Unternehmen

Sneaker-Revolution aus dem Drucker: Wie ein Hamburger Start-up die Schuhwelt umkrempelt

Von der heimischen Werkstatt an die Füße der Weltstars: Cornelius Schmitt hat geschafft, wovon viele Sneaker-Fans nur träumen. Mit seinem Hamburger Unternehmen Zellerfeld druckt er Schuhe nicht nur – er definiert sie neu. Was als Hobby begann, ist heute eine High-Tech-Schmiede, die Größen wie Justin Bieber und Shaquille O’Neal begeistert und das Ziel verfolgt, die globale Schuhproduktion radikal zu demokratisieren.
22.03.2026 07:39
Lesezeit: 3 min

Aus Clausthal-Zellerfeld in die Welt

Der Industrial-Ingenieur aus Münster liebt extravagante Turnschuhe. Schon immer. Aus diesem Antrieb heraus ist in seiner Studentenbude im Harz - genauer gesagt in Clausthal-Zellerfeld bei Goslar - etwas Kleines entstanden, das mittlerweile ein millionenschweres Unternehmen ist und von internationalen Stars, Designern und Schuhmarken mitgetragen wird. Gerade einmal Anfang 20 ist er, als er die ersten Drucker baut und die passende Software aufsetzt. „Das war einfach ein Hobbyprojekt als Student. Ich liebe Schuhe.“ Schon damals hätten viele Designer auf Social Media viel coolere Schuhdesigns hergestellt als die großen Marken.

Also hat er einfach mit ihnen direkt einen Deal gemacht und einigen von ihnen gesagt: „Du gibst mir dein Design, ich drucke dir das for free, aber dafür darf ich das auch haben. Und so ging das dann quasi los“, erinnert sich Schmitt an die Anfänge. Die Idee schlägt Wellen, ein Designer folgte auf den Nächsten. Irgendwann kam Cornelius Schmitt nicht mehr hinterher. Seitdem nimmt er Geld, wenn Designer und Schuhmarken über Zellerfelds Plattform ihre Sneaker drucken. Ohne Lizenzgebühren. Die Gewinne werden den Angaben zufolge 60:40 zugunsten der Designer geteilt. „Mittlerweile fragen die weltweit größten Schuhmarken bei uns an.“

Datenbank mit mehr als 1.000 Sneaker-Modellen

Und die Datenbank wächst und wächst. Ob extravagant, riesig, zart oder ganz klassisch - mehr als 1.000 verschiedene Modelle von Designerinnen und Designern aus der ganzen Welt können Sneaker-Fans mittlerweile abrufen. Sogar eigene Modelle können sie erstellen.

Auch Stars tragen längst Zellerfeld-Sneaker ihrer Lieblingsdesigner oder designen sie einfach selbst. Basketball-Star O'Neal hat etwa 30 Schuhe in Größe 60 bei den Hamburgern bestellt. „Das war schon verrückt, als Justin Bieber die Schuhe von uns getragen hat. Drake oder zum Beispiel [Will.i.am] wollten Schuhe von uns.“ Die Nachfrage ist mittlerweile riesig, das Interesse von Investoren hoch. Zellerfeld rüstet auf.

Am Hamburger Standort sollen bis Ende 2026 bis zu 2.000 3D-Drucker stehen, bisher sind es gut 200. In den USA in Austin stehen ebenfalls bereits hunderte Zellerfeld-Drucker. Jede Einheit ist ein schwarzer, mannshoher Kasten. Und darin, hinter einer Glasscheibe, entsteht innerhalb von 12 bis 24 Stunden aus einem dünnen Kunststofffaden ein Paar Turnschuhe. Einzelbestellungen werden exakt auf den eigenen Fuß angepasst. Den voll recycelbaren „Zellerfoam“ hat Schmitt patentieren lassen, ebenso die Technik für den 3D-Druck der Schuhe.

Normalerweise dauere Herstellung eines Schuhes von der Idee bis zum Laden bis 24 Monate. „Bei uns ist es ein Tag.“ Ob edler Halbschuh, Turnschuh, Flip-Flops oder Boots: „Es ist nur die Software, die entscheidet, was aus dem Drucker rauskommt.“ Das spart Zeit und Kosten. Auf 10 bis 20 Euro pro Schuh will Schmitt die Kosten schon bald reduzieren können. „Und auf einmal kann jeder einen Schuh machen. Und das ist ja auch die Energie, die wir in die Industrie geben wollen.“ 2026 will Schmitt rund eine Million Schuhe produzieren.

