Der Mittelstand digitalisiert – aber oft nur langsam
Kleine und mittlere Unternehmen prägen die deutsche Wirtschaft: Mehr als 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland zählen zum Mittelstand und stellen über die Hälfte der Arbeitsplätze. Gleichzeitig zeigt sich bei der Digitalisierung ein gemischtes Bild. Laut KfW haben erst rund 35 Prozent der KMU abgeschlossene Digitalisierungsprojekte umgesetzt.
Auch bei grundlegenden digitalen Werkzeugen bestehen Unterschiede. So nutzen beispielsweise nur rund 42 Prozent der deutschen KMU ERP-Software, während große Unternehmen deutlich stärker digital vernetzt sind. Hinzu kommen strukturelle Hürden. In Unternehmensumfragen geben 60 Prozent der Betriebe an, nicht genügend Ressourcen für Digitalisierungsprojekte zu haben, während mehr als die Hälfte die Transformation als zu komplex empfindet.
Gerade im Rechnungswesen und im Finanzmanagement wird diese Situation besonders deutlich. Buchhaltung, Rechnungsstellung, Zahlungsmanagement und Steuerberatung laufen in vielen Unternehmen weiterhin über unterschiedliche Systeme – oder teilweise noch über manuelle Prozesse.
Plattformen als Ansatz für integrierte Finanzprozesse
Vor diesem Hintergrund entstehen zunehmend Softwareplattformen, die Finanzprozesse in einer digitalen Umgebung bündeln wollen. Ein Beispiel ist das Unternehmen Pennylane, das 2020 in Paris gegründet wurde. Seit November 2025 ist das Unternehmen auch in Deutschland aktiv und hat dafür Standorte in München und Berlin eröffnet.
Die Plattform richtet sich sowohl an Unternehmen als auch an Steuerberatungskanzleien. Ziel ist es, Finanzprozesse in einer gemeinsamen digitalen Arbeitsumgebung zu organisieren und damit die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Steuerberatern zu vereinfachen.
Eine Software für Buchhaltung, Rechnungen und Finanzanalyse
Im Zentrum des Angebots steht eine KI-gestützte All-in-One-Software, die mehrere Funktionen des Finanzmanagements in einer Plattform kombiniert. Dazu gehören unter anderem Buchhaltung, Steuererklärungen, Rechnungsstellung, ein integriertes Geschäftskonto, Zahlungsmanagement sowie Reporting und Finanzanalysen.
Ergänzt wird die Plattform durch Automatisierung, Echtzeitdaten sowie offene Schnittstellen (APIs), über die sich weitere Business-Tools integrieren lassen. Der Ansatz besteht darin, dass Unternehmen und Steuerberater auf denselben Datenbestand zugreifen und Prozesse innerhalb einer gemeinsamen Software abwickeln können.
Nach Angaben des Unternehmens soll die Plattform erstmals die Prozesse von Steuerberatern und Unternehmen vollständig in einem System zusammenführen.
Expansion in einen etablierten Markt
Nach Angaben des Unternehmens nutzen inzwischen mehr als 950.000 Unternehmen sowie über 6.000 Steuerberatungskanzleien die Plattform. Der jährliche wiederkehrende Umsatz liegt bei über 115 Millionen Euro, während das Unternehmen rund 1.000 Mitarbeitende beschäftigt.
Mit der Expansion nach Deutschland betritt Pennylane einen Markt, der stark von etablierten Softwarelösungen geprägt ist. Der Markt für Steuerberatungs- und Buchhaltungssoftware wird hierzulande vor allem von DATEV dominiert und gilt in Teilen als strukturell gewachsen und technologisch heterogen.
Nach Einschätzung des Unternehmens zeigen erste Reaktionen aus dem Markt, dass bei Steuerkanzleien und Unternehmen Interesse an stärker integrierten digitalen Lösungen besteht, die Buchhaltung, Finanzmanagement und Zusammenarbeit mit Steuerberatern in einer Plattform zusammenführen.
Investitionen in KI und regulatorische Veränderungen
Ein wichtiger Schritt für das Unternehmen war eine Series-E-Finanzierungsrunde über 175 Millionen Euro, angeführt vom Investor TCV. Auch Blackstone Growth sowie bestehende Investoren beteiligten sich an der Runde.
Die Mittel sollen unter anderem in Produktinnovationen, den Ausbau von KI-Funktionen sowie die europäische Expansion investiert werden. Ein weiterer Fokus liegt auf der Vorbereitung auf regulatorische Entwicklungen wie die elektronische Rechnungsstellung.
Ziel des Unternehmens ist es, langfristig eine führende europäische Plattform für Finanz- und Buchhaltungssoftware aufzubauen.
Beispiel aus der Praxis: Steuerberatung digitalisiert Mandantenprozesse
Viele Steuerberatungskanzleien nutzen Pennylane als zentrale Plattform für die Zusammenarbeit mit ihren Mandanten. Durch den gemeinsamen Zugriff auf Finanzdaten in Echtzeit können Kanzleien Buchhaltungsprozesse effizienter organisieren und ihre Mandanten zugleich stärker beraten. Unternehmen erhalten dabei jederzeit einen aktuellen Überblick über ihre Finanzlage.
Ein Beispiel ist die Berliner Kanzlei B’steuern, die ihre Mandanten vollständig digital auf die Plattform überführt hat. Dadurch entstehen zusätzliche Kapazitäten, um sich stärker auf die eigentliche Beratungstätigkeit zu konzentrieren, statt Zeit mit manuellen und repetitiven Aufgaben zu verbringen.
Mehr Transparenz für kleine und mittlere Unternehmen
Gerade für kleine und mittlere Unternehmen kann eine zentrale Finanzplattform mehrere Funktionen bündeln, die bislang über unterschiedliche Systeme laufen. Viele Softwarelösungen optimieren dabei entweder Prozesse innerhalb von Unternehmen oder innerhalb von Steuerkanzleien, betrachten den Finanzworkflow jedoch selten ganzheitlich.
Finanzdaten stehen über die Plattform in Echtzeit zur Verfügung, während administrative Aufgaben automatisiert werden können. Dadurch sparen Unternehmen Zeit bei wiederkehrenden Tätigkeiten und erhalten gleichzeitig eine bessere Übersicht über ihre finanzielle Situation.
Für KMU bedeutet das vor allem mehr Transparenz über ihre Finanzen und die Möglichkeit, fundiertere Entscheidungen zu treffen, ohne selbst komplexe Finanzsysteme betreiben zu müssen. Gleichzeitig können Steuerberater durch automatisierte Prozesse repetitive Aufgaben reduzieren und sich stärker auf die strategische Beratung ihrer Mandanten konzentrieren.

