Energiemärkte unterschätzen die Dauer der Krise
Helle Østergaard Kristiansen, eine führende Managerin aus dem europäischen Energiesektor, beobachtet derzeit eine stark zunehmende Nachfrage nach Einschätzungen zur Lage auf den Energiemärkten. Im Austausch mit Politik, Industrie und Marktteilnehmern zeichnet sie ein deutlich angespannteres Bild als viele Prognosen nahelegen. Die Situation sei kritisch und könne sich über einen deutlich längeren Zeitraum erstrecken, als bislang angenommen.
„Ich glaube, dass der Markt unterschätzt, wie lange es dauern wird, bis wir wieder zu einer normaleren Situation zurückkehren“, sagt sie. Kristiansen verfügt über langjährige Erfahrung im Energiehandel und gehörte 15 Jahre zur Führung des Unternehmens Danske Commodities, bevor sie zu Equinor wechselte. Heute leitet sie dort das Strom und Gasgeschäft.
Ausgelöst wurde der aktuelle Schock durch den Angriff der USA und Israels auf den Iran vor vier Wochen. In der Folge blockierte Teheran die Straße von Hormus, eine zentrale Route für den weltweiten Transport von Öl und Erdgas. Die Preise an den Energiemärkten reagierten darauf mit deutlichen Anstiegen.
Krise erfasst weit mehr als Rohöl
Die Internationale Energieagentur warnt vor einem historisch großen Ölschock. Nach Einschätzung von Kristiansen greift diese Beschreibung jedoch zu kurz, da die Auswirkungen deutlich über den Rohölmarkt hinausgehen. Neben Rohöl geraten auch raffinierte Produkte unter Druck, die normalerweise über die Straße von Hormus transportiert werden.
Dazu zählen Flugtreibstoff, Schweröl für die Schifffahrt, Düngemittel sowie weitere petrochemische Vorprodukte. „Es ist auch eine Krise bei den raffinierten Produkten, die aus der Straße von Hormus kommen, und das wird in der aktuellen Lage wohl etwas unterschätzt. Es geht um Flugtreibstoff, Bunkeröl, Düngemittel und andere Produkte, die ebenfalls betroffen sind. Und in hohem Maße ist es auch eine Gaskrise“, sagt sie.
Die Folgen reichen damit tief in industrielle Wertschöpfungsketten hinein und betreffen Transport, Produktion und zahlreiche nachgelagerte Branchen. Der Schock entfaltet seine Wirkung damit weit über den Energiesektor hinaus und trifft zentrale Teile der globalen Wirtschaft.
Erinnerungen an frühere Versorgungsengpässe
Die Entwicklung erinnert an die Ölkrisen der 1970er Jahre sowie an die europäische Energiekrise im Jahr 2022. Damals brachen russische Gaslieferungen infolge des Ukrainekriegs abrupt weg und wurden als politisches Druckmittel eingesetzt. In Europa entwickelte sich daraus eine reale Versorgungskrise mit direkten Auswirkungen auf Industrie und Energieversorgung.
Unternehmen reduzierten ihre Produktion, während Behörden vor möglichen Stromabschaltungen warnten. Diese Erfahrungen prägen bis heute die Einschätzung vieler Marktteilnehmer. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Krise, dass strukturelle Verwundbarkeiten weiterhin bestehen.
Im aktuellen Umfeld ist Europa bislang weniger stark betroffen als andere Regionen. Besonders angespannt ist die Lage in Asien, wo mehrere Länder in hohem Maße von Energieimporten aus dem Nahen Osten abhängig sind. „In Asien geht es jetzt um eine tatsächliche Versorgungslücke. Das, was wir im Moment sehen, ist hochgradig ernst. In Europa ist es eher eine Frage des Preises“, sagt Kristiansen.
Asien gerät unter akuten Versorgungsdruck
Nach Einschätzung der Managerin wird sich die Situation in den kommenden Wochen weiter verschärfen. Die letzten Lieferungen aus dem Nahen Osten seien bereits unterwegs, danach drohten zusätzliche Engpässe. Besonders betroffen seien raffinierte Produkte sowie Flüssigerdgas.
