Wirtschaft

Demografischer Wandel: Europa und vor allem Deutschland altern schneller

Niedrige Geburtenraten, steigende Lebenserwartung: Europa erlebt einen erheblichen demografischen Wandel. Aktuelle Daten belegen die Verschiebung der Altersstruktur in den EU-Staaten: Allein in Deutschland wird die Bevölkerung bis 2027 um zehn Prozent schrumpfen. Wie sich für den alternden Kontinent der Druck auf Arbeitsmarkt und Sozialsysteme erhöhen wird.
23.02.2026 14:30
Lesezeit: 4 min

Demografischer Wandel: Europa altert schneller

Niedrige Geburtenraten und steigende Lebenserwartung führen in der Europäischen Union dazu, dass die Bevölkerung zunehmend älter wird: Zum 1. Januar 2025 erreichte laut Eurostat das Medianalter 44,9 Jahre – ein deutlicher Anstieg um 2,1 Jahre seit 2015. Damit liegt die Hälfte der EU-Bürger über diesem Wert, die andere Hälfte darunter.

Das Statistische Amt der Europäischen Union, kurz Eurostat oder ESTAT, ist die Verwaltungseinheit der Europäischen Union zur Erstellung amtlicher europäischer Statistiken.

Eurostat: Verschiebung der Altersstruktur in der EU

In der Verschiebung der Altersstruktur zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten zeigen: Während Irland mit 39,6 Jahren die jüngste Altersstruktur aufweist, führt Italien mit 49,1 Jahren die Liste der ältesten Bevölkerungen an.

Demografischer Wandel erfasst alle EU-Staaten

Der Alterungsprozess betrifft nahezu alle Länder der EU. Seit 2015 ist das Medianalter überall gestiegen – mit Ausnahme von Deutschland und Malta, die jeweils einen leichten Rückgang von 0,4 Jahren verzeichneten. Besonders ausgeprägt war die Alterung in der Slowakei und Zypern, wo das Medianalter innerhalb einer Dekade um 4 Jahre zulegte. In Italien betrug der Zuwachs 3,9 Jahre, gefolgt von Griechenland und Polen mit jeweils 3,8 Jahren.

Parallel dazu wuchs die Gesamteinwohnerzahl der EU 2025 auf geschätzte 450,6 Millionen Menschen. Der Anteil der über 65-Jährigen erreichte 22,0 Prozent – ein Anstieg um 2,9 Prozentpunkte innerhalb von zehn Jahren. Damit setzt sich ein Trend fort, der die Bevölkerungsstruktur Europas seit Jahrzehnten verändert.

Rückgang Jüngerer, zunehmende regionale Unterschiede

Der Anteil der Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren liegt EU-weit bei 14,4 Prozent. Die höchsten Werte verzeichnen Irland, Schweden und Frankreich, während Italien, Malta und Portugal die niedrigsten Kinderanteile aufweisen. Parallel dazu steigt in nahezu allen EU-Staaten die Quote älterer Menschen. Italien, Portugal und Bulgarien liegen mit über 24 Prozent klar an der Spitze, wohingegen Luxemburg, Irland und Zypern deutlich niedrigere Seniorenanteile haben.

Auch im Jahresvergleich zeigt sich der demografische Druck: In 26 EU-Ländern nahm 2025 der Anteil der älteren Bevölkerung weiter zu, während Deutschland und Luxemburg als einzige Staaten einen konstanten Anteil an Kindern verzeichneten.

EU-Staaten: Arbeitskräftepotenzial schrumpft weiter

Die Verschiebung der Altersstruktur wirkt sich zunehmend auf das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Ruheständlern aus. Der sogenannte Altenquotient – also die Zahl der Menschen ab 65 Jahren im Verhältnis zur Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren – lag 2025 bei 34,5 Prozent. Das bedeutet, dass auf jeden älteren Menschen im Schnitt gut drei Personen im arbeitsfähigen Alter kommen. In Ländern wie Italien, Bulgarien und Portugal fallen diese Relationen besonders ungünstig aus, während Luxemburg und Irland vergleichsweise günstige Strukturen aufweisen.

Der Trend ist eindeutig: Sowohl der Altenquotient als auch der gesamte Abhängigkeitsquotient steigen seit Jahren. Zwischen 2015 und 2025 legte der Altenquotient EU-weit um 5,5 Prozentpunkte zu, der Gesamtquotient kletterte auf 57,1 Prozent. Damit kommen weniger als zwei Erwerbstätige auf jede abhängige Person.

Bevölkerungsprojektionen zeigen weitere Alterung bis 2100

Die langfristigen Prognosen verstärken das Bild eines alternden Kontinents. Eurostat erwartet, dass die EU-Bevölkerung noch bis 2026 leicht wachsen und danach bis 2100 auf 419,5 Millionen sinken wird. Die Bevölkerungspyramide verändert sich dabei grundlegend: Die geburtenstarken Jahrgänge rücken weiter ins Rentenalter, während die Basis der Pyramide durch niedrige Geburtenraten schrumpft.

Bis zum Jahr 2100 soll der Anteil der über 80-Jährigen von aktuell 6,2 Prozent auf 15,3 Prozent steigen. Ebenso wird der Anteil der über 65-Jährigen auf 32,5 Prozent anwachsen. Gleichzeitig wird die Gruppe der Erwerbstätigen abnehmen, was zu einem fast doppelt so hohen Altenquotient führen dürfte – von 34,5 Prozent im Jahr 2025 auf voraussichtlich 59,7 Prozent im Jahr 2100. Auch das Medianalter der EU-Bevölkerung wird im gleichen Zeitraum weiter klettern und 2100 voraussichtlich 50,2 Jahre erreichen.

