Politik

EU-Mitgliedschaft: Warum andere Länder schneller vorankommen als die Ukraine

Die EU-Erweiterung rückt durch neue geopolitische Risiken wieder ins Zentrum der europäischen Politik, doch nicht jeder Kandidat hat dieselben Chancen auf eine rasche EU-Mitgliedschaft. Welche Länder könnten nun schneller vorankommen als die Ukraine?
06.05.2026 16:02
Lesezeit: 5 min
EU-Mitgliedschaft: Warum andere Länder schneller vorankommen als die Ukraine
Die EU-Erweiterung gewinnt an Tempo, doch während Island und Montenegro auf eine rasche EU-Mitgliedschaft hoffen können, muss die Ukraine trotz hoher politischer Priorität wohl länger warten (Foto: dpa) Foto: Lukas Coch

EU-Erweiterung nimmt Fahrt auf

Obwohl die Ukraine massiv auf eine EU-Mitgliedschaft drängt, muss das vom Krieg gezeichnete Land voraussichtlich deutlich länger warten, als es sich in Kiew erhofft. Die politische Dynamik in Europa spricht zwar für eine neue Erweiterungsrunde, doch der ukrainische Beitritt bleibt der schwierigste Fall.

Lange galt Montenegro, der kleine Staat auf dem Westbalkan, als wahrscheinlichster Kandidat für die nächste Aufnahme. Das Land könnte nach bisherigen Erwartungen im Jahr 2028 zum 28. Mitglied der Europäischen Union werden.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die Lage jedoch grundlegend verändert. Die Ukraine rückte in der Kandidatenliste schnell nach vorn, während Präsident Wolodymyr Selenskyj inzwischen eine EU-Mitgliedschaft bereits im Jahr 2027 fordert.

Neue Dynamik durch Russland und die USA

Auch Island könnte die Erweiterungsdebatte neu beleben. Die nordische Insel prüft eine Wiederaufnahme ihrer EU-Kandidatur und könnte nach Einschätzung von EU-Beamten deutlich schneller beitreten als viele andere Kandidaten.

Gemeinsam ist diesen Ländern, dass sie unter dem Dach der EU Schutz vor aggressiven Großmächten suchen. Russlands Vorgehen hat die Ukraine, Moldau und die Staaten des Westbalkans dazu gebracht, sich mit neuer Entschlossenheit auf die EU zuzubewegen.

Ähnliches gilt für Island. Das Land ist zwar Mitglied der NATO, verfügt jedoch über keine eigene Verteidigung und sieht sich in seiner arktischen Nachbarschaft mit wachsendem Druck konfrontiert.

In Island sorgt es für Unruhe, dass Präsident Donald Trump wiederholt Interesse an Grönland erkennen ließ. Auch der Scherz des designierten amerikanischen Botschafters, Island könne der 52. Bundesstaat der USA werden, wurde dort nicht als beruhigendes Signal wahrgenommen.

Brüssel sieht eine geopolitische Chance

In der EU werden die Beitrittswünsche als seltene Gelegenheit gesehen, die Union wirtschaftlich und geopolitisch zu stärken. Zugleich gibt es neuen Schwung für die Erweiterung, nachdem Viktor Orbán durch die ungarischen Wähler aus dem Amt gedrängt wurde.

Damit könnte ein zentrales Hindernis für die Beitrittsgespräche mit der Ukraine wegfallen. Bislang hatte Orbán den Beginn formeller Verhandlungen mit dem vom Krieg verwüsteten Land blockiert. Sobald Ungarns neuer Ministerpräsident Péter Magyar sein Amt übernimmt, rechnen Diplomaten und Beamte mit Bewegung. Erwartet wird, dass die EU dann alle sechs sogenannten Verhandlungscluster offiziell eröffnen kann.

Ukraine bleibt der schwierigste Kandidat

Der Beitritt der Ukraine bleibt dennoch besonders kompliziert. Der Krieg mit Russland wirft grundlegende Fragen auf, etwa nach den Grenzen des Landes und nach der langfristigen Tragfähigkeit seiner Staatsfinanzen.

Hinzu kommen anhaltende Korruptionsprobleme und ein großer Agrarsektor, der die EU-Kasse für Landwirtschaftssubventionen erheblich belasten könnte. Gerade diese Punkte machen den ukrainischen Beitritt politisch und finanziell sensibel.

Der Druck zugunsten der Ukraine ist jedoch enorm. Selenskyj hat für sein Land bereits ein klares Nein zur Mitgliedschaft im Verteidigungsbündnis NATO erhalten und verlangt nun den EU-Beitritt im Jahr 2027. In Brüssel hält diesen Zeitplan niemand für realistisch. Deshalb sucht der EU-Apparat nach Wegen, die Ukraine schon vor einem formellen Beitritt enger an die Union heranzuführen.

Schrittweise Annäherung statt schneller Beitritt

Nach Informationen von Børsen haben Deutschland und Frankreich erste lose Ideen für einen schrittweisen EU-Beitritt zirkulieren lassen. Beide Länder wissen, dass die Ukraine für die Umsetzung der notwendigen Reformen Jahre benötigen wird.

Deshalb sollen politische und wirtschaftliche Anreize auf dem Weg dafür sorgen, dass Kiew den Reformkurs beibehält. Mehrere Quellen erklärten gegenüber Børsen unter der Bedingung der Anonymität, dass es bislang noch keine konkreten Vorschläge zur Umsetzung gebe.

