DWN: Herr Floros, ist der aktuelle Krieg gegen den Iran aus Ihrer Sicht ein regionaler Konflikt – oder bereits eine globale Krise?
Floros: Aus meiner Sicht ist das eindeutig ein Konflikt mit globalen Implikationen. Man könnte sogar sagen – um einen Begriff von dem ehemaligen Papst Franziskus aufzugreifen – dass wir uns in einer Art „drittem Weltkrieg in Etappen“ befinden. Was ist damit gemeint? Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 waren die USA die einzige und unumstrittene Weltmacht. Doch inzwischen wir dieser Status von anderen aufstrebenden Mächten, allen voran China, in Frage gestellt. Aus dieser Perspektive stellt der Krieg gegen den Iran kein isoliertes Ereignis dar, sondern er markiert einen Schlüsselmoment für die globale Machtbalance. Denn dieser Konflikt wird darüber mitbestimmen, ob die Phase des US-amerikanischen Uni-Polarismus endet oder fortbesteht. Sollte sie enden, treten wir in eine multipolare Weltordnung ein.
DWN: Sie meinen, es geht in diesem Krieg nicht nur gegen den Iran, sondern auch gegen China? Inwiefern? Versuchen die USA, China den Zugang zu Öl und Gas abzuschneiden?
Floros: Das hauptsächliche strategische Ziel der USA ist es meiner Meinung nach, den Prozess der Entdollarisierung des Ölmarktes zu stoppen. Von den täglich gehandelten 140 Millionen Barrel Öl wurden 2023 bereits 20% – also 28 Millionen Barrel – nicht in Dollar, sondern in Yuan, Rubel oder Euro bezahlt. Und Dieser Anteil steigt weiter. Für die USA ist das eine gravierende Bedrohung: Denn wenn der Dollar als globale Reservewährung an Bedeutung verliert, gerät ihr ganzes Finanzsystem ins Wanken.
Gleichwohl, und da gebe ich Ihnen Recht, versuchen die USA gleichzeitig Chinas Energieflüsse zu begrenzen. Noch muss ein großer Teil des Öls, das China importiert, auf Tankern die Straße von Hormuz passieren. Allerdings hat China hier vorgesorgt: Vor dem Konflikt hat es 166 Millionen Barrel Öl als Reserve angehäuft, die sich derzeit hauptsächlich vor der chinesischen Küste befinden und darauf warten, raffiniert zu werden – genug, um 100 Tage ohne Importe auszukommen. Zudem macht Öl nur etwa 20 Prozent des chinesischen Energiemixes aus. Das chinesische Energiesystem basiert vor allem auf Kohle und zunehmend auf erneuerbaren Energien. Kurzfristig kann China einen Ausfall von Lieferungen durchaus abfedern.
DWN: Welche Rolle kommt dem Iran also konkret zu in diesem Pokerspiel um eine neue Weltordnung zu?
Floros: Dem Iran kommt aus verschiedenen Gründen eine zentrale Bedeutung zu: Einerseits wegen seiner enormen Öl- und Gasreserven. Dann wegen seiner geografischen Lage. Die Straße von Hormuz ist ein Schlüsselpunkt für einen großen Teil der globalen Energieflüsse. Wer hier Einfluss hat, verfügt über einen erheblichen geopolitischen Hebel. Das verschafft dem Iran eine starke Position – vorausgesetzt, das Land kann dem aktuellen militärischen Druck standhalten. Zudem ist der Iran den USA ein Dorn im Auge, weil er sein Öl zunehmend in Yuan oder anderen Währungen verkauft – und nicht in Dollar. Außerdem ist der Iran aufgrund seiner geographischen Lage auch ein wichtiger Bestandteil des – hauptsächlich chinesischen – Projekts der Neuen Seidenstraße und ein wichtiger Partner für Chinas Infrastrukturprojekte.
DWN: Gleichwohl: Im Kontext der Rivalität der USA mit China erscheint vielen Beobachtern die Politik von Donald Trump erratisch.
Floros: Es ist möglich, dass es Elemente von Improvisation gibt. Ich halte es aber für überzeugender anzunehmen, dass – trotz aller Sprunghaftigkeit und verstörender Rhetorik von Donald Trump – die USA eine bestimmte Strategie verfolgen. Denn letzten Endes geht es um nichts weniger als die globale Führungsrolle der USA. Aus dieser Perspektive betrachtet sind militärische Interventionen wie im Iran oder am 3. Januar 2026 in Venezuela kein Zeichen von Willkür, sondern sie entsprechen einer Notwendigkeit. Angesichts ihrer makroökonomischen Probleme – etwa der schwindenden Dominanz des Dollars – haben die USA aus ihrer Sicht keine andere Wahl als so zu handeln. Es sei denn, sie würden sich angesichts ihres relativen Niedergangs damit abfinden, nur eines von mehreren Machtzentren in einer dann multipolaren Weltordnung zu sein.
DWN: Besteht die Gefahr, dass der Konflikt weiter eskaliert?
Floros: Ja, diese Gefahr besteht. Zum einen, weil auch Israel eigene Interessen verfolgt, die nicht vollständig mit denen der USA übereinstimmen. Zum anderen, weil dieser Konflikt für die USA von existenzieller Bedeutung ist. Sollten sie ihre Ziele nicht erreichen, hätte das gravierende Folgen für ihre globale Stellung, für ihr Finanzsystem und für den Dollar. Das erhöht das Eskalationsrisiko erheblich.
DWN: Kann es sein, dass die wirtschaftlichen Folgen dieser Konflikte bewusst in Kauf genommen werden – etwa weil die EU stärker betroffen ist als die USA?
Floros: Es besteht kein Zweifel, dass die EU die wirtschaftlichen Kosten stärker zu spüren bekommen wird als die USA. Die Europäische Union ist zu rund 60 Prozent von Energieimporten abhängig, während die USA weitgehend energieautark sind. Deshalb treffen steigende Preise und Unsicherheit die Länder der EU deutlich härter. Besonders betroffen ist, neben Deutschland, auch Italien, das stark von Gasimporten abhängig ist. Aber das haben wir ja schon im Ukraine-Krieg gesehen: Die USA können Konflikte ‚exportieren‘, während die wirtschaftlichen Folgen vor allem in der EU und in anderen Teilen der Welt spürbar werden. Die EU ist im globalen System tatsächlich viel verletzlicher als es die USA sind – und hat dabei auf die Entwicklungen in der Welt nur sehr begrenzten Einfluss.
DWN: Ihr Fazit?
Floros: Der Iran-Krieg ist auch ein Stellvertreterkrieg um die globale Ordnung. Es geht um die Frage, ob die USA ihre dominierende Stellung behalten oder ob sich ein multipolares System durchsetzt. Energie spielt dabei eine Schlüsselrolle – aber man sollte sie als einen Teil in einem größeren geopolitischen und finanziellen Zusammenhang betrachten.
Info zur Person: Demostenes Floros ist Wirtschafts- und Geopolitikanalyst sowie Senior Energy Economist am CER-Centro Europa Ricerche in Rom. Derzeit ist er Lehrbeauftragter für Energiegeopolitik an der Universität Padua. Er hat für verschiedene Zeitschriften geschrieben, darunter WE-World Energy (vierteljährlicher Bericht von ENI) und die geopolitische Zeitschrift Limes.

