Russland fährt Siegesparade wegen Drohnengefahr zurück
Ukrainische Drohnenangriffe zwingen Russland, die jährliche Siegesparade in Moskau deutlich kleiner ausfallen zu lassen. Zugleich hat der Kreml die Sicherheitsvorkehrungen rund um Präsident Wladimir Putin massiv verschärft. Der russische Staatschef fürchtet offenbar ein Attentat.
Traditionell wird der Rote Platz in Moskau am 9. Mai zur Bühne einer großen militärischen Machtdemonstration, wenn Russland seine jährliche Siegesparade abhält. In diesem Jahr soll die Veranstaltung jedoch in einem deutlich gedämpften Rahmen stattfinden. Für den Kreml ist das ein sichtbarer Einschnitt.
Auf dem Roten Platz werden weder schwere Kampfpanzer noch junge Kadetten zu sehen sein. Stattdessen soll die Feier mit einem Überflug russischer Vorführungsflugzeuge und Kampfflugzeuge markiert werden, wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte. Damit bricht Moskau mit einer Tradition, die jahrelang zur politischen Inszenierung des Landes gehörte.
Nach Angaben von Kremlsprecher Dmitri Peskow ist ukrainische "Terroraktivität" der Grund für die Einschränkungen. In den vergangenen Wochen haben ukrainische Angriffe den Druck auf Russland erhöht. Zugleich hat Moskau die Sicherheitsvorkehrungen rund um Putin deutlich ausgeweitet.
Ein schwerer Rückschlag für den Kreml
Putin hat den 9. Mai jahrelang genutzt, um Russlands militärische Stärke öffentlich zu inszenieren. Im vergangenen Jahr, als Russland den 80. Jahrestag des sowjetischen Sieges über das nationalsozialistische Deutschland von 1945 beging, nahmen mehr als 180 Militärfahrzeuge an der Parade teil. Unter den Gästen war damals auch Chinas Präsident Xi Jinping.
Für Moskau war die Veranstaltung damit nicht nur eine militärische Demonstration, sondern auch ein politisches Signal an das Ausland. Die Parade sollte Stärke, Bündnisfähigkeit und historische Kontinuität vermitteln. Seit 2022 erfüllt sie zudem eine innenpolitische Funktion.
Die Parade soll den Krieg gegen die Ukraine gegenüber der russischen Bevölkerung rechtfertigen und den Eindruck vermitteln, Russland führe einen historischen Abwehrkampf. Diese Erzählung ist für den Kreml zentral. Sie knüpft an die offizielle Darstellung an, mit der Moskau den Angriff auf die Ukraine begründet.
Der Kreml behauptet, die Regierung in Kiew sei von Nazis gekapert worden und stelle eine existenzielle Bedrohung für Russland dar. Diese Darstellung ist seit Beginn des Krieges ein Kernstück der russischen Propaganda. Gerade deshalb besitzt der Siegestag für Putin hohe politische Bedeutung.
Der Siegestag als Prestigeprojekt
Für Putin ist der Siegestag ein zentrales Prestigeprojekt, sagt Mette Skak, emeritierte Lektorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Aarhus. Russland wirke nun "ziemlich zerzaust", erklärt sie. Der Rückzug bei der Parade trifft damit auch das politische Selbstbild des Kreml.
"Es ist ein schwerer Rückschlag, dass Russland aufgrund der ukrainischen Drohnenangriffe gezwungen ist, die Show dieses Mal erheblich herunterzufahren", sagt Skak. Die Aussage verweist auf den symbolischen Schaden, den Moskau nun begrenzen muss. Für den Kreml geht es damit nicht nur um Sicherheit, sondern auch um politische Autorität.
Die Entscheidung deutet darauf hin, dass die Ukraine Russland so stark unter Druck setzt, dass der Kreml um die Sicherheit während der Parade fürchtet. Putin hatte in der vergangenen Woche eine 24-stündige Waffenruhe vorgeschlagen, die am 9. Mai in Kraft treten sollte. Kiew lehnte den Vorschlag ab.
Die Ukraine verwies darauf, dass eine längere Waffenruhe nötig sei. Kiew sieht in dem Angebot vor allem den Versuch Moskaus, die Feierlichkeiten ohne Zwischenfälle abhalten zu können. Der politische Nutzen einer kurzen Feuerpause wäre damit vor allem beim Kreml gelegen.
Ukrainische Angriffe setzen Russland unter Druck
"Sie haben kein Geld für militärische Ausrüstung, und sie fürchten, dass Drohnen über den Roten Platz schwärmen werden", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Montag bei einem europäischen Gipfeltreffen in Armenien. "Das ist aussagekräftig. Es zeigt, dass sie jetzt nicht stark sind", fügte Selenskyj hinzu.
In den vergangenen Wochen hat die Ukraine mehrere Drohnenangriffe mit großer Reichweite tief auf russisches Staatsgebiet ausgeführt. Die Ziele scheinen vor allem russische Ölanlagen zu sein. Damit erhöht Kiew den Druck auf Infrastruktur, die für Russlands Kriegswirtschaft wichtig ist.
