Russisches Uran sichert weiter den Betrieb amerikanischer Kernkraftwerke
Die USA wollen ihre Kernenergie ausbauen, beziehen jedoch weiterhin große Mengen an angereichertem Uran aus Russland. Bis zum geplanten Importstopp im Jahr 2028 muss Washington eine Versorgungslücke schließen, die durch neue Reaktoren und den wachsenden Strombedarf zusätzlich an Bedeutung gewinnt. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.
Der amerikanische Kernenergiesektor hängt weiterhin stark von russischen Urananreicherungsdiensten ab, die für die Herstellung von Kernbrennstoff benötigt werden. Die aktuellen Importzahlen zeigen, wie schwierig es für die Vereinigten Staaten werden dürfte, bis 2028 vollständig auf russisches Uran zu verzichten.
Nach dem im Juli 2026 veröffentlichten Uranmarktbericht der US-Energieinformationsbehörde EIA kauften die Betreiber amerikanischer Kernkraftwerke im Jahr 2025 insgesamt 3,28 Millionen Trennarbeitseinheiten aus Russland. Trennarbeitseinheiten, international als Separative Work Units oder SWU bezeichnet, messen den Aufwand bei der Urananreicherung.
Russland deckte damit fast 26 Prozent aller von amerikanischen Kernkraftwerksbetreibern gekauften Anreicherungsdienste. Zehn Jahre zuvor hatte der russische Anteil noch bei 17 Prozent gelegen. Die Abhängigkeit der USA von russischem Uran hat somit trotz Sanktionen und zunehmender geopolitischer Spannungen deutlich zugenommen.
Die Frage der Brennstoffversorgung gewinnt an Dringlichkeit, da Washington die Kernenergie wieder ausbauen will. Der Strombedarf steigt unter anderem durch neue Rechenzentren, KI-Infrastruktur und die fortschreitende Elektrifizierung der Wirtschaft.
Betreiber bestehender Kernkraftwerke wollen die Laufzeiten ihrer Reaktoren verlängern. Gleichzeitig sollen bereits stillgelegte Anlagen wieder ans Netz gehen. Entwickler kleiner modularer Reaktoren müssen zudem schon heute ausreichend Kernbrennstoff für das kommende Jahrzehnt sichern.
Trotz der amerikanischen Sanktionspolitik und zusätzlicher Zölle bleibt der Sektor von internationalen Lieferketten abhängig. Im Jahr 2025 stammten 77 Prozent der von amerikanischen Kernkraftwerksbetreibern gekauften Urananreicherungsdienste aus dem Ausland. Russland blieb dabei der größte einzelne Lieferant. Die EIA bestätigt für 2025 neben dem russischen Anteil von 26 Prozent Lieferanteile von 18 Prozent aus Frankreich, 14 Prozent aus Großbritannien und acht Prozent aus den Niederlanden.
Importverbot für russisches Uran schafft ein politisches Nadelöhr
Ein 2024 verabschiedetes amerikanisches Gesetz sieht ein Verbot der Einfuhr von russischem Uran vor. Das US-Energieministerium darf jedoch Ausnahmen gewähren, wenn alternative Lieferanten fehlen oder die Einfuhr im Interesse der nationalen Sicherheit als notwendig gilt. Diese Ausnahmeregelung läuft spätestens im Januar 2028 aus.
Dadurch entsteht ein politisches Nadelöhr. Die Lieferung russischer Urananreicherungsdienste hängt sowohl von amerikanischen Ausnahmegenehmigungen als auch von russischen Exportlizenzen ab. Betreiber amerikanischer Kernkraftwerke bleiben daher verwundbar, falls sich die Beziehungen zwischen Moskau und Washington weiter verschlechtern.
Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine haben Sanktionen den internationalen Handel mit Öl, Gas und anderen Energierohstoffen bereits grundlegend verändert. Beim Kernbrennstoff konnte Washington seine Abhängigkeit bislang jedoch nicht im gleichen Umfang verringern.
Projekte zur Urananreicherung in den USA und bei verbündeten Staaten kommen zwar voran, ihre Fertigstellung benötigt jedoch Zeit. In den kommenden Jahren dürfte sich deshalb eine Versorgungslücke kaum vollständig vermeiden lassen.
Urenco USA will seine jährlichen Kapazitäten zur Urananreicherung zwischen 2025 und 2027 um etwa 700.000 Trennarbeitseinheiten erhöhen. Dies entspricht einem Kapazitätszuwachs von 15 Prozent am amerikanischen Standort. Im April 2026 hatte das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits die Hälfte des laufenden Ausbauprogramms erreicht.
Das Unternehmen gehört zu einem britisch-niederländisch-deutschen Konsortium. Je ein Drittel der Anteile liegt beim britischen und beim niederländischen Staat. Das verbleibende Drittel halten mittelbar die deutschen Energiekonzerne Eon und RWE zu gleichen Teilen. Damit besitzt der Ausbau der amerikanischen Urananreicherung auch eine unmittelbare wirtschaftliche Verbindung zu Deutschland.
Das US-Energieministerium will die heimische Brennstoffversorgung zusätzlich durch neue Innovationszentren stärken. Am 28. Juli 2026 wählte die Behörde Utah, Tennessee, Oklahoma, Louisiana und Idaho als mögliche Standorte für sogenannte Nuclear Lifecycle Innovation Campuses aus.
Mit jedem dieser Bundesstaaten wurden Absichtserklärungen unterzeichnet, um die Voraussetzungen für die Ansiedlung der Zentren zu prüfen. Die Entscheidung folgte auf großes Interesse während des Bewerbungsverfahrens. Insgesamt gingen 28 Bewerbungen aus 26 Bundesstaaten ein.
Die Initiative soll die amerikanische Kernenergieinfrastruktur stärken, zusätzliche Produktionskapazitäten schaffen und langfristig die Energiesicherheit der Vereinigten Staaten erhöhen. Sollten die Projekte umgesetzt werden, könnten die neuen Standorte bis zu 50 Milliarden Dollar an privaten Investitionen anziehen.
Nach Angaben des Energieministeriums könnten zudem rund zehn Milliarden Dollar an Steuereinnahmen für Bundesstaaten und Kommunen entstehen. In den beteiligten Regionen wären fast 25.000 hoch qualifizierte Arbeitsplätze möglich. "Diese Zentren werden starke Motoren des Wirtschaftswachstums sein, Tausende gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen und eine entscheidende Rolle dabei spielen, eine neue Phase der amerikanischen Renaissance der Kernenergie einzuleiten", erklärte US-Energieminister Chris Wright zur Auswahl der Bundesstaaten.
Russisches Uran beschleunigt den Aufbau einer vollständigen Lieferkette
Die geplanten Innovationsstandorte sollen sämtliche Stufen des Kernbrennstoffkreislaufs abdecken. Dazu zählen die Urananreicherung, die Herstellung von Kernbrennstoff, die Wiederaufbereitung gebrauchter Brennelemente und deren endgültige Lagerung. Das US-Energieministerium will diese Tätigkeiten an einzelnen Standorten bündeln. Dadurch soll die Abhängigkeit von ausländischen Lieferketten sinken und die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Kernenergieindustrie steigen.
Jeder Standort soll an die wirtschaftlichen Stärken und politischen Prioritäten des jeweiligen Bundesstaates angepasst werden. Neben Anlagen für den Kernbrennstoffkreislauf könnten dort fortschrittliche Kernreaktoren, Kraftwerke, moderne Produktionsbetriebe und benachbarte Rechenzentren entstehen.
Die Innovationszentren sind Teil einer umfassenderen Strategie des US-Energieministeriums zur Modernisierung der Kernenergieindustrie. Die Behörde erwartet, dass gebündelte Standorte die industrielle Entwicklung beschleunigen und zugleich neue Wachstumschancen für die regionalen Volkswirtschaften eröffnen. Das Ministerium nennt für die Zentren ein mögliches Investitionsvolumen von bis zu 50 Milliarden Dollar, Steuereinnahmen von bis zu zehn Milliarden Dollar und fast 25.000 Arbeitsplätze.
Für Deutschland entsteht ein konkreter Bezug durch Urenco. Eon und RWE sind mittelbar an dem Konzern beteiligt, dessen amerikanische Tochter zusätzliche Anreicherungskapazitäten errichtet. Deutsche Unternehmensinteressen sind damit direkt mit dem amerikanischen Versuch verbunden, russisches Uran zu ersetzen und eine belastbare westliche Lieferkette für Kernbrennstoff aufzubauen.
Gleichzeitig zeigt die amerikanische Abhängigkeit, dass energiepolitische Beschlüsse allein bestehende Lieferstrukturen nicht kurzfristig verändern können. Neue Anreicherungsanlagen benötigen hohe Investitionen, Genehmigungen, technisches Fachwissen und mehrere Jahre Vorlauf. Selbst mit dem Ausbau von Urenco und den geplanten Innovationszentren bleibt offen, ob die USA ihre russischen Lieferungen bis Januar 2028 vollständig ersetzen können.


