Politik

IEA warnt vor Energiekrise: Europa drohen neue Versorgungsrisiken

Die IEA warnt vor neuen Verwerfungen auf den Energiemärkten, während Europas Energieversorgung erneut unter Druck gerät. Welche Folgen haben gestörte Öl- und Gaslieferungen, beschädigte Infrastruktur und drohende Engpässe für Deutschland?
28.04.2026 11:32
Lesezeit: 4 min
IEA warnt vor Energiekrise: Europa drohen neue Versorgungsrisiken
Die IEA sieht die Energiemärkte trotz möglicher Öffnung der Straße von Hormus weiter unter Druck, während Europa neue Risiken bei Preisen, Versorgung und Wachstum drohen. (Foto: dpa) Foto: Sina Schuldt

IEA warnt vor neuen Schocks auf den Energiemärkten

Der Chef der Internationalen Energieagentur warnt vor einer weiteren Zuspitzung auf den Energiemärkten. Die Folgen der gestörten weltweiten Ölversorgung seien an den Märkten bislang nicht vollständig eingepreist, obwohl die Krise bereits zentrale Lieferketten belastet und die Unsicherheit über die künftige Versorgung erhöht.

Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, setzt zwar auf diplomatische Bemühungen zur Wiederöffnung der Straße von Hormus. Zugleich machte er deutlich, dass der Schaden bereits erheblich sei und sich kaum kurzfristig beheben lasse. „Ich glaube, dass es Bemühungen gibt, die Straße von Hormus zu öffnen, und ich hoffe sehr, dass diese erfolgreich sind“, sagte Birol.

Eine dauerhafte Lösung sei entscheidend, doch selbst eine Entspannung würde die Folgen der Krise nicht sofort beseitigen. Birol, der erneut vom Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gezählt wurde, bezweifelt, dass die Ölpreise das Ausmaß der Krise angemessen widerspiegeln.

Ölpreise hinken Krise hinterher

Vor Beginn des Krieges seien bereits zahlreiche Tanker mit Öl und Gas beladen gewesen. Diese Lieferungen hätten ihre Ziele erst nach 30 bis 45 Tagen erreicht und den Markt vorübergehend entlastet. Hinzu kam die Freigabe von 400 Millionen Barrel Ölreserven, die Birol am 11. März angekündigt hatte.

Auch die Erwartung einer Wiedereröffnung der Straße von Hormus wirkt derzeit preisdämpfend. Deshalb könnten die aktuellen Marktpreise aus Sicht Birols weder die heutige Lage noch die Risiken der kommenden Wochen angemessen abbilden. Die Verwerfungen dürften sich erst mit Verzögerung vollständig zeigen.

Selbst eine schnelle Öffnung der Straße von Hormus würde die Krise nicht beenden. Nach Angaben Birols sind im Nahen Osten zahlreiche Energieanlagen beschädigt, deren Wiederinbetriebnahme Jahre dauern könnte. Die Internationale Energieagentur verfolgt die Lage nach eigenen Angaben täglich.

Beschädigte Anlagen belasten Versorgung

Derzeit seien 84 Energieanlagen betroffen, darunter Ölfelder, Gasfelder, Raffinerien, Terminals und weitere Teile der Energieinfrastruktur. Etwa ein Drittel dieser Anlagen sei schwer oder sehr schwer beschädigt. Birol geht daher davon aus, dass die globalen Energiemärkte noch längere Zeit volatil bleiben.

Birol bezeichnete die aktuelle Lage als schwerste Energiekrise der Geschichte. Der Ausfall bei Öl übertreffe die Ölkrisen der 1970er Jahre, der Rückgang bei Gas sei größer als nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. Damit trifft die Krise nicht nur einzelne Regionen oder Branchen.

Sie belastet zentrale Energieflüsse, von denen Industrie, Verkehr und private Haushalte in vielen Ländern abhängig sind. Die Lage zeigt aus Sicht der IEA, wie verwundbar die Weltwirtschaft durch wenige kritische Engpässe geworden ist. Besonders die Straße von Hormus rückt dabei erneut in den Mittelpunkt der Risiken.

Gezielte Entlastung statt pauschaler Eingriffe

Mit Blick auf politische Entlastungsmaßnahmen sprach sich Birol für gezielte Unterstützung aus. Pauschale Steuersenkungen auf Energie könnten kurzfristig wirken, seien aber nicht in jedem Fall die beste Antwort. Sinnvoller sei es, besonders belastete Teile der Bevölkerung zu unterstützen.

Entscheidend sei zudem, dass solche Maßnahmen klar befristet bleiben und nicht als dauerhafte Lösung verstanden werden. Dauerhafte Entlastungen könnten falsche Anreize setzen und die notwendige Senkung des Verbrauchs verzögern. Je nach Land seien breite Maßnahmen möglich, gezielte Hilfen seien jedoch vorzuziehen.

