Politik

Tausende Kinder von Sanktionen beim Bürgergeld betroffen

Immer mehr Familien geraten durch Sanktionen beim Bürgergeld unter Druck – mit spürbaren Folgen für Kinder. Neue Zahlen zeigen eine deutliche Entwicklung, während die Politik über härtere Regeln streitet. Wird das Bürgergeld damit zum Risiko für die Schwächsten?
23.02.2026 16:43
Lesezeit: 2 min

Bürgergeld: Immer mehr Kinder leiden unter Sanktionen

Wenn bei Eltern Sanktionen beim Bürgergeld greifen, leiden oft auch die Kinder mit. Die Grünen warnen vor den Folgen der Sanktionen beim Bürgergeld – und legen einen eigenen Vorschlag vor.

Tausende Kinder wachsen in Familien auf, in denen das Bürgergeld wegen Pflichtverletzungen oder Meldeversäumnissen gekürzt wird. Im Jahresdurchschnitt 2024 waren fast 16.800 Minderjährige direkt oder indirekt von Sanktionen beim Bürgergeld betroffen. Das geht aus einer Antwort des Arbeitsministeriums auf eine schriftliche Anfrage der Grünen-Fraktion hervor. Ein Jahr zuvor lag die Zahl noch um fast 5.400 Kinder niedriger. Sanktionen beim Bürgergeld wurden demnach in 8.300 Haushalten verhängt, in denen auch minderjährige Kinder leben, darunter in 3.700 Haushalten von Alleinerziehenden. Im Schnitt wurde das Bürgergeld um 63 Euro gekürzt – und damit etwas stärker als im Jahr zuvor.

Grüne wollen Familien beim Bürgergeld schützen

Vor diesem Hintergrund bewerten die Grünen die geplanten Verschärfungen bei der Grundsicherung und beim Bürgergeld äußerst kritisch. Sie könnten sich zum "Brandbeschleuniger für Kinderarmut" entwickeln, sagte Fraktionsvize Misbah Khan der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn Familien sanktioniert werden, tragen Kinder die Konsequenzen, obwohl sie keinerlei Verantwortung für die Situation ihrer Eltern tragen."

Der Grünen-Abgeordnete Timon Dzienus verwies darauf, dass bereits heute jede dritte Person bei der Tafel minderjährig sei. "Mit der neuen Grundsicherung werden noch mehr Kinder und Jugendliche von den unmenschlichen Sanktionen getroffen werden", erklärte er. Die Grünen sprechen sich daher dafür aus, Haushalte mit Kindern bei Sanktionen beim Bürgergeld grundsätzlich auszunehmen.

Das Arbeitsministerium hält dagegen und sieht Kinder und Jugendliche bei Sanktionen eines Elternteils als "umfassend geschützt" an. Sanktionen beim Bürgergeld beträfen ausschließlich den Regelbedarf der Person, die gegen Auflagen verstoße. Die Leistungen für Kinder sowie mögliche weitere Familienmitglieder würden in voller Höhe ausgezahlt. Zudem seien besondere Härtefälle von Sanktionen ausgenommen.

Was die Koalition beim Bürgergeld plant

Im Bundestag läuft derzeit die Beratung über die von Union und SPD eingebrachte Reform der Grundsicherung, die das Bürgergeld betrifft. Die Bundesregierung plant deutlich strengere Regeln für Empfängerinnen und Empfänger: Wer zwei Termine im Jobcenter versäumt, soll eine Kürzung der Grundsicherung um 30 Prozent für einen Monat hinnehmen. Bei drei versäumten Terminen sollen die Zahlungen vollständig eingestellt werden. Zuvor sollen die Behörden jedoch eine persönliche Anhörung ermöglichen. Psychisch erkrankte Menschen sollen von diesen Maßnahmen verschont bleiben.

Zusätzlich ist vorgesehen, die Grundsicherung sofort für drei Monate um 30 Prozent zu reduzieren, wenn ein Arbeitsloser keine Bewerbungen vorlegt oder Fördermaßnahmen verweigert. In diesem Fall würden rund 150 Euro monatlich entfallen.

Wie es mit dem Bürgergeld weitergeht: Bürgergeld-Reform mit sozialen Risiken

Die Vorhaben von Union und SPD werden aktuell in den zuständigen Ausschüssen des Bundestags beraten. Am Nachmittag sollen Sachverständige aus Jobcentern, Sozialverbänden, Gewerkschaften und Arbeitgeberkreisen angehört werden. Unter den Experten befindet sich auch ein Bezieher von Bürgergeld. Im weiteren Verlauf könnte der Gesetzentwurf im Ausschuss noch angepasst werden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sowie mehrere Sozialverbände drängen auf Abschwächungen der geplanten Sanktionen beim Bürgergeld.

Die aktuellen Zahlen verdeutlichen, dass Sanktionen beim Bürgergeld längst nicht nur einzelne Erwachsene treffen, sondern in vielen Fällen auch Kinder mittelbar betreffen. Während die Bundesregierung auf strengere Regeln setzt, wächst die Sorge, dass sich soziale Probleme weiter verschärfen könnten. Besonders umstritten ist, ob bestehende Schutzmechanismen tatsächlich ausreichen, um Minderjährige wirksam zu schützen. Die politische Debatte zeigt, wie sensibel das Thema Bürgergeld inzwischen geworden ist. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, einerseits Mitwirkungspflichten durchzusetzen und andererseits Kinder konsequent vor den Folgen von Sanktionen zu bewahren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Panorama
Panorama Abzahlung auf Raten: Verbraucher teilen teure Online-Käufe häufiger auf
28.09.2026

Beim Einkauf im Netz greifen die Menschen in Deutschland bei höheren Summen immer öfter zur Ratenzahlung. Wie eine aktuelle Erhebung...

DWN
Technologie
Technologie Mit chinesischem Auto in die Mine gefahren: Der Wagen verband sich weiter mit China
28.09.2026

Forscher fuhren mit einem elektrischen SUV vom Typ NIO ES8 tief in eine norwegische Untertagemine, um das Auto von externen Verbindungen...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Europäischer Medtech ist günstig, Goldrückgang ist vorübergehend
27.09.2026

Die Wall Street glänzt nahe seinen Rekordhöhen, doch unter der Oberfläche brodelt es. Während Künstliche Intelligenz die...

DWN
Politik
Politik Kanada und EU: Von der Leyens Plan könnte den Binnenmarkt verändern
27.09.2026

Kanada soll enger an die Europäische Union rücken als je zuvor. Ursula von der Leyen bringt dafür sogar eine "assoziierte...

DWN
Politik
Politik Gelockerter Kündigungsschutz für Hochverdiener: Was Arbeitgeber für 2027 wissen sollten
27.09.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Kündigungsschutzes, in der Hochverdiener leichter kündbar werden sollen. Arbeitgeber können...

DWN
Panorama
Panorama Auswandern nach Andalusien: „In meinem Herzen habe ich zwei Seelen“
27.09.2026

Jens Halbroth und seine Frau Claudia suchten jahrelang nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Sie reisten mit Motorrad und Wohnmobil durch...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltweite Schulden mit Gold tilgen? Dann müsste es 400.000 Dollar kosten
27.09.2026

Die Goldpreise erreichen 2026 Rekordstände. Doch was wäre, wenn Staaten ihre Schulden theoretisch mit ihren Goldreserven decken wollten?...

DWN
Technologie
Technologie KI und Burnout: Warum ausgerechnet Entlastung krank machen kann
27.09.2026

KI soll Beschäftigte entlasten, Routinearbeit übernehmen und Unternehmen produktiver machen. Doch ausgerechnet die neue Effizienz schafft...