„In dieser Woche sind die letzten Lieferungen aus dem Nahen Osten mit den Schiffen angekommen, aber in der nächsten Woche hört das auf. Dann werden wir in der kommenden Zeit eine weitere Knappheit vor allem bei diesen raffinierten Produkten und auch bei Flüssigerdgas sehen“, sagt sie.
Seit mehreren Wochen ist die Straße von Hormus für große Teile des internationalen Schiffsverkehrs blockiert. Rund 20 Prozent des weltweiten Transports von Rohöl und Flüssigerdgas verlaufen normalerweise über diese Route, was die Bedeutung der aktuellen Störung unterstreicht.
Zahlreiche Schiffe befinden sich weiterhin in der Region, darunter auch Einheiten von Equinor. Gleichzeitig haben mehrere Energieproduzenten im Nahen Osten ihre Förderung infolge des Konflikts vorübergehend reduziert, was die Angebotslage zusätzlich verschärft.
Steigende Preise belasten auch Europa
Ein Großteil der über die Straße von Hormus transportierten Energie wird üblicherweise nach Asien geliefert. Dort reagieren mehrere Staaten bereits mit weitreichenden Maßnahmen wie verkürzten Arbeitszeiten, zusätzlichen Feiertagen und Programmen zur Reduzierung des Energieverbrauchs.
Auf den Philippinen wurde zudem der nationale Notstand ausgerufen, was die Schwere der Lage unterstreicht. Die Entwicklungen zeigen, wie schnell sich ein Preisschock in eine tatsächliche Versorgungskrise verwandeln kann und welche politischen Reaktionen daraus folgen.
Für Europa bedeutet die Lage vor allem steigenden Wettbewerb um verfügbare Energie. Öl, Ölprodukte und Flüssigerdgas verteuern sich, was sich in höheren Transportkosten, steigenden Produktionspreisen und zunehmendem Inflationsdruck niederschlägt.
„Wenn die Lage anhält, könnte es schwierig werden, im Sommer zu fliegen. Es könnte sehr teuer werden, ein Dieselfahrzeug zu betanken, und es wird sehr teuer werden, Waren mit Schiffen zu transportieren“, sagt Kristiansen.
Keine rasche Entspannung in Sicht
Die Dauer der Krise lässt sich derzeit nur schwer abschätzen. Nach Einschätzung von Kristiansen ist jedoch klar, dass sich Verzögerungen entlang der Lieferketten verstärken und eine schnelle Rückkehr zur Normalität unwahrscheinlich ist.
„Es ist nicht eins zu eins. Eine Woche länger im Ausnahmezustand bedeutet nicht einfach nur eine Woche länger bis zur Rückkehr zur Normalität“, sagt sie und verweist auf die komplexen Abläufe in globalen Energiesystemen. Selbst mögliche Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran würden die Lage nicht kurzfristig entspannen.
Neben politischen Vereinbarungen müssten Sicherheit für die Schifffahrt gewährleistet und beschädigte Infrastrukturen wiederhergestellt werden. Auf die Frage, ob sich die Situation noch in diesem Jahr vollständig normalisieren könne, antwortet sie klar. „Nein. Ich sehe in diesem Jahr keine vollständige Normalisierung.“
Beschädigte Infrastruktur verschärft die Lage
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch Schäden an zentraler Energieinfrastruktur. Besonders betroffen ist Katar, das normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgases liefert und damit eine Schlüsselrolle im globalen Energiemarkt einnimmt.
Nach einem iranischen Drohnenangriff Anfang März wurde die Produktion auf dem Gasfeld Ras Laffan gestoppt. Ein weiterer Angriff führte zu langfristigen Schäden, die die Förderkapazitäten erheblich beeinträchtigen.
Nach Angaben von Qatar Energy sind dadurch rund 12,8 Millionen Tonnen LNG pro Jahr für bis zu fünf Jahre ausgefallen. Das entspricht etwa 17 Prozent der Exportkapazität des Landes und mehr als 3 Prozent des globalen Angebots.
