Unternehmen

Mittelstand unter Druck: Datev-Analyse belegt beunruhigende Zahlen

Die wirtschaftliche Lage im deutschen Mittelstand spitzt sich weiter zu: Kleine und mittelgroße Unternehmen stehen immer stärker unter Druck, bestätigt eine aktuelle Datev-Analyse. Es kommt zu Geschäftsaufgaben, Insolvenzen und Verlagerungen. Zu beobachten ist dabei auch eine regionale Verschiebung der Probleme.
15.02.2026 15:34
Lesezeit: 3 min

Scholz: "Deutschland ist eines der wenigen Länder mit einem breiten Mittelstand"

Altkanzler Olaf Scholz sieht im deutschen Mittelstand einen wichtigen Grund für Optimismus trotz drastischer Veränderungen in der Welt. "Deutschland ist eines der wenigen Länder mit einem breiten Mittelstand", sagte der SPD-Politiker am Wochenende auf dem SPD-Jubiläumsempfang in Scharbeutz. "Dazu zählt der Handwerker um die Ecke, aber eben auch das Unternehmen mit 500 oder 1.500 Beschäftigten, das einer von drei Playern für ein bestimmtes Produkt auf dem Weltmarkt ist."

"Das gibt es nicht so in Frankreich und Großbritannien, nicht mal in den USA", sagte Scholz. Diese auch gesellschaftliche Tiefe und die mittlerweile lange demokratische Tradition seien Basis dafür, "dass wir zuversichtlich in die Welt gucken können".

Doch die aktuelle Analyse des Finanzsoftwarehauses Datev teilt den Optimisimus des Altkanzlers nicht.

Mittelstand unter Druck: Datev-Analyse belegt schleichenden Niedergang

Der Datendienstleister Datev untersucht regelmäßig den Zustand eines der wichtigsten Wirtschaftsfelder in Deutschland - des Mittelstandes. Und seine Diagnose ist nicht rosig: Sie zeigt beunruhigende Zahlen zur Lage des deutschen Mittelstands. Bereits die erste Jahresausgabe des Datev-Mittelstandsindex hatte gezeigt, dass sich die Lage des deutschen Mittelstands im vergangenen Jahr deutlich verschlechtert hat: Demnach ist im Mittelstand der Umsatz um 1,6 Prozent gefallen – und die Beschäftigung um 1,1 Prozent. Immerhin ist die Lohnentwicklung noch positiv – bei dem jetzigen Trend ist es jedoch zunehmend nur noch eine Frage der Zeit, bis das Gegenteil eintritt. Datevs Resümee zum Geschäftsjahr 2025: "Ein verlorenes Jahr für den Mittelstand."

Datev-Analyse: „Ein verlorenes Jahr für den Mittelstand“

Die Untersuchung des Nürnberger Daten-Dienstleisters Datev zeigt, das die Unternehmen in den vergangenen Jahren stark unter Druck geraten sind. Insolvenzen nehmen zu - vor allem bei sehr kleinen Unternehmen und bei größeren Mittelständlern mit mehr als 100 Beschäftigten. Der Anteil des Mittelstandes am Gesamtumsatz und am Arbeitskräftepotenzial nimmt dagegen ab.

"Wie befürchtet, ist das Weihnachtsgeschäft zum vierten Mal in Folge am Einzelhandel vorbeigegangen. Vor allem Kleinst- und kleine Unternehmen spüren die anhaltende Kaufzurückhaltung, steigende Kosten und den strukturellen Wandel besonders stark. 2025 war ein weiteres verlorenes Jahr für den Mittelstand." Prof. Dr. Robert Mayr, CEO DATEV eG

Mittelstand verliert Anteile an Umsatz und Beschäftigung

Mehr als 99 Prozent der mehr als drei Millionen Unternehmen in Deutschland fallen in die Kategorie der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Sie wird in der Regel bis 500 Mitarbeiter und bis 50 Millionen Euro Jahresumsatz definiert. Ihr Anteil ist in den vergangenen Jahren laut Datev-Angaben stabil geblieben. Allerdings fiel ihr Anteil am Umsatz und an der Beschäftigung im Zeitraum von 2018 bis 2023 jeweils um vier Prozentpunkte, auf 26,2 Prozent beziehungsweise 53,3 Prozent, der Anteil an der Bruttowertschöpfung um zwei Prozentpunkte auf 40,9 Prozent.

