Frankreich besorgt über Umfang und Tempo der deutschen Aufrüstung
Frankreich beobachtet mit wachsender Anerkennung, aber auch mit spürbarem Unbehagen das beispiellose Aufrüstungsprogramm Deutschlands. Umfang und Geschwindigkeit der militärischen Investitionen beginnen, bestehende Kräfteverhältnisse in Europa infrage zu stellen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Deutschland setzt dabei exakt um, wozu es sich im Rahmen der NATO verpflichtet hat. Bis 2029 sollen mehr als 500 Milliarden Euro in die Verteidigung fließen, womit ein Militäranteil von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts deutlich früher erreicht würde, als es das Bündnis verlangt.
Während diese Entwicklung in Brüssel als Ausdruck sicherheitspolitischer Verantwortung gilt, wachsen in mehreren europäischen Hauptstädten Zweifel. Dort wird zunehmend gefragt, ob die erstarkende Bundeswehr nicht erneut zur dominierenden militärischen Kraft auf dem Kontinent werden könnte, zumal die Alternative für Deutschland in Umfragen Rekordwerte erzielt.
Ambivalente Reaktionen Frankreichs auf die deutsche Aufrüstung
Frankreich verfügt über eine der stärksten Armeen Europas und ist das einzige EU-Land mit eigenem nuklearem Arsenal. Entsprechend fallen die Reaktionen auf die deutsche Aufrüstung zwiespältig aus. Einerseits herrscht Erleichterung darüber, dass Deutschland mehr Verantwortung für die europäische Sicherheit übernimmt.
Gleichzeitig wächst die Sorge, dass der deutsche Rüstungssektor französische Unternehmen verdrängen könnte. Deutschland profitiert von einem erheblich größeren fiskalischen Spielraum, der seiner Rüstungsindustrie strukturelle Vorteile verschafft.
Mehrere französische Regierungsvertreter erklärten vertraulich, in der politischen Führung wachse das Unbehagen über die Machtverschiebung zugunsten Deutschlands. Frankreich befinde sich in einer heiklen Lage, sagte der Europaabgeordnete François Xavier Bellamy, da innenpolitische Probleme die geopolitische Position des Landes schwächten.
Frankreich fordert stärkere europäische Rüstungsstrukturen
Bellamy, Mitglied der christdemokratischen Europäischen Volkspartei, wirbt seit Jahren für ein konsequentes Prinzip des Kaufs europäischer Rüstungsgüter. Frankreich als einer der weltweit größten Waffenexporteure müsse sich stärker auf den europäischen Markt konzentrieren. Wenn man jahrelang beklagt habe, sicherheitspolitisch vieles allein schultern zu müssen, müsse man nun auch strategisch konsequent handeln. Ein stärker integrierter europäischer Markt sei aus französischer Sicht zentral für industrielle Ausgewogenheit.
Die Sicherheitsexpertin Claudia Major vom German Marshall Fund verweist darauf, dass historische Erfahrungen Deutschland lange dazu bewogen hätten, politisch im Hintergrund zu bleiben. Dies habe selbst dann gegolten, als die wirtschaftliche Stärke des Landes kontinuierlich wuchs.
Verschiebung der sicherheitspolitischen Rollen in Europa
Mit der zunehmenden militärischen Bedeutung Deutschlands verschiebt sich jedoch der sicherheitspolitische Schwerpunkt Europas. Diese Entwicklung verstärkt die Spannungen in Frankreich, da gewohnte Rollenbilder zwischen beiden Ländern ins Wanken geraten. Über Jahre habe eine unausgesprochene Arbeitsteilung gegolten. Frankreich habe sich auf geopolitische Führung konzentriert, Deutschland auf wirtschaftliche Stärke. Heute verbinde Deutschland beides innerhalb europäischer Strukturen, was Frankreich in eine schwierige Lage bringe.
Unter Kanzler Friedrich Merz lockerte Deutschland die strengen Schuldenregeln im Verteidigungsbereich. Dadurch wurden umfangreiche Mittel für Aufrüstung und Abschreckung gegenüber einem zunehmend aggressiven Russland mobilisiert.
