Politik

NATO vor dem Zerfall: Topforscher warnt vor historischem Bruch

Die NATO gerät zunehmend unter strukturellen Druck, während sich die Machtstrukturen zwischen Europa und den USA verschieben. Bedeutet diese Entwicklung das faktische Ende des Bündnisses und eine sicherheitspolitische Neuausrichtung Europas?
20.02.2026 06:00
Lesezeit: 4 min
NATO vor dem Zerfall: Topforscher warnt vor historischem Bruch
Der Politikwissenschaftler Ole Wæver sieht die NATO strukturell geschwächt und erwartet eine grundlegende Neuordnung der europäischen Sicherheitspolitik (Foto: iStock.com, Michele Ursi) Foto: Michele Ursi

Topforscher sieht die NATO vor dem strategischen Aus

Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Ole Wæver verschweigen viele politische Entscheidungsträger, wie ernst es um die NATO tatsächlich steht. Hinter verschlossenen Türen sei längst klar, dass das sicherheitspolitische Fundament Europas seit dem Zweiten Weltkrieg schwer angeschlagen ist, wenn nicht bereits faktisch zerfallen.

Diese Einschätzung kommt nicht von einem Randakteur, sondern von einem der international renommiertesten Experten seines Fachs. Wæver ist Professor an der Universität Kopenhagen und zählt zu den weltweit meistzitierten Forschern im Bereich Internationale Politik.

Während eines Forschungsaufenthalts an der Universität Tokio analysiert er eine Weltordnung im Umbruch. Seine Diagnose fällt nüchtern aus, auch wenn er einräumt, ungern als Warner aufzutreten. Europa stehe vor gravierenden Risiken. Eines davon sei, dass die NATO offiziell auseinanderbricht, bevor Europa militärisch, politisch und institutionell in der Lage ist, die entstehende Lücke eigenständig zu schließen.

Allianz im Zustand kontrollierter Ungewissheit

Wæver beschreibt die NATO als Bündnis im Zustand strategischer Schwebe. Die Welt werde nicht zu den sicherheitspolitischen Gewissheiten früherer Jahrzehnte zurückkehren, auch wenn viele politische Akteure weiterhin darauf hoffen. Er unterscheidet dabei klar zwischen faktischem Bedeutungsverlust und formeller Auflösung. Aus seiner Sicht liegt es im Interesse der Regierungen, eine offizielle Feststellung des Scheiterns möglichst lange hinauszuzögern.

Selbst wenn das Vertrauen in die USA geschwunden sei, könne es abschreckend wirken, wenn Moskau nicht sicher wisse, ob ein Angriff nicht doch einen Konflikt mit Washington auslösen würde. Diese Restunsicherheit stabilisiere die Lage zumindest kurzfristig.

Politische Führung bedeute daher, strategische Ambivalenz aufrechtzuerhalten. Wæver kritisiert jedoch, dass insbesondere in Dänemark eine nüchterne Debatte erschwert werde, weil die NATO vielfach ideologisch überhöht betrachtet werde.

Produkt einer historischen Ausnahmesituation

Um den möglichen Zerfall der NATO zu verstehen, müsse man ihre historische Sonderrolle berücksichtigen. Verteidigung sei traditionell ein Kernbereich nationaler Souveränität und nur selten Gegenstand tiefer transnationaler Integration.

Die NATO sei weit mehr gewesen als eine klassische Zweckallianz. Militärische Strukturen, Offizierskorps und Planungsprozesse seien über Jahrzehnte hinweg eng verzahnt worden, ergänzt durch gemeinsame Übungen und abgestimmte Beschaffung.

Diese Konstruktion sei nur unter den Bedingungen des Kalten Krieges möglich gewesen. Zwei klar definierte Machtblöcke standen sich als existenzielle Gegner gegenüber und schufen damit ein dauerhaftes Bedrohungsszenario.

Mit dem Ende dieser Blockkonfrontation sei die strukturelle Grundlage der Allianz schrittweise erodiert. Für Wæver war daher nie entscheidend, ob die NATO in ihrer bisherigen Form endet, sondern wann dieser Punkt erreicht wird.

Trump beschleunigt einen langfristigen Trend

Die gegenwärtige Entwicklung führt Wæver nicht ausschließlich auf einzelne Personen zurück. Gleichwohl hat Donald Trump bestehende Zweifel offen sichtbar gemacht und den Prozess deutlich beschleunigt. Der vorübergehende Zusammenhalt nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und die Aufnahme Finnlands und Schwedens sei aus seiner Sicht eine temporäre Stabilisierung gewesen.