Viermal trafen ukrainische Drohnen eine Raffinerie in der Stadt Tuapse am Schwarzen Meer. Der Standort gilt als wichtiger Ölknotenpunkt für Russland. Die Angriffe verursachten Ölverschmutzungen und einen großen Brand, bei dem schwarze Rauchwolken und giftige Dämpfe aufstiegen.
Ein weiterer Angriff traf eine Ölpumpstation in der Region Perm, rund 1.500 Kilometer von der Ukraine entfernt. Nach Angaben der Denkfabrik Institute for the Study of War wurden rund 70 Prozent der Anlage sowie sämtliche Tanks zerstört. Der Betrieb wurde demnach auf unbestimmte Zeit außer Kraft gesetzt.
Russlands Luftabwehr gerät unter Druck
Für Russland ist dies ein weiterer Hinweis darauf, dass kritische Infrastruktur auch weit im Landesinneren nicht mehr sicher ist. Nach Einschätzung des ISW haben die ukrainischen Angriffe "Russlands traditionelle Luftabwehr ausgedünnt und das Land gezwungen, schwierige Entscheidungen darüber zu treffen, wo Luftabwehrressourcen stationiert werden sollen". Diese Lage verschärft den Druck auf Moskaus Sicherheitsplanung.
Die Denkfabrik berichtet außerdem, russische Kräfte verlegten ein großes Luftabwehrsystem nach Moskau. Ziel sei es, die Siegesparade auf dem Roten Platz zu schützen. Damit bindet die Verteidigung der Hauptstadt Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen könnten.
"Was Putin im Augenblick antreibt, ist seine Angst um seine persönliche Sicherheit", sagt Mette Skak von der Universität Aarhus. Die Einschätzung verweist auf eine politische Lage, in der militärischer Druck und persönliche Bedrohungswahrnehmung zunehmend zusammenfallen. Der Schutz des Präsidenten wird damit selbst zu einem politischen Signal.
Wie exponiert Moskau inzwischen ist, zeigte ein weiterer Angriff in der Nacht zum Montag. Eine Drohne traf einen Komplex mit Luxuswohnungen im Zentrum der russischen Hauptstadt. Der Einschlag erfolgte nur wenige Kilometer von der Kremlfestung, dem Verteidigungsministerium und dem Roten Platz entfernt.
Putin zieht sich zunehmend zurück
Offiziell ist nicht bestätigt, dass die Ukraine hinter dem Angriff steht. Nach Angaben von The Kyiv Independent scheint es sich jedoch um einen der Angriffe zu handeln, die während des vier Jahre andauernden Krieges am tiefsten in Moskau selbst vorgedrungen sind. Der Vorfall erhöht den Druck auf die russischen Sicherheitsbehörden.
Nicht nur ein möglicher Drohnenangriff auf die Parade bereitet dem Kreml Sorgen. Nach europäischen Geheimdienstinformationen, die Financial Times und CNN eingesehen haben, verbringt Putin immer mehr Zeit isoliert in unterirdischen Bunkern. Der russische Präsident schirmt sich demnach stärker ab als früher.
Putin zeigt sich laut diesen Informationen seltener in der Öffentlichkeit. Auch seine Residenzen in Moskau und der Umgebung besucht er nur noch selten. Das Bild eines politisch unangreifbaren Präsidenten wird dadurch zunehmend schwerer aufrechtzuerhalten.
Die Furcht vor einem Putsch oder einem Attentat hat im Kreml offenbar zugenommen. Nach Angaben der Geheimdienste hat Russland die Sicherheitsmaßnahmen rund um den Präsidenten deutlich verschärft. Der Schutz Putins ist damit zu einem zentralen Anliegen des Machtapparats geworden.
Der Sicherheitsapparat schottet Putin ab
Köche, Fotografen und Sicherheitsleute, die für Putin arbeiten, dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Personen aus seinem inneren Kreis dürfen in seiner Gegenwart keine Telefone mit Internetzugang verwenden. Die Maßnahmen zeigen, wie stark das Misstrauen im Umfeld des Präsidenten gewachsen ist.
"Was Putin im Augenblick antreibt, ist seine Angst um seine persönliche Sicherheit. Er fürchtet auch, persönlich von ukrainischen Drohnen getroffen werden zu können", sagt Skak. Nach Angaben der Geheimdienste verschärfte der Kreml die Sicherheitsmaßnahmen nach der Tötung eines russischen Spitzengenerals im Dezember.
Der Vorfall hat die Nervosität im Machtapparat offenbar weiter erhöht. Im selben Zeitraum haben die USA ohne größere Schwierigkeiten den inzwischen ehemaligen iranischen Ajatollah Ali Khamenei liquidiert und Venezuelas Präsident Nicolás Maduro gefangen genommen. Diese Entwicklungen dürften im Kreml aufmerksam registriert worden sein.
Putin fürchte nun, ein ähnliches Schicksal könne auch ihn treffen, erklärt Skak. "Im Augenblick verschanzt er sich sehr stark", sagt sie. Damit wird die militärische Schwäche Russlands zunehmend auch zu einer Frage der persönlichen Sicherheit des Präsidenten.
