Politik

Druschba-Pipeline als Druckmittel: Russland stoppt Öltransport

Russlands Eingriff in die Öllieferungen über die Druschba-Pipeline setzt die Raffinerie in Schwedt erneut unter politischen Druck. Wie verwundbar bleibt Deutschlands Energieversorgung, solange wichtige Lieferwege weiter durch russisch kontrollierte Infrastruktur führen?
30.04.2026 08:21
Aktualisiert: 30.04.2026 09:21
Lesezeit: 4 min
Druschba-Pipeline als Druckmittel: Russland stoppt Öltransport
Russlands Zugriff auf zentrale Öltransporte zeigt, wie Energieinfrastruktur im Ukrainekrieg zum Druckmittel gegen Deutschland und Europa wird (Foto: dpa) Foto: Alexander Kazakov

Russland schadet sich mit Ölblockade selbst

Russland will ab dem 1. Mai den Transport kasachischen Öls zu einer wichtigen deutschen Raffinerie stoppen. Für die Anlage in Schwedt geht es um 17 Prozent ihrer Versorgung und damit um einen spürbaren Teil der Lieferbasis.

Berlin droht damit eine empfindliche Schwächung der Energieversorgung. Betroffen ist eine Pipeline, die Öl zu einer Raffinerie nordöstlich der Hauptstadt bringt und für Brandenburg, Berlin sowie den Hauptstadtflughafen eine zentrale Rolle spielt. Der Schritt folgt einem bekannten Muster.

Russland nutzt Energieexporte erneut als politisches Druckmittel gegen Europa. Nach Einschätzung des Russlandexperten Flemming Splidsboel Hansen dürfte diese Strategie am Ende jedoch vor allem Moskau selbst schaden. „Für die EU insgesamt wird das nur den Weg weg von russischer Energie beschleunigen“, sagt Flemming Splidsboel Hansen. Er ist Seniorforscher am Dänischen Institut für Internationale Studien.

Druschba-Pipeline bleibt zentraler Versorgungsweg

Die 4000 Kilometer lange Druschba-Pipeline, auf Deutsch Freundschaftspipeline, wurde in den 1960er-Jahren von der Sowjetunion gebaut. Sie verzweigt sich von Russland aus in große Teile Ost- und Mitteleuropas.

Über den nördlichen Strang gelangt Öl aus Kasachstan durch Russland, Belarus und Polen bis zur deutschen Grenzstadt Schwedt. Dort steht die PCK-Raffinerie, die 90 Prozent des Benzins, Petroleums und Heizöls für Brandenburg, Berlin und den Berliner Flughafen liefert.

„Putin trifft dumme Entscheidungen, das müssen wir im Blick behalten“, sagt Flemming Splidsboel Hansen. Ab dem 1. Mai soll nach Anweisung des russischen Energieministeriums jedoch kein kasachisches Öl mehr in Schwedt ankommen. Das deutsche Wirtschafts- und Energieministerium bestätigte den Vorgang gegenüber der Deutschen Welle. Zuvor hatten Reuters und die Financial Times über den geplanten Ölstopp berichtet.

Schwedt verliert einen wichtigen Teil seiner Ölversorgung

Nach Berechnungen von Reuters würde die Blockade dazu führen, dass die PCK-Raffinerie 17 Prozent ihrer gesamten Ölversorgung verliert. Für die Region ist das politisch und wirtschaftlich sensibel, da Schwedt seit Jahren als kritischer Standort der ostdeutschen Energieversorgung gilt.

Dieselbe Pipeline hatte zu Jahresbeginn bereits eine Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Ungarn ausgelöst. Nach einem russischen Drohnenangriff waren Lieferungen nach Ungarn und in die Slowakei unterbrochen worden.

Ungarn blockierte daraufhin ein Darlehen über 90 Milliarden Euro für die Ukraine. Inzwischen wurde die Pipeline repariert und das Darlehen bewilligt. Die PCK-Raffinerie in Schwedt spielte auch zuvor eine wichtige Rolle im energiepolitischen Machtgefüge des Ukrainekriegs. Mehrheitseigner ist weiterhin der staatliche russische Ölkonzern Rosneft.

Rosneft bleibt an der deutschen Raffinerie beteiligt

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 übernahm der deutsche Staat die Kontrolle über PCK. Aus Sorge vor möglichen Gegenmaßnahmen Moskaus wurde die Raffinerie jedoch nicht enteignet. Rosneft hält deshalb weiterhin 54 Prozent an PCK. Vor dem Krieg wurde die Raffinerie nahezu vollständig mit russischem Öl versorgt, seit 2023 übernahm Kasachstan diese Lieferrolle.

Diese Ersatzlösung erweist sich nun als verwundbar. Nach Quellen der Financial Times kam sie sogar auf Betreiben des Kremls zustande, der seinen Einfluss auf die Raffinerie erhalten wollte, bis Russland möglicherweise wieder direkten Zugriff bekommt.

Nach Angaben von Reuters exportierte Kasachstan im Jahr 2025 mehr als 2 Millionen Tonnen Öl über die russische Druschba-Pipeline nach