Zugleich wurden mehrere geplante Produktionsprojekte im Nahen Osten verschoben, die ursprünglich 2027 und 2028 in Betrieb gehen sollten. Damit verzögert sich auch die perspektivische Entlastung der Märkte und erhöht die Unsicherheit.
Europa bleibt strukturell abhängig von Importen
Für Europa stellt die Entwicklung einen weiteren Belastungstest dar. Trotz Fortschritten bleibt die Abhängigkeit von Energieimporten hoch und prägt weiterhin die strategische Ausgangslage der europäischen Wirtschaft. Im Jahr 2024 wurden rund 57 Prozent des Energieverbrauchs der EU durch Importe gedeckt. Während russisches Pipelinegas weitgehend ersetzt wurde, hat sich die Abhängigkeit in Richtung Flüssigerdgas verschoben.
LNG deckt inzwischen mehr als 40 Prozent der Gasimporte Europas, insbesondere aus den USA sowie aus Nordafrika und dem Nahen Osten. Diese Verschiebung verändert die Struktur der Energieversorgung nachhaltig. „2022 wurde uns bewusst, wie abhängig wir von russischem Gas waren. Jetzt wird uns bewusst, wie abhängig wir von LNG sind“, sagt Kristiansen.
Neue Risiken durch globale Lieferketten
Im Gegensatz zu Pipelinegas kann Flüssigerdgas weltweit transportiert werden. Diese Flexibilität schafft neue Möglichkeiten, erhöht aber zugleich die Abhängigkeit von globalen Handelsströmen und geopolitischen Entwicklungen.
Der aktuelle Energieschock zeigt nach Einschätzung von Kristiansen, wie anfällig dieses System für Störungen ist. Strategisch wichtige Transportwege und geopolitische Spannungen gewinnen dadurch zusätzlich an Bedeutung. „Wovon man nun in hohem Maße abhängig wird, ist Geopolitik und indirekt auch von kleinen Meerengen und Versorgungskorridoren“, sagt sie.
Besonders kritisch bewertet sie die Aussicht, dass geopolitische Konflikte und Spannungen über Jahre hinweg anhalten könnten. Dies hätte direkte Auswirkungen auf Handel, wirtschaftliche Entwicklung und den Wohlstand in Europa.
Energiepolitik zwischen Sicherheit und Transformation
Kristiansen sieht die europäische Energiepolitik weiterhin in einem grundlegenden Spannungsfeld. Sie spricht von einem Energie-Trilemma aus Versorgungssicherheit, Klimazielen und bezahlbaren Preisen, das politische Entscheidungen zunehmend prägt.
Der Ausbau erneuerbarer Energien, die Elektrifizierung und der Ausbau der Netzinfrastruktur gelten als zentrale Elemente der Transformation. Gleichzeitig hält sie es für unrealistisch, dass Europa kurzfristig vollständig auf Erdgas verzichten kann.
Gas könne als flexible Reserve dienen, wenn erneuerbare Energien nicht ausreichend verfügbar sind. Alternativen wie Kernenergie oder neue Technologien befinden sich entweder im Aufbau oder sind mit hohen Kosten verbunden. Daher plädiert sie für einen pragmatischen Ansatz, der auch den Bau neuer Gaskraftwerke einschließt, wie er derzeit unter anderem in Deutschland geplant wird.
Deutschland steht vor wachsenden energiepolitischen Risiken
Für Deutschland verschärft die Entwicklung den Druck auf Energiepreise und Versorgungssicherheit. Die Abhängigkeit von globalen LNG Märkten macht den Standort anfällig für geopolitische Schocks und kurzfristige Preisbewegungen.
Gleichzeitig steigt der Bedarf, den Ausbau erneuerbarer Energien und der Netzinfrastruktur weiter zu beschleunigen. Ohne zusätzliche flexible Kapazitäten drohen stärkere Preisschwankungen und Belastungen für Industrie und Verbraucher.
Die aktuelle Krise zeigt, dass die Energiewende nicht nur eine Frage des Ausbaus neuer Technologien ist. Entscheidend bleibt die Fähigkeit, auch unter geopolitisch angespannten Bedingungen eine stabile und bezahlbare Energieversorgung sicherzustellen.
