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Insolvenzen, Leerstand, Onlinehandel: Tausende Geschäfte verschwinden aus deutschen Innenstädten

Seit der Corona-Lockdowns verschärft sich die Krise des deutschen Einzelhandels weiter. Die Anzahl der Geschäfte soll 2026 sogar auf ein historisches Niveau schrumpfen. Die Folge: Innenstädte werden veröden, Einkaufsmeilen verschwinden, Leerstände zunehmen. Der HDE schlägt Alarm und warnt vor kritischen Kipppunkten.
26.03.2026 15:11
Lesezeit: 3 min
Insolvenzen, Leerstand, Onlinehandel: Tausende Geschäfte verschwinden aus deutschen Innenstädten
Innenstädte verlieren ihr Herz: Tausende Geschäfte vor dem Aus. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

Sterbender Einzelhandel: Tausende Geschäfte verschwinden aus deutschen Innenstädten

Die negativen Schlagzeilen aus dem Einzelhandel reissen nicht ab: Droht vierte Insolvenz für Galeria? Warenhauskonzern in der nächsten Krise. 44 Filialen der Fachmarkt-Kette Hammer vor dem Aus, es läuft der Räumungsverkauf. Gerade gab auch der Textil- und Haushaltswaren-Discounter Kik bekannt noch in diesem Jahr Hunderte Filialen zu schließen. Die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel befindet sich auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Alleine für 2025 verzeichnete der Kreditversicherer Allianz Trade 2.571 Insolvenzen.

Jetzt offenbaren die neusten Zahlen des Handelsverbandes Deutschland die ganze Tragweite dieser Entwicklung: Der Einzelhandel schrumpft weiter - mit gravierenden Folgen für die Innenstädte.

Innenstädte unter Druck – 4900 Geschäfte verschwinden bis Jahresende

Deutschlands Einzelhandel schrumpft auf historisches Niveau: Nach aktuellen Berechnungen des Handelsverbandes Deutschland (HDE) wird die Zahl der Geschäfte 2026 netto um rund 4900 sinken – trotz bereits eingerechneter Neueröffnungen. Damit setzt sich ein seit Jahren anhaltender Negativtrend fort, der zunehmend die Substanz vieler Innenstädte gefährdet.

Kontinuierlicher Rückgang verschärft Lage

Seit einem Jahrzehnt verliert der stationäre Handel jährlich tausende Standorte. Besonders drastisch fiel der Einbruch während der Corona-Pandemie aus, als zeitweise mehr als 11.000 Geschäfte pro Jahr verschwanden, weil viele Geschäfte zeitweise nicht öffnen durften. Doch auch nach dieser Phase bleibt die Entwicklung angespannt. Bereits 2025 lag das Minus bei rund 4500 Läden.

Bis Ende 2026 dürfte die Gesamtzahl der Geschäfte laut HDE auf etwa 296.600 sinken. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren existierten in Deutschland noch rund 366.800 stationäre Einzelhandelsstandorte.

Insgesamt hat der Handel ein durchwachsenes Jahr hinter sich. Der Onlinehandel nahm 2025 zwar wieder Schwung auf und legte laut HDE preisbereinigt um 3,5 Prozent zu, doch die Umsätze im stationären Handel stagnierten. Laut einer im Januar durchgeführten Händlerumfrage des Verbandes schätzen nur 14 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut ein. Jedes zweite erwartet 2026 sinkende Umsätze. Das größte Problem bleibt der Befragung zufolge die Kaufzurückhaltung.

Innenstädte geraten an kritische Kipppunkte

Mit jedem geschlossenen Geschäft wächst die Gefahr zunehmender Leerstände. Diese wirken sich nicht nur auf das Stadtbild aus, sondern schwächen auch die Attraktivität der Innenstädte insgesamt. Der Handel gilt weiterhin als zentraler Besuchsanlass für Stadtzentren – fällt er weg, geraten ganze Quartiere unter Druck.

HDE-Präsident Alexander von Preen warnt im Vorfeld des Handelsimmobilienkongresses in Berlin vor den Folgen: „Viele Innenstädte leiden heute schon sichtlich unter Leerständen. So kann und darf es nicht weitergehen.“ Branchenvertreter warnen daher vor einer schleichenden Gewöhnung an den Rückgang. In vielen Städten sei die kritische Schwelle bereits erreicht oder stehe kurz bevor.

Mittelstand fordert Entlastung: Abgaben runter!

Vor allem kleinere und mittelständische Händler leiden unter den aktuellen Rahmenbedingungen. Eine schwache Konsumstimmung, steigende Kosten für Energie und Personal sowie hohe Abgaben belasten die Betriebe zunehmend. „Das Umfeld mit der seit Jahren vor sich hin dümpelnden Konsumlaune ist schwierig“, so von Preen.

Der HDE fordert daher politische Maßnahmen zur Entlastung. Dazu zählen unter anderem niedrigere Energiekosten, eine Senkung der Stromsteuer sowie eine Begrenzung der Lohnnebenkosten. Gleichzeitig seien auch Vermieter gefragt, stärker auf flexible, umsatzabhängige Mietmodelle zu setzen, um Leerstände zu vermeiden.

"Die Stromsteuer muss endlich für alle runter, bei den Lohnnebenkosten braucht es einen Deckel bei 40%. Und die Vermieter müssen sich auch im eigenen Interesse noch mehr auf umsatzorientierte Mieten einlassen. Leerstand nutzt niemandem“, schlägt HDE-Präsident Preen vor.

HDE: Öffentliche Mittel reichen nicht aus

„Einkaufen ist der Hauptgrund für einen Innenstadtbesuch. Wer sein Stadtzentrum vital erhalten oder gestalten will, braucht deshalb Geschäfte. Jeder Leerstand ist einer zu viel. Der Einzelhandel steht bereit, aktuell stimmen aber einfach zu oft die Rahmenbedingungen nicht“, so von Preen.

Um die Innenstädte zu stabilisieren, sieht der Verband insbesondere Bund, Länder und Kommunen in der Verantwortung. Investitionen in attraktive, saubere und sichere Stadtzentren seien entscheidend, um Kunden zurückzugewinnen. Deshalb fordert der HDE bessere steuerliche Anreize, um private Investitionen in die Aufwertung von Innenstädten zu fördern. Öffentliche Mittel allein würden nicht ausreichen, um die strukturellen Probleme zu lösen. Für mehr Investitionen braucht es bessere Abschreibungsmöglichkeiten solcher Ausgaben.

Die Handelsbranche kommt an diesem Dienstag und Mittwoch in Berlin zu ihrem jährlichen Handelsimmobilienkongress zusammen. Zu Gast ist unter anderem Sabine Poschmann (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.

Zukunft der Innenstädte auf dem Prüfstand

Die aktuellen Zahlen verdeutlichen, dass sich der stationäre Handel in einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet. Ohne spürbare Verbesserungen der Rahmenbedingungen droht sich der Negativtrend weiter zu beschleunigen. Die Entwicklung der kommenden Jahre wird entscheidend dafür sein, ob es gelingt, die Innenstädte als lebendige Wirtschafts- und Begegnungsräume zu erhalten – oder ob sich der Rückzug des Handels weiter verstärkt.

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