Ausblick Deutschland: Bevölkerung schrumpft stärker als erwartet

Eine neue ifo-Analyse korrigiert die Eurostat-Zahlen zu der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland nach unten: Die Bevölkerung in Deutschland dürfte bis zum Jahr 2070 um rund zehn Prozent zurückgehen – bislang wurde ein Rückgang von einem Prozent erwartet. Dies ist das aktuelle Ergebnis einer ifo-Analyse aktueller Bevölkerungsrechnungen des Statistischen Bundesamtes. „Der verstärkte Rückgang und die Alterung der Bevölkerung müssen schon heute bei politischen Entscheidungen mit Langzeitwirkung, beispielsweise bei Gesundheit und Pflege, berücksichtigt werden“, sagt Joachim Ragnitz von der Niederlassung Dresden des ifo Instituts. Den ifo-Experten zufolge dürfte sich nicht nur der Arbeitskräftemangel verschärfen, sondern auch die Gesetzliche Rentenversicherung noch stärker unter Druck geraten.

Ifo-Institut: Ostdeutsche Länder stärker betroffen

„Bei weniger Menschen brauchen wir weniger Wohnungen, weniger Verkehrsinfrastrukturen und auch weniger Personal im öffentlichen Dienst“, sagt ifo-Forscher Robert Lehmann. Gleichzeitig nehme der Anteil der Älteren sehr viel stärker zu, mit Folgen für den Bedarf an Gesundheits- und Pflegeinfrastrukturen. Laut ifo-Studie gibt es deutliche regionale Unterschiede – so sind die ostdeutschen Flächenländer von der Alterung und dem Rückgang sehr viel stärker betroffen als die westdeutschen Ballungszentren. Für die Stadtstaaten hingegen wird bis 2070 sogar mit einem Anstieg der Bevölkerung gerechnet.

Grund für diese deutliche Korrektur der Bevölkerungsvorausberechnungen sind neue Daten aus dem Zensus 2022. Danach wohnen in Deutschland tatsächlich 81,9 Millionen Personen, statt der bisher hochgerechneten Zahl von 83,2 Millionen aus dem Zensus 2011. Damit sind die Geburtenzahlen und die Zuwanderung geringer als gedacht. So führt die niedrigere Ausgangsbasis trotz weitgehend gleicher Annahmen zu einer langfristig stark sinkenden Bevölkerung in Deutschland. Bislang wurde von einer eher konstanten und bis 2030 leicht wachsenden Bevölkerung ausgegangen.

Demografischer Wandel: Herausforderungen für Wirtschaft und Sozialsysteme

Der demografische Wandel wird Europa langfristig prägen und tiefgreifende Auswirkungen auf die Wettbewerbfähigkeit des Kontinents haben. Sinkende Geburtenzahlen und steigende Lebenserwartung werden in den kommenden Jahren die sozialen Sicherungssysteme belasten und die Dynamik des Arbeitsmarktes verändern: Weniger Erwerbstätige müssen zunehmend mehr ältere Menschen finanzieren, was sowohl Rentensysteme als auch Gesundheits- und Pflegeinfrastrukturen vor wachsende Herausforderungen stellt. Für Politik und Wirtschaft bleibt die Bewältigung dieser strukturellen Verschiebungen eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Politik
Politik Winterzeit, Tankrabatt, Bahnhöfe: Was sich im Oktober ändert
29.09.2026

Die Sommerzeit endet schon wieder und das Alkoholverbot an Bahnhöfen kommt - ein Blick auf die Neuerungen im Oktober.

DWN
Finanzen
Finanzen Medios-Aktie: Konzern peilt bis 2031 Umsatz von 3,1 Milliarden Euro an
29.09.2026

Medios-Aktie gefragt: Medios will Umsatz und Ergebnis bis 2031 deutlich steigern. Die Berliner wollen sich mit der Strategie „Medios Next...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes GLC im Test: Elektrisch ist er endlich so, wie er sein muss
29.09.2026

Der elektrische Mercedes GLC 400 4Matic bringt fast 500 PS, viel Komfort, hohe Ladeleistung und einen überraschend moderaten Verbrauch. Im...

DWN
Politik
Politik Klima-Transformation: Das steckt hinter dem Umbau der Stahlindustrie
29.09.2026

Weg von Kohle, hin zu Wasserstoff: Die deutsche Stahlindustrie steckt Milliarden in die Produktion von grünen Stahl. Doch die...

DWN
Politik
Politik Fachkräftemangel: Einwanderer 2025 in vielen Berufen unverzichtbar
29.09.2026

Mehr als ein Viertel aller Beschäftigten in Deutschland hat Wurzeln im Ausland. Besonders in Berufen, in denen händeringend Fachkräfte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreich Staatsverschuldung: Die nächste Gefahr für die Eurozone
29.09.2026

Frankreich galt lange als einer der politischen und wirtschaftlichen Pfeiler der Eurozone. Doch an den Anleihemärkten wächst die...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Wall Street schließt im Minus, während sich der Anleiheausverkauf fortsetzt
28.09.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Erfahren Sie, welche entscheidenden Faktoren die Wall Street heute in Atem hielten.

DWN
Politik
Politik Geran-5: Wie die Ukraine auf Russlands schnelle Drohne reagiert
28.09.2026

Russlands schnelle Angriffsdrohnen stellen die ukrainische Luftverteidigung vor ein neues Problem. Während ältere Geran-5-Modelle...