt in den Fokus gerückt. Das Unternehmen zählt derzeit zu den aktivsten Akteuren auf dem Kontinent, wenn es um neue Investitionen geht. Nächste Woche beginnen die Bauarbeiten für eine Munitionsfabrik in Baisogala im Rajon Panevėžys. Ein ähnlicher Komplex ist auch für Lettland geplant.

Trotz des breiten Portfolios an Verteidigungsprodukten hatte Rheinmetall bislang keine eigenen militärischen Drohnen in größerem Umfang, abgesehen von einigen Partnerschaften. Auf einer Militärmesse in London im September stellte das Unternehmen erstmals seine eigenen Produktionsdrohnen FV-014 vor. Gleichzeitig präsentierte Rheinmetall Drohnen des israelischen Partners UVision vom Typ Hero, die bereits in realen Einsätzen in der Ukraine getestet wurden.

Helsing: Vom Softwareentwickler zum Hightech-Drohnenhersteller

Das in Deutschland gegründete Unternehmen Helsing begann mit der Entwicklung von softwarebasierter KI-Technologie für Drohnen und Abfangjäger. In den vergangenen Jahren ist das Unternehmen zunehmend in die Produktion militärischer Ausrüstung vorgerückt. Im vergangenen Jahr stellte Helsing den Kampfdrohnen-Prototyp HX-2 vor.

Nach Berechnungen der Analysefirma CB Insights ist Helsing das einzige nicht-amerikanische Unternehmen, das es in das Top-Ten-Ranking der größten Start-up-Investitionen eines Quartals geschafft hat. Das 2021 gegründete Start-up wurde mit 12 Milliarden Euro bewertet und zählt zu den höchstbewerteten privaten Technologieunternehmen in Europa. Im Juni zog Helsing eine Investmentrunde in Höhe von 600 Millionen Euro an Land, mit Prima Materia als Hauptinvestor.

Idee der Drohnen-Schutzlinie und politische Resonanz

Gundbert Scherf, Leiter von Helsing, gilt als einer der Befürworter der sogenannten Drohnenmauer. Diese Idee sieht vor, große Grenzabschnitte gegenüber Russland mit autonomen, KI-gesteuerten Drohnenschwärmen zu überwachen und zu schützen. Die Idee findet in Litauen politische Unterstützung, während führende Politiker großer EU-Staaten weiterhin skeptisch bleiben.

Stark als schnell wachsender Produzent für Angriffs-Drohnen

Das in Berlin gegründete Unternehmen Stark zählt zu den am schnellsten wachsenden Herstellern dieses Drohnentyps in Europa. In einer Finanzierungsrunde im August wurde das Unternehmen mit 500 Millionen US-Dollar bewertet. Starks Drohnen vom Typ Virtus werden bereits bei der Bundeswehr erprobt.

Das Unternehmen hat zudem die Steuerungs- und Kontrollplattform Minerva entwickelt und unterhält ein Team in der Ukraine. Im Juli berichtete die BBC, dass Stark eine Drohnenfabrik in Swindon im Vereinigten Königreich eröffnen will.

Verlegung der deutschen Brigade nach Litauen

Der Prozess zur Verlegung einer deutschen Brigade nach Litauen erfolgt nach einem im Dezember 2023 unterzeichneten Aktionsplan. Die 45. Panzerbrigade mit dem Beinamen Lietuva wurde im Mai offiziell in Dienst gestellt. Laut Verteidigungsministerium erreichte sie am 1. April dieses Jahres die volle Stabsstärke.

Derzeit dienen etwa 500 Soldaten der deutschen Brigade in Litauen. Die vollständige Einsatzfähigkeit der Brigade mit 5.000 Soldaten und zivilen Kräften sowie der erforderlichen Technik, Ausrüstung und Materialbestände soll bis 2027 erreicht werden.

Stationierung, Material und Infrastruktur

Mit den Truppen werden rund 2.000 militärische Fahrzeuge sowie drei zentrale Kampfverbände nach Litauen verlegt. Für die Unterbringung der Brigade wird auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Rūdninkai ein Militärdorf errichtet. Dieses Gelände wird 190 Hektar umfassen und sowohl deutsche als auch litauische Streitkräfte beherbergen.

Konsequenzen für deutsche Rüstungsindustrie und Sicherheitspolitik

Die geplanten Aufträge und die Produktion von bis zu 12.000 Drohnen markieren einen deutlichen Ausbau deutscher Rüstungs- und Verteidigungsaktivitäten an der NATO-Ostflanke. Für Deutschland bedeutet dies eine intensivere industrielle Zusammenarbeit zwischen Start-ups und etablierten Rüstungsunternehmen sowie eine nachhaltige Stärkung der militärischen Präsenz in der Region. Innenpolitisch werden die Vorhaben Debatten über Rüstungsexporte, Technologieentwicklung und die Rolle Deutschlands in der europäischen Sicherheitsarchitektur auslösen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Finanzen
Finanzen Buffer-ETFs: Warum der Airbag fürs Depot vor allem Rendite kostet
20.10.2026

Buffer-ETFs versprechen Aktienrenditen ohne die schlaflosen Nächte. In den USA ist daraus ein 78-Milliarden-Dollar-Business geworden, in...

DWN
Politik
Politik Verhandlungen ohne Selenskyj: Trump plant Dreier-Treffen mit Putin und Xi
20.10.2026

US-Medienberichten zufolge könnte sich ein Treffen mit Putin und Xi im November am Rande des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft E20-Benzin wartet auf grünes Licht: Wird der Kraftstoff günstiger?
20.10.2026

Drei deutsche Europaabgeordnete fordern Brüssel auf, E20-Benzin einzuführen. Sie argumentieren unter anderem damit, dass ein höherer...

DWN
Finanzen
Finanzen Der Markt hat den Verstand verloren: Ich kaufe heute Micron-Aktien nach
20.10.2026

Die Micron-Aktie ist seit ihrem Sommerhoch um fast 30 Prozent gefallen, allein in fünf Handelstagen verlor sie rund 15 Prozent. Technische...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinas Energiewende: Zehn zentrale Erfolge und Lehren für Europa
20.10.2026

China hat seine Energiewende eng mit Industriepolitik und Versorgungssicherheit verknüpft. Das Ergebnis ist widersprüchlich, aber...

DWN
Politik
Politik Sonntagsumfrage: AfD bleibt stärkste Kraft
20.10.2026

Die AfD liegt in der YouGov-Umfrage weiter vorn, während sich bei mehreren Parteien kaum etwas bewegt. Welche Verschiebungen es im...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Traditionsunternehmen Miele: Mittelständler mit Milliarden-Umsatz - Chef stirbt im Alter von 98 Jahren
20.10.2026

Als Hersteller für Haus- und Gewerbegeräte ist Miele weltweit bekannt. In Westfalen wurde das Traditionsunternehmen 1899 gegründet. Als...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie: Rapider Stellenabbau von fast einer halben Million Arbeitsplätze
20.10.2026

Die deutsche Wirtschaft erlebt einen verschärften Strukturwandel: Die Industrie hat seit 2019 knapp eine halbe Million...