Während innerhalb der vergangenen Jahre der Umsatz stetig zurückging, stiegen die Arbeitskosten immer weiter – so legten die Löhne im Jahr 2023 um 5,1 Prozent und im vergangenen Jahr um 4,2 Prozent kräftig zu. Deshalb beobachtet man zunehmend „Liquiditätsrisiken, Restrukturierungen und zunehmende Geschäftsaufgaben.“

Mehr Insolvenzen, mehr Betriebsaufgaben

„Diese Beobachtung korreliert mit der Zahl der Insolvenzen in Deutschland, die 2025 einen neuen Höchststand erreicht hat. Besonders betroffen sind Kleinstunternehmen ohne Beschäftigte sowie größere Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“, heißt es in einer Pressemitteilung von Datev zu der Analyse. Erhöhtes Insolvenzgeschehen gebe es etwa in den Bereichen Baugewerbe, Gastgewerbe und im verarbeitenden Gewerbe.

Demnach liegt die Quote der geplanten Betriebsaufgaben – sei es aus persönlichen Gründen wie Krankheit oder Rente, wegen fehlender Nachfolgelösungen oder aufgrund von mangelnder Rentabilität – im Jahr 2025 bei 1,51 Prozent nach 0,97 Prozent im Vorjahr. Der Anteil ungeplanter Geschäftsaufgaben wiederum durch beispielsweise Liquiditätsengpässe oder gar Insolvenzen stieg von 0,54 auf 0,73 Prozent.

Bei den ungeplanten Geschäftsaufgaben zeigt sich dabei eine regionale Verschiebung: War bei den erzwungenen Geschäftsaufgaben 2024 insbesondere der Osten betroffen, liegen die Hotspots nun im Westen, meldet Datev. Besonders groß ist das Plus dabei in Nordrhein-Westfalen mit einer Quote von 1,16 Prozent nach zuvor 0,69 Prozent. Zugelegt haben die Fallzahlen zudem auch in Baden-Württemberg und in den Bundesländern im Nordwesten.

Bestätigt werde dieses Bild zudem von der Insolvenz-Statistik: Die Zahl der beantragten Regelinsolvenzen in Deutschland ist nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Dezember 2025 um 15,2 % gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen.

Fazit der Datev-Analyse: Mittelstand auf dem Rückzug

Die wirtschaftliche Lage im Mittelstand ist angespannt und der Ausblick in die Zukunft sieht bei vielen Unternehmen alles andere als rosig aus: Die rückläufige Umsatzentwicklung zum Jahresende prägt die Situation über Branchen und Unternehmensgrößen hinweg. "Der Mittelstand gibt auf. Es ist keine Schockwelle, sondern ein schleichender Rückzug, getrieben von hohen Kosten, schwacher Nachfrage, erdrückender Bürokratie und dem Mangel an Nachfolgelösungen.“ Insbesondere die Wirtschaftskrise der Industrie, etwa in der Automobilbranche oder der Chemieindustrie, trifft die meist mittelständischen Zulieferer der großen Branchenriesen besonders hart. Großinsolvenzen sorgen für einen Dominoeffekt bei den Lieferketten. Gerade kleine Unternehmen mit einer starken Abhängigkeit von wenigen großen Abnehmern sind zunehmend Insolvenzgefährdet.

Datev hat für die Auswertung auf Datenmaterial zugegriffen, das über die angeschlossenen Steuerkanzleien zur Verfügung stand - etwa Daten aus Lohnabrechnungen und Unfallversicherungsmeldungen. Zusätzlich wurde Material des Statistischen Bundesamtes herangezogen. Das Unternehmen aus Nürnberg gilt als einer der führenden Anbieter von Buchhaltungssoftware für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte in Deutschland – und hat dadurch Zugriff auf anonymisierte Daten zum Zustand der Unternehmen

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