Wirtschaft

Industrieproduktion fährt herunter – Merz-Regierung verspricht bessere Industriestrompreise und weniger Bürokratie

Die deutsche Industrie kämpft an vielen Fronten – hohe Energiekosten, ausufernde Bürokratie, Fachkräftemangel und geopolitische Risiken machen ihr schwer zu schaffen. Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften fordert nun dringende grundlegende Reformen, um die anhaltende Wachstumsschwäche in Deutschland zu überwinden und den Industriestandort zu stärken.
20.03.2026 11:00
Lesezeit: 3 min

Deutsche Industrie bezeichnet die Lage als „tiefe Krise“ und als „dramatisch“

Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Flaute fordern Deutschlands Spitzenverbände (BDA, BDI, DIHK und ZDH) die Bundesregierung zu einem entschlossenen Kurswechsel auf. In einer gemeinsamen Erklärung erklären sie 2026 zum entscheidenden „Jahr der Reformen“. Die Verbände warnen eindringlich: Der Standort Deutschland steht unter historischem Druck – ohne strukturelle Veränderungen drohe die Wirtschaft dauerhaft den Anschluss zu verlieren.

Hohe Energiekosten, Bürokratie und der Mangel an Fachkräften setzen unserer Industrie massiv zu – das geht aus einem aktuellen Grundsatzpapier hervor, das das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche, der BDI und die IG Metall am vergangenen Freitag vorgestellt haben. Die Zahlen sind alarmierend: Seit der Pandemie sind rund fünf Prozent der Industriearbeitsplätze verloren gegangen. BDI-Präsident Peter Leibinger spricht von einer „tiefen Krise“ und betont, wie wichtig es jetzt ist, dass Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften gemeinsam an einem Strang ziehen, um den Anschluss an die USA und China nicht zu verlieren. Auch IG-Metall-Vize Jürgen Kerner warnt eindringlich: Ohne bezahlbare Energie stehe die Grundstoffindustrie vor dem Aus – ein fatales Signal für die kommenden Generationen.

Nach drei Jahren ohne echtes Wachstum zeichnet sich auch für dieses Jahr noch keine Trendwende ab. Das erhöht den Druck auf Unternehmen und Beschäftigte massiv – eine Situation, die die Verbände als „dramatisch“ beschreiben. Dabei waren die Erwartungen an die Kanzlerschaft von Friedrich Merz ursprünglich hoch. Zwar hat die Bundesregierung im ersten Jahr wichtige Impulse gesetzt, doch aus Sicht der Wirtschaft bleibt es zu oft bei bloßen Ankündigungen. Die Stimmung wird sich erst dann nachhaltig bessern, wenn die Reformen auch spürbar in den Betrieben ankommen.

Verbände fordern konkrete, sofortige Maßnahmen

Konkret fordern die Verbände entschlossene Schritte: Noch in diesem Jahr soll das Renteneintrittsalter angehoben werden. Zudem dringen sie auf eine vorgezogene Senkung der Körperschaftsteuer und eine geringere Stromsteuer für alle, um Betriebe und Haushalte zu entlasten. Scharfe Kritik üben die Spitzenverbände an der zunehmenden Regulierung: Vorhaben wie das Tariftreue- und das Entgelttransparenzgesetz drohen aus ihrer Sicht, den Bürokratieabbau zu unterlaufen. Statt langfristiger Prüfprozesse verlangen sie, bereits 2026 die Hälfte der gesteckten Reformziele umzusetzen. Damit erhöhen sie den Druck auf Bundeskanzler Friedrich Merz, der das Jahr eigentlich zum ‚Aufschwungjahr‘ ausgerufen hatte, während die regierende schwarz-rote Koalition noch um die Ausgestaltung ihrer Reformkommissionen ringt.