Deutsche Aufrüstung im europäischen und transatlantischen Rahmen
Zwar erhöhen auch nordische Länder, die baltischen Staaten und Polen ihre Verteidigungsausgaben deutlich. Kaum ein Land kann jedoch mit dem Tempo und dem finanziellen Umfang Deutschlands mithalten, während Staaten wie Frankreich, Italien oder Spanien über geringere Haushaltsreserven verfügen.
Die Bundesregierung betont, dass der Ausbau der Streitkräfte eng mit den Bündnispartnern abgestimmt erfolgt. NATO Generalsekretär Mark Rutte lobte die deutsche Entschlossenheit bei einem Besuch in Deutschland ausdrücklich als vorbildlich. In Frankreich sorgte jedoch Unmut darüber, dass das Land bei der Vorstellung der European Sky Shield Initiative kaum eingebunden war. Zusätzliche Irritationen löste die frühere Entscheidung von Olaf Scholz aus, 35 Kampfjets vom Typ F 35 aus den USA statt europäischer Modelle zu beschaffen.
Kooperationsprobleme trotz gemeinsamer Interessen
Zwar hat Deutschland unter Friedrich Merz die Käufe amerikanischer Rüstungsgüter gebremst, auch als Reaktion auf Spannungen mit Washington. Dennoch bleibt die militärische Zusammenarbeit mit Frankreich schwierig. Das zentrale europäische Projekt für ein Kampfflugzeug der nächsten Generation, das Future Combat Air System, steckt weiterhin in Konflikten über die Aufgabenteilung zwischen Dassault Aviation und Airbus fest. Fortschritte bleiben bislang begrenzt.
Gleichzeitig verschafft die wachsende militärische Stärke Deutschland mehr Einfluss in EU und NATO. Berlin setzt sich für eine stärkere Rolle der Europäischen Verteidigungsagentur ein, die von einem deutschen General geleitet wird.
Polen beobachtet Deutschlands Aufstieg differenziert
Auch Polen verfolgt die Entwicklung aufmerksam. Polens Vizepremier Radosław Sikorski erklärte, solange Deutschland Mitglied der EU und der NATO sei, bereite ihm eine mögliche Zurückhaltung bei der Aufrüstung größere Sorgen als die Stärke der Bundeswehr selbst.
Deutschland gilt zudem als besonders gut aufgestellt, um strategische Unterstützungsfähigkeiten auszubauen. Dazu zählen Luft- und Raketenabwehr, Satellitenaufklärung sowie militärische Logistik. In diesen Bereichen ist Europa weiterhin stark von den USA abhängig. Angesichts unsicherer Signale aus Washington, etwa im Zusammenhang mit Grönland, wächst der Wunsch nach größerer europäischer Eigenständigkeit.
Innenpolitische Risiken und deutsche Verantwortung
„Aus Sicht der NATO ist es sinnvoll, dass Deutschland bei diesen Fähigkeiten eine Schlüsselrolle übernimmt“, sagte General Markus Laubenthal. Die industrielle Basis und die finanziellen Möglichkeiten sprächen klar dafür.
Dennoch bleibt die innenpolitische Entwicklung in Deutschland ein Unsicherheitsfaktor. Das wachsende Umfragehoch der Alternative für Deutschland wirft Fragen nach der politischen Kontrolle dieser militärischen Stärke auf. Zunehmend stelle sich die Frage, was mit einer so starken Armee geschehe, sollte die AfD eines Tages Regierungsverantwortung übernehmen, warnte Jana Puglierin vom Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen.
Für Deutschland bedeutet der militärische Aufstieg eine neue sicherheitspolitische Verantwortung innerhalb Europas. Berlin steht vor der Aufgabe, seine wachsende militärische Rolle fest in europäische Strukturen einzubetten und innenpolitische Stabilität zu sichern, um Vertrauen bei Partnern wie Frankreich und Polen dauerhaft zu erhalten.