Zugleich liegen die Positionen der Mitgliedstaaten deutlich auseinander. Bundeskanzler Friedrich Merz hat Überlegungen erwähnt, der ukrainischen Regierung Zugang zu den Ratssitzungen der EU ohne Stimmrecht zu gewähren.

Ein EU-Beamter verweist zudem auf weitere Möglichkeiten. Die Ukraine könnte stärker in den EU-Binnenmarkt eingebunden werden, etwa im Energiebereich oder über physische Infrastruktur wie Bahnverbindungen zu Nachbarstaaten.

Reformtempo bereitet der EU Sorgen

Selenskyj lehnt jedoch alle Modelle ab, die wie eine dauerhafte Platzierung im Wartezimmer der EU wirken könnten. Auch die EU-Kommission steht solchen Konstruktionen skeptisch gegenüber. Die Kommission fürchtet, dass eine perspektivlose Zwischenlösung die Reformbereitschaft in der Ukraine schwächen könnte. Genau diese Reformen gelten jedoch als Voraussetzung für jeden späteren Beitritt.

Nach Informationen von Børsen stellt die Kommission bereits fest, dass das Reformtempo in der Ukraine deutlich nachgelassen hat. Diese Entwicklung sorgt in Brüssel für wachsende Sorge.

Erwartet wird, dass die ukrainische Mitgliedschaft beim EU-Gipfel in Brüssel im Juni zu einem zentralen Thema wird. Dort dürfte es vor allem darum gehen, wie die EU der Ukraine eine glaubwürdige Perspektive bietet, ohne falsche Erwartungen zu wecken.

Montenegro und Albanien kommen schneller voran

Andere Kandidaten bewegen sich deutlich schneller. Das gilt vor allem für Montenegro, aber auch für Albanien und Moldau, deren Reformprozesse aus Sicht der EU weniger stark durch Krieg und akute Sicherheitsrisiken belastet sind.

Die EU-Mitgliedstaaten haben bereits damit begonnen, einen sogenannten Beitrittsvertrag für Montenegro auszuarbeiten. Damit könnte das Land wie geplant im Jahr 2028 aufgenommen werden. Auch Albanien macht deutliche Fortschritte und setzt auf einen EU-Beitritt im Jahr 2030. In Brüssel gilt das Land als Kandidat, der seine Reformschritte zielgerichtet vorantreibt.

Mit Orbáns Abgang ist zudem der Weg frei, Beitrittsverhandlungen mit Moldau zu eröffnen. Wie die Ukraine stellte auch Moldau wenige Wochen nach der russischen Invasion im Jahr 2022 einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft.

Moldau profitiert vom hohen Reformtempo

Nach Einschätzung der EU-Kommission ist das Reformtempo in Moldau hoch. Das Land könnte daher deutlich schneller vorankommen als die Ukraine, obwohl auch Moldau unter starkem russischem Druck steht.

Für Brüssel ist Moldau geopolitisch besonders relevant. Das Land grenzt unmittelbar an die Ukraine und gilt als wichtiger Prüfstein dafür, wie glaubwürdig die europäische Erweiterungspolitik in der östlichen Nachbarschaft bleibt.

Gleichzeitig ist der moldauische Beitrittsprozess weniger komplex als der ukrainische. Die wirtschaftliche und institutionelle Anpassung bleibt anspruchsvoll, doch die Dimensionen sind deutlich kleiner.

Damit könnte Moldau in der Erweiterungsrunde eine zentrale Rolle spielen. Der politische Wille in Brüssel ist vorhanden, zumal ein schnellerer Fortschritt Moldaus auch als Signal an Russland verstanden werden dürfte.

Island könnte alle Kandidaten überholen

Dann ist da noch Island, das die gesamte Kandidatenreihe in kurzer Zeit überholen könnte. Im August hält die Regierung eine Volksabstimmung darüber ab, ob das Land seine Beitrittsverhandlungen mit der EU wieder aufnehmen soll. Nach Angaben mehrerer internationaler Medien dürfte die Abstimmung knapp ausfallen. Die Ja- und Nein-Stimmen liegen demnach nahezu gleichauf.

Stimmen die Isländer im August für eine Wiederaufnahme der Gespräche, könnte der Beitritt nach Einschätzung eines EU-Beamten „spielerisch leicht“ werden. Island hatte ursprünglich im Jahr 2009 nach der Finanzkrise einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt. Im Jahr 2013 legte das Land die Verhandlungen jedoch auf Eis. Seitdem ist Island wie Norwegen und Liechtenstein Teil des EU-Binnenmarkts für Waren, Dienstleistungen und Personen.

Fischereipolitik bleibt der zentrale Knackpunkt

Island nimmt zudem am Erasmus-Programm teil und erfüllt bereits einen großen Teil der EU-Gesetzgebung. Das würde einen späteren Beitritt deutlich erleichtern. Die EU-Kommission versucht bereits, Island mit Zusagen bei der Fischereipolitik entgegenzukommen. Gerade dieses Thema hatte frühere Beitrittsgespräche erheblich belastet.

EU-Fischereikommissar Costas Kadis erklärte gegenüber der Financial Times, die Kommission könne sich Ausnahmen bei der EU-Fischereipolitik vorstellen. Damit würde Brüssel eines der größten Hindernisse aus dem Weg räumen.

Für die EU eröffnet sich damit eine neue Erweiterungsphase. Während Island und Montenegro rasch vorankommen könnten, droht der Ukraine trotz hoher politischer Priorität eine deutlich längere Wartezeit.

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