Aus Sicht der Wirtschaftsverbände greifen die bisherigen Maßnahmen der Regierung zu kurz. Um die explodierenden Sozialausgaben in den Griff zu bekommen, fordern sie noch für dieses Jahr eine umfassende Rentenreform. Kernpunkte sind eine Anhebung des Rentenalters sowie das Ende von Anreizen zur Frühverrentung. Parallel dazu plädieren die Verbände dafür, versicherungsfremde Leistungen vollständig aus Steuermitteln zu finanzieren. Steuerlich fordern sie Entlastungen: Die Senkung der Körperschaftsteuer soll vorgezogen und der Einkommensteuertarif angepasst werden, während eine höhere Erbschaftssteuer strikt abgelehnt wird. Auch beim Bürokratieabbau drängen sie auf Tempo: Ziel ist die Streichung eines Drittels aller Auskunfts- und der Hälfte aller Dokumentationspflichten.

Neben internen Reformen rücken die Verbände die globale Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus. Die massiven Energiekosten – verschärft durch die geopolitische Lage im Nahen Osten – sowie der schleppende Netzausbau werden als zentrale Bremsklötze identifiziert. Ihre Forderung ist deutlich: Deutschland muss nationale Alleingänge, wie beim Energieeffizienzgesetz, beenden und sich stärker an europäischen Standards orientieren. Gleichzeitig drängen BDI, BDA, DIHK und ZDH darauf, den internationalen Handel durch den schnellen Abschluss von Abkommen wie Mercosur oder dem Indien-Deal zu beleben, um den drohenden Kipppunkt des Wirtschaftsstandorts noch abzuwenden.

Industriestrompreis: Regierung demonstriert Schulterschluss mit Industrie und Handwerk

Bundeskanzler Friedrich Merz betonte anlässlich der vergangenen Handwerksmesse die Notwendigkeit, lang aufgeschobene Strukturreformen nun entschlossen anzugehen. Er hob hervor, dass Steuern, Abgaben und Energiekosten das Wachstum bremsen und der Sozialstaat zielgenauer ausgerichtet werden müsse. Mit der Verabschiedung der neuen Grundsicherung im Bundestag sei das Bürgergeld nun Geschichte – ein entscheidender Schritt, um den Arbeitsmarkt zu stabilisieren und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Merz verwies zudem auf bereits erfolgte Senkungen der Körperschaftsteuer und Fortschritte beim Bürokratieabbau. Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, müssten vor allem die Arbeitskosten gesenkt werden, wovon insbesondere das Handwerk profitiere. Er zeigte sich zuversichtlich, dass Deutschland durch den Schulterschluss von Politik und Wirtschaft den Weg aus der Standortkrise finden wird.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche stellte konkrete Unterstützung in Aussicht: Bis zum Sommer soll das neue Förderregime für den staatlich bezuschussten Industriestrompreis stehen. Besonders wichtig für die Betriebe: Die Hilfen können rückwirkend zum Jahresanfang beantragt werden. Dies ist Teil eines Fünf-Punkte-Plans, mit dem das ‚Bündnis Zukunft der Industrie‘ – ein Zusammenschluss aus Ministerium, Verbänden und Gewerkschaften – den Standort Deutschland stärken will. Die Schwerpunkte liegen dabei auf wettbewerbsfähigen Energiepreisen, Bürokratieabbau, Fachkräftesicherung und einer engeren europäischen Zusammenarbeit.

Europäische Industrie im Sinkflug zum Jahresbeginn

Der Start ins Jahr verlief für die Industrie in der Euro-Zone anders als erhofft: Statt des erwarteten Aufschwungs drosselten die Betriebe ihre Produktion im Januar überraschend um 1,5 Prozent. Damit wurden die Prognosen der Ökonomen, die mit einem leichten Plus gerechnet hatten, deutlich verfehlt. Während der Energiesektor mit einem Zuwachs von 4,7 Prozent einen Lichtblick bot, brachen vor allem die Bereiche Investitions- und Verbrauchsgüter spürbar ein. Besonders Irland verzeichnete einen massiven Rückgang, aber auch die deutsche Industrie blieb mit einem Minus von 1,3 Prozent hinter den Erwartungen zurück. Diese Entwicklung dämpft die Hoffnung auf eine schnelle Erholung, nachdem die Wirtschaft im Währungsraum bereits Ende 2025 nur minimal gewachsen war.

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