Schmitt ist davon überzeugt, dass schon bald kaum noch einer in einen Schuhladen gehen wird. Wer sich perfekt passende Schuhe in seinem Lieblingsdesign jederzeit drucken lassen könne, werde doch in einem Schuhgeschäft mit nur wenigen Modellen nicht froh. „Ich glaube deswegen, dass traditionell hergestellte Schuhe ein Ding der Vergangenheit sein werden.“ Mit seiner Firma revolutioniere er quasi die Schuhindustrie.

Verband: Technologie für ganze Schuhe noch nicht ausgereift

Der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie sieht dagegen keine Gefahr für das klassische Schuhhandwerk. Sie könne von den Entwicklungen im Materialbereich durchaus profitieren, sagt Torben Schütz, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbandes. Aber Schuhe nur aus dem 3D-Drucker? Das sei „aus unserer Sicht noch nicht ausgereift“.

Auch Schmitt sieht durchaus noch viele Potenziale. Erst vor wenigen Wochen hat Zellerfeld gemeinsam mit Nike die ersten mehrfarbigen Schuhe aus dem 3D-Drucker vorgestellt. „Ein weiterer Durchbruch und Meilenstein für uns“, so Schmitt. „Auch orthopädisch angepasste Fußbetten werden bald kommen“, verspricht der 30-Jährige.

Revolution mit offenen Fragen

Die Vision ist klar: individuell gestaltete, perfekt passende Schuhe, produziert innerhalb eines Tages und ohne klassische Lieferketten. Zellerfeld zeigt, welches Potenzial im 3D-Druck steckt – sowohl wirtschaftlich als auch kreativ. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Technologie noch nicht vollständig ausgereift ist und traditionelle Hersteller weiterhin eine Rolle spielen dürften. Entscheidend wird sein, ob sich Qualität, Skalierbarkeit und Materialentwicklung langfristig durchsetzen. Sollte das gelingen, könnte sich das Konsumverhalten grundlegend verändern. Bleiben jedoch technische Hürden bestehen, bleibt der Ansatz vorerst eine spannende Ergänzung – aber keine vollständige Ablösung der bisherigen Industrie.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie iFLYTEK AINOTE Air 2 bringt KI-gestützte Notizen in ein noch kompakteres E-Ink-Tablet

Für viele Menschen sind die besten Produktivitätstools diejenigen, die nicht versuchen, den gesamten Arbeitstag zu übernehmen. Sie...

 

DWN
Finanzen
Finanzen Altersvorsorgedepot: Brauchen wir das wirklich? Oder gibt es bessere Alternativen?
05.07.2026

Die Reform der staatlich geförderten privaten Altersfürsorge ist beschlossen – das Altersvorsorgedepot kommt ab 2027. Dann wird das...

DWN
Technologie
Technologie Cybersicherheit braucht weniger Angst und mehr Wissen
05.07.2026

Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, Cybersicherheit als Weltuntergang zu verkaufen. Wir sollten sie stattdessen als Teil der...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererhöhung: Steuer auf Spirituosen soll Anfang 2027 steigen
05.07.2026

Hochprozentige alkoholische Getränke sollen zum 1. Januar 2027 höher besteuert werden. Welche Mehreinnahmen im Zuge der Steuererhöhung...

DWN
Immobilien
Immobilien Deutscher Mietmarkt: Warum sich das Vermieten für Private nicht mehr lohnt
05.07.2026

Die Wohnungskrise in Deutschland verschärft sich. Doch während in Talkshows meist über rücksichtslose Immobilienkonzerne debattiert...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niob: Brasiliens Monopol über den nächsten Batterie-Rohstoff
05.07.2026

Der historische SpaceX-Börsengang hat auch den Rohstoff Niob ins Rampenlicht der Märkte gerückt. In Brasilien lagern knapp 90 Prozent...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elon Musks ehemaliger Mitbewohner: „Wir wussten, dass der Mars das Ziel war“
04.07.2026

Vor 25 Jahren hat er Elon Musk davon abgeraten, ein Raketenunternehmen zu gründen. Heute bezeichnet er den SpaceX-Gründer als den...

DWN
Politik
Politik Vor den US-Kongresswahlen ist Trump so unbeliebt wie nie zuvor – doch er hat einen Trumpf im Ärmel
04.07.2026

Donald Trump geht mit schlechten Umfragewerten in die US-Kongresswahl, mittlerweile ist er unbeliebter als Vorgänger Joe Biden. Doch kurz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mexiko: Dank niedriger Löhne sind sie wettbewerbsfähig
04.07.2026

Im vergangenen Jahr wurden dort 4,09 Millionen Fahrzeuge produziert, womit das Land weltweit den siebten Platz einnimmt. Die Branche...