Europas Aufrüstung hat einen blinden Fleck
Europas Verteidigungsbudgets steigen, die Rüstungsindustrie baut Kapazitäten aus, und die politische Debatte hat sich von der Idee einer Friedensdividende hin zur Frage der militärischen Handlungsfähigkeit verlagert. Auslöser war die russische Invasion in der Ukraine. Nach Analysen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI ist Europa jedoch nicht mehr nur im Krisenmodus, sondern in einen strukturellen, langfristigen Kurswechsel eingetreten. Die SIPRI-Daten sind dabei mehr als Statistik. Sie zeigen, wie sich Prioritäten in Sicherheit, Verteidigung und Industrie verschieben.
Zubaida Karim, Forschungsanalystin im SIPRI-Programm für Militärausgaben, beschreibt den Trend als strategische und geopolitische Reaktion auf die aktuelle Sicherheitslage, zugleich aber als Zeichen eines dauerhaften Wandels in den Mustern militärischer Ausgaben. Strategien zur Ausweitung, Stärkung und Modernisierung der Fähigkeiten sowie zum Auffüllen von Beständen seien nicht als kurzfristige Maßnahmen geplant, sondern als mehrjähriger Prozess. Dieser spiegle sich auch in EU-Initiativen wie der Europäischen Strategie für die Verteidigungsindustrie, die Verteidigungsbedarf mit industriellen Kapazitäten, Lieferketten und beschleunigten Beschaffungsverfahren verzahnen soll. Nach Einschätzung der SIPRI-Expertin wird dieser Prozess die europäische Verteidigungspolitik weit über das Ende des aktuellen Krieges hinaus prägen.
Militärausgaben steigen sprunghaft, der Druck bleibt
SIPRI zufolge sind die europäischen Militärausgaben seit 2021 um mehr als 50 Prozent gestiegen. Das ist die schnellste Zunahme seit dem Ende des Kalten Krieges. Im Jahr 2024 erhöhten alle europäischen Staaten mit Ausnahme Maltas ihre Verteidigungsetats. Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Polen und Italien zählen inzwischen zu den 15 größten Militärausgebern der Welt.
Karim betont, dass ein Teil der Dynamik aus den außergewöhnlichen Kriegsfolgen resultiert. Gleichzeitig seien langfristige Verpflichtungen entscheidend, die weit in die Zukunft reichen. Besonders die Ziele innerhalb der NATO, die in politischen Debatten und Strategiedokumenten zunehmend diskutiert werden, verschieben den Erwartungsrahmen nach oben. Genannt wird ein Pfad, der von zwei Prozent in Richtung fünf Prozent des BIP bis 2035 reicht. In der Praxis werden die nationalen Wege unterschiedlich ausfallen, doch der politische Rahmen und die Erwartungen des Bündnisses bewegen sich sichtbar nach oben. Selbst wenn sich ein Teil der Krisenfinanzierung beruhigt, erfordern Modernisierung und Fähigkeitsaufbau dauerhaft hohe Verteidigungsausgaben.
Wohin das Geld fließt und wer am stärksten profitiert
Die zusätzlichen Mittel verteilen sich nicht gleichmäßig. SIPRI sieht Nachfrageballungen in wenigen Kernbereichen.
- An erster Stelle steht die Luft- und Raketenabwehr. Karim verweist darauf, dass die europäische Unterstützung für die Ukraine und die Notwendigkeit, Europa wieder aufzurüsten, die Nachfrage nach Luftverteidigung und Raketenabwehr stark erhöht haben. Auch große Unternehmen wie MBDA berichten über steigende Aufträge.
- Zweitens wächst die Nachfrage nach Artilleriemunition und gepanzerten Fahrzeugen. Unternehmen wie Rheinmetall und Diehl profitieren von großen Verträgen für Panzerfahrzeuge und 155-Millimeter-Artilleriemunition. Es geht dabei sowohl um die direkte Ausstattung nationaler Streitkräfte als auch um das Auffüllen von Beständen.
- Drittens gewinnen fortgeschrittene Technologien an Bedeutung. Künstliche Intelligenz, Quanten-Technologien und weitere Hightech-Bausteine werden zunehmend militärisch genutzt, besonders in Luftfahrt, Raumfahrt und Führungs- und Kontrollsystemen. Thales und Safran zählen zu den Konzernen, die über ein höheres Interesse an solchen Lösungen berichten.
Ein wichtiger Finanzierungskanal ist zudem der Europäische Verteidigungsfonds EDF. Bis zum Ende des aktuellen mehrjährigen Finanzrahmens 2027 stellt die EU dafür rund acht Milliarden Euro bereit, im Schnitt mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr für gemeinsame Forschung und Entwicklung. Die Mittel decken ein breites Spektrum ab, von disruptiven Technologien bis zur Entwicklung großer künftiger Plattformen wie einem europäischen Hauptkampfpanzer und einer Fregatte. Danach soll im nächsten EU-Finanzrahmen ein neuer Finanzierungsmechanismus folgen.
Die Frage, wer vom Aufrüstungszyklus am meisten profitiert, beantwortet Karim klar. Nahezu alle Rüstungsunternehmen profitieren, doch im Vorteil sind vor allem die größten Konzerne. Sie besitzen führende Positionen bei bestimmten Waffensystemen und Skalenvorteile, wodurch sie schnell und in großen Mengen liefern können. SIPRI-Daten zeigen stark wachsende Umsätze bei europäischen Schwergewichten wie Thales, Safran, Rheinmetall und Airbus. Im Vergleich zu 2021 sind diese Unternehmen in der SIPRI-Top-100-Liste weiter nach oben gerückt. Das deutet auf eine zunehmende Konzentration der europäischen Rüstungsindustrie hin. Politik und Beschaffung fokussieren häufig gerade jene Akteure, die kurzfristig Munition, gepanzerte Fahrzeuge und Raketensysteme liefern können.
Kleine und mittlere Unternehmen spielen eine Rolle, bleiben aber begrenzt. Karim betont, dass der EDF auch für kleinere Akteure wichtig ist und den Anteil privater Akteure erhöht hat. Relativ gesehen sind diese Mittel für kleine und mittlere Unternehmen deutlich bedeutender als für Industriegiganten. Der Fonds trägt damit zu einer gewissen Diversifizierung bei, stabilisiert aber zugleich bestehende Hierarchien. Damit stellt sich die Frage, ob der Aufrüstungsboom neben dem Ziel strategischer Autonomie nicht zugleich vor allem die Geschäftsmodelle der größten Akteure festigt und politische Prioritäten in eine Logik industrieller Konzentration überführt.
Strategische Autonomie, Schulden und Transparenz als Konfliktfelder
Ein zentrales politisches Ziel der EU ist eine größere strategische Autonomie in der Verteidigung. Höhere Budgets könnten theoretisch Modernisierung und geringere Abhängigkeit von externen Lieferanten ermöglichen. In der Praxis bleibt der Weg komplex. Zuletzt sorgte eine Aussage von Nato-Generalsekretär Mark Rutte für Unruhe, wonach Europa sich ohne die USA nicht effektiv verteidigen könne. Karim verweist darauf, dass die EU bei einem großen Teil ihrer militärischen Ausrüstung weiterhin stark von US-Rüstungskonzernen abhängig ist. Ein erheblicher Anteil der zusätzlichen Mittel fließt weiterhin in Waffenimporte.
Nach Einschätzung der SIPRI-Expertin werden fünf bis zehn Jahre erhöhter Militärausgaben allein die strukturellen Schwächen der europäischen, entlang nationaler Linien fragmentierten Industrie nicht beheben. Daraus entsteht ein Risiko, dass Europa langfristig von dauerhaft hohen Verteidigungsausgaben abhängig bleibt, ohne das Ziel strategischer Autonomie vollständig zu erreichen. Der politische Anspruch lautet Unabhängigkeit. Die ökonomische Realität begünstigt häufig Import und schnelle Beschaffung.
Hinzu kommen fiskalische und gesellschaftliche Kosten. Karim verweist auf Opportunitätskosten. Mittel für Verteidigung stehen nicht für soziale Sicherung, Gesundheit oder Klimatransformation bereit. Sie warnt zudem vor der Finanzierung über neue Schulden. Dieser Ansatz sei nicht dauerhaft tragfähig. Staaten überschreiten bereits Schuldenstände, und fiskalische Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts werden durch temporäre Ausnahmen aufgeweicht, um höhere Militärausgaben zu ermöglichen. Kurzfristig erleichtert das den Aufbau von Fähigkeiten, langfristig stellt es Fragen nach fiskalischer Stabilität und Prioritätensetzung, besonders in hochverschuldeten Ländern.
Deutschland ist in diesem Strukturwandel ein Schlüsselstaat. Die Bundesrepublik zählt zu den größten Militärausgebern, ist zugleich zentraler Standort großer Rüstungsunternehmen und ein Drehpunkt europäischer Beschaffung. Der Aufrüstungsboom stärkt Industrie und Beschäftigung, erhöht aber zugleich den Druck auf Haushaltspolitik, Exportkontrollen und demokratische Kontrolle. Gerade die deutsche Debatte über Sondervermögen, Schuldenregeln und Beschleunigung von Beschaffung zeigt, wie eng Sicherheitspolitik und Finanzpolitik inzwischen verflochten sind.
SIPRI verweist zudem auf regionale Unterschiede. Polen gilt als neues Rüstungszentrum Europas. Der staatliche Konzern PGZ stieg in der SIPRI-Top-100-Liste von Platz 117 im Jahr 2013 auf Platz 51 im Jahr 2024. Karim sieht darin eine bewusste langfristige Industriestrategie, nicht nur einen kurzfristigen Krisenreflex. SIPRI-Forscherin Katarina Djokic ergänzt, Polen habe eine Tradition des Aufbaus einer nationalen Industriebasis. Ein Schlüsselelement sei die starke Präferenz, im Ausland gekaufte Waffen lokal zu montieren. Ziel sei mehr Selbstversorgung und Versorgungssicherheit sowie der Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen in Unternehmen, die teils aus der Zeit des Warschauer Pakts stammen. Zugleich hat dieses Modell seinen Preis. Die Industrie ist weitgehend staatlich und stark abhängig von großen Inlandsaufträgen und Subventionen. Djokic betont, dass sich dieses Modell nicht einfach auf kleinere mittel- und osteuropäische Staaten übertragen lässt, deren Armeen und Budgets, oder auch deren Wählerpräferenzen, eine solche dauerhafte Industrieunterstützung nicht tragen könnten.
Südosteuropa: unterschiedliche Bedrohungen, unterschiedliche Strategien
In Südosteuropa und auf dem Westbalkan zeigen sich andere Muster. Die Militärausgaben steigen zwar, besonders in Rumänien, Bulgarien, Albanien und Serbien, jedoch ohne einheitliche Strategie. Djokic verweist auf stark unterschiedliche Bedrohungsperzeptionen. Griechenland orientiert sich sicherheitspolitisch primär an der Türkei, Rumänien an Russland. Serbien verfolgt eine Linie, in der sich unklar formulierte strategische Ziele mit innenpolitischen Interessen und kurzfristigem außenpolitischem Manövrieren verbinden, etwa durch das Suchen guter Beziehungen zu verschiedenen Staaten über Waffenbeschaffung. Kosovo versucht durch den Aufbau eigener Fähigkeiten Serbien abzuschrecken, während in Bosnien und Herzegowina innenpolitische Blockaden größere Investitionen in zentralisierte Streitkräfte erschweren.
Industriell bleibt die Region an der Peripherie. Kein Unternehmen aus Südosteuropa oder dem Westbalkan ist in der SIPRI-Top-100-Liste, die Produktionskapazitäten sind begrenzt. Djokic sieht zwar wachsendes Interesse am Ausbau nationaler Produktion von Waffen und Dual-Use-Gütern, betont aber große Unterschiede in den Industriebasen. Der Ukrainekrieg brachte Exportchancen, vor allem für Munition und Kleinwaffen aus Ländern wie Bosnien und Herzegowina sowie Serbien. Die Nachfrage nach Munition in Europa dürfte neue Investitionen in Munition und Treibstoffproduktion nach sich ziehen, insbesondere in Nato-Staaten. Djokic verweist auf jüngere Rheinmetall-Projekte in Rumänien und Bulgarien. In Slowenien und Kroatien handelt es sich meist um kleine private Unternehmen mit Nischenspezialisierungen, die versuchen, Produktion aufzubauen. Neue EU-Instrumente zur Stützung der europäischen Verteidigungsindustrie und Projekte wie Ausschreibungen rund um einen sogenannten Drone Wall haben in diesen Staaten zusätzliche Erwartungen bestätigt.
Zu den zentralen Risiken zählt SIPRI die Folgen für Exportkontrolle, Nichtverbreitung und Transparenz. Mark Bromley, Direktor des SIPRI-Programms für Dual-Use-Kontrolle und internationalen Waffenhandel, warnt vor der wachsenden militärischen Nutzung ursprünglich ziviler Technologien. Staaten und Hersteller erweitern die Nutzungspfade, in denen zivile Technologien in militärische und sicherheitsrelevante Produktion integriert werden. Software, Sensoren und Algorithmen werden zunehmend als Dual-Use eingestuft. Bromley nennt Gesichtserkennung als Beispiel, die sowohl zivil als auch in militärischer Überwachung, Grenzschutz und innerer Sicherheit genutzt wird. Diese Verflechtung schafft nach seiner Einschätzung erhebliche Herausforderungen für Exportkontrolle, insbesondere um Umleitungen zu nicht autorisierten Endnutzern zu verhindern oder Nutzungen zu stoppen, die Menschenrechte oder humanitäres Völkerrecht verletzen.
Pieter Wezeman, leitender SIPRI-Forscher im Programm zu Waffenlieferungen, betont, dass steigende Nachfrage und wachsende Produktion in Europa nicht automatisch zu weniger Exporten in Drittstaaten führen. Europäische Staaten exportieren häufig mehr Waffen außerhalb Europas als innerhalb Europas. Wezeman verweist auf politisch und ethisch umstrittene Exporte, darunter Lieferungen an Israel, an nichtdemokratische Golfstaaten oder Umleitungen europäischen Materials über Drittstaaten in Konfliktgebiete wie Sudan und Libyen. Daraus folgt ein wachsender Bedarf an Kapazitäten für Genehmigungen, Kontrolle und Nachverfolgung.
Bei der formalen Berichterstattung sieht Wezeman seit 2022 keine grundlegenden Veränderungen. Nationale Berichte, EU-Berichte sowie Meldungen an UN und OSZE bestehen fort. Neu ist laut Wezeman die Entscheidung der USA, in diesem Jahr keine Daten mehr an die UN über Waffenexporte zu liefern, wobei die Berichtspflicht gegenüber dem Kongress weiter besteht und die Transparenz des US-Exports insgesamt relativ hoch bleibt.
Deutlich reduziert habe sich jedoch die Transparenz bei militärischer Hilfe für die Ukraine. Viele Staaten veröffentlichen überwiegend nur noch Gesamtwerte, nicht mehr detaillierte Angaben zu Arten und Mengen gelieferten Materials. Deutschland ist nach Wezemans Darstellung ein besonders klarer Fall, weil es monatliche Berichte mit detaillierten Zahlen zu gelieferten und zugesagten Waffen, Munition und Ausrüstung veröffentlichte, dies aber im April 2025 eingestellt hat. SIPRI bewertet die Verschiebung von inhaltlicher hin zu rein finanzieller Transparenz als Risiko, weil dadurch langfristig die öffentliche Kontrolle über Aufrüstungspolitik geschwächt wird.
Milliarden für Waffen, Schulden für Bürger: Europas riskanter Rüstungsboom
Europas Aufrüstung ist nach SIPRI kein kurzfristiger Ausnahmezustand, sondern ein struktureller Kurswechsel. Gewinner sind vor allem die großen Rüstungskonzerne, während strategische Autonomie durch Importabhängigkeit begrenzt bleibt. Gleichzeitig wachsen fiskalische Lasten, Opportunitätskosten und politische Konflikte um Exportkontrolle und Transparenz. Für Deutschland steht damit nicht nur die Frage der militärischen Fähigkeit im Raum, sondern auch die der demokratischen Kontrolle und der finanziellen Tragfähigkeit eines dauerhaft hohen Rüstungsniveaus.