Die Internationale Energieagentur hat Regierungen bereits Vorschläge gemacht, um den Ölverbrauch kurzfristig zu senken. Dazu zählen mehr Homeoffice, kostenloser oder deutlich günstigerer öffentlicher Verkehr und niedrigere Tempolimits auf Autobahnen. Birol verwies darauf, dass viele Länder in Asien und zunehmend auch in Europa solche Schritte übernehmen.

Verbrauch muss kurzfristig sinken

Die Maßnahmen könnten helfen, die Belastung durch höhere Energiepreise zumindest abzumildern. Die Krise sei zugleich ein Weckruf nach Jahren unzureichender Diversifizierung. Die IEA habe wiederholt auf die Abhängigkeit von der Straße von Hormus hingewiesen.

Birol kritisierte, dass eine Weltwirtschaft mit einem Volumen von rund 110 Billionen Dollar von einer nur 15 Kilometer breiten Wasserstraße abhängig sei. Diese Verwundbarkeit sei wirtschaftlich kaum nachvollziehbar. Die fehlende Diversifizierung bei Öl und Gas aus der Region habe die aktuelle Lage verschärft.

Genau vor diesem Risiko habe die Internationale Energieagentur seit Jahren gewarnt. Für Europa erwartet Birol kurzfristig erhebliche Schwierigkeiten. Höhere Preise für Öl und Gas könnten die Inflation erhöhen und das Wirtschaftswachstum bremsen.

Europas Wirtschaft gerät unter Druck

Die wirtschaftlichen Folgen werden nach Einschätzung Birols auch Europa und Irland treffen. Steigende Energiekosten erhöhen den Druck auf Unternehmen, Verbraucher und öffentliche Haushalte. Besonders energieintensive Branchen dürften stärker belastet werden.

Gleichzeitig erschwert eine unsichere Versorgung die Planung für Industrie, Logistik und Verkehr. Langfristig könnten die Verwerfungen jedoch politische und wirtschaftliche Veränderungen beschleunigen. Frühere Energiekrisen hätten gezeigt, dass sie häufig tiefgreifende Reaktionen auslösen.

Nach den Ölkrisen der 1970er Jahre rückte Energieeffizienz stärker ins Zentrum. Der durchschnittliche Verbrauch von Autos sank damals innerhalb weniger Jahre von rund 20 Litern auf 10 Liter je 100 Kilometer. Zugleich wurden weltweit zahlreiche Kernkraftwerke gebaut.

Krisen verändern Energiepolitik

Auch die Gaskrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine führte in Europa zu weitreichenden politischen Entscheidungen. Europa beschleunigte daraufhin den Ausbau erneuerbarer Energien. Nach Birols Angaben stiegen die Installationen in Europa in den vergangenen drei Jahren um 300 Prozent.

Der Ausbau wurde durch schnellere Genehmigungen und verschiedene Förderprogramme unterstützt. Birol sieht darin ein Beispiel dafür, wie Energiekrisen politische Prioritäten verschieben können. Langfristig könne auch die aktuelle Krise Europa helfen, stärker auf eigene Energiequellen zu setzen.

Voraussetzung seien richtige politische Entscheidungen und klare Anreize. Damit könnte Europa unabhängiger von schwankenden Energiepreisen und Exporteuren werden. Kurzfristig bleibt die Lage nach Einschätzung Birols jedoch angespannt.

Kerosin und Diesel im Engpass

Besonders problematisch könnten Engpässe bei Kerosin und Diesel werden. Für Flugkraftstoff sieht Birol kurzfristig keine schnelle Lösung. Rund 75 Prozent des in Europa verwendeten Kerosins stammten bislang aus dem Nahen Osten.

Der Rest kam unter anderem aus China, Indien und weiteren Ländern. China und Indien haben inzwischen Exportbeschränkungen für Kerosin verhängt. Ohne zusätzliche größere Importe könnte Europa daher Versorgungsprobleme bei Flugkraftstoff und Diesel bekommen.

Für Deutschland verschärft die Krise zentrale Zielkonflikte der Energiepolitik. Höhere Preise belasten Industrie und Verbraucher, zugleich muss die Versorgungssicherheit gewährleistet bleiben. Gerade für eine exportorientierte Volkswirtschaft ist eine stabile Energieversorgung entscheidend.

Deutschland braucht eine widerstandsfähige Energiepolitik

Die aktuelle Lage zeigt, dass Deutschland seine Energiequellen breiter aufstellen und kurzfristige Krisenfestigkeit mit langfristiger Unabhängigkeit verbinden muss. Für die Industrie geht es dabei nicht nur um Preise, sondern auch um Planbarkeit, stabile Lieferketten und die Fähigkeit, externe Schocks besser abzufedern.

Damit rückt die Energiepolitik erneut ins Zentrum wirtschaftlicher Standortfragen. Deutschland muss die Abhängigkeit von kritischen Lieferwegen verringern, ohne die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Branchen zusätzlich zu schwächen. Genau darin liegt die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre.

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