Das grundlegende Vertrauensverhältnis habe sich dadurch nicht dauerhaft erneuert. Wie lange die bestehende Struktur formal weiterbesteht, hängt vom politischen Geschick der Verantwortlichen ab. Kluge Managements könnten den formellen Bruch verzögern, Fehlentscheidungen ihn hingegen beschleunigen.

In europäischen Führungskreisen werde inzwischen intensiver über Szenarien ohne die USA diskutiert. Auch strategische Dokumente aus Washington deuteten auf eine stärkere Schwerpunktverlagerung weg von Europa hin.

Kritische Übergangsphase für Europa

Wæver geht davon aus, dass zentrale militärische Koordinationsmechanismen zunächst weitergeführt werden. Beschaffung, Übungen und Offiziersaustausch könnten auch in veränderter Konstellation Bestand haben. Parallel dazu könnte sich innerhalb der bestehenden Strukturen eine eigenständigere europäische Säule herausbilden. Langfristig sei eine stärkere institutionelle Anbindung an EU-Strukturen wahrscheinlich.

Entscheidend sei jedoch die Übergangsphase. Ein abrupter Zusammenbruch könnte Russland dazu verleiten, eine strategische Gelegenheit zu sehen, etwa gegenüber den baltischen Staaten. Die kommenden Jahre seien daher sicherheitspolitisch besonders sensibel. Europa müsse Fähigkeiten ausbauen und Lücken schließen, die durch einen möglichen Rückzug der USA entstehen.

Russlands Bedrohung hat ein Ablaufdatum

Langfristig warnt Wæver vor einer strukturellen Überschätzung Russlands. Bevölkerung und Wirtschaftskraft seien deutlich geringer als die Europas, zudem bestehe ein technologischer Rückstand. Selbst im Fall eines für Moskau günstigen Ausgangs des Ukrainekrieges müssten erhebliche Ressourcen gebunden werden, um territoriale Gewinne zu sichern und innenpolitische Stabilität zu gewährleisten.

Russland sei daher kurzfristig gefährlich, mittelfristig jedoch kein dominierender strategischer Gegner. Die größere Herausforderung sieht Wæver in China, das wissenschaftlich, technologisch und industriell deutlich stärker aufgestellt sei. Das Risiko eines großen Krieges mit Russland schätzt er als begrenzt ein. Entscheidend sei nicht die europäische Wahrnehmung, sondern die Kalkulation des Kremls hinsichtlich Risiken und möglicher Verluste.

Nukleare Abschreckung ohne neue Proliferation

In der Debatte über eine mögliche europäische Atomaufrüstung warnt Wæver vor einem Bruch mit dem Nichtverbreitungsvertrag. Europas internationale Rolle basiere wesentlich auf der Verteidigung einer regelbasierten Ordnung.

Vorschläge, wonach Deutschland, Polen oder nordische Staaten eigene Nuklearprogramme entwickeln sollten, hält er für strategisch riskant. Atomwaffen seien nicht mit konventionellen Systemen vergleichbar, bei denen Stückzahlen im Vordergrund stünden.

Entscheidend sei die Fähigkeit zur glaubwürdigen Androhung gegenseitiger Vernichtung. Die bestehenden französischen Arsenale reichten aus, um Russland im Ernstfall existenziell zu bedrohen. Absolute Garantien gebe es im Nuklearbereich grundsätzlich nicht. Auch unter dem amerikanischen Schutzschirm habe es stets politische Kalkulation statt rechtlich einklagbarer Sicherheit gegeben.

Europas strategische Reifeprüfung mit deutscher Schlüsselrolle

Die zentrale Herausforderung sieht Wæver in der politischen Handlungsfähigkeit Europas. Durch abgestimmte Doktrinen, institutionelle Prozesse und enge Konsultationen könne die französische Abschreckung schrittweise europäisch eingebettet werden.

Langfristig zeigt er sich vorsichtig optimistisch, sofern Europa die Übergangsphase ohne größere Erschütterungen bewältigt. Die größte Gefahr liege weniger in äußeren Gegnern als in strategischer Zögerlichkeit und innenpolitischer Blockade.

Für Deutschland hätte ein solcher Umbruch weitreichende Folgen. Als größte Volkswirtschaft der Europäischen Union würde Berlin eine tragende Rolle in einer eigenständigeren europäischen Sicherheitsarchitektur übernehmen müssen.

Damit würde die Frage strategischer Autonomie zur Kernaufgabe deutscher Politik. Verteidigungsfähigkeit, industrielle Kapazitäten und politische Führungsbereitschaft rückten stärker ins Zentrum der sicherheitspolitischen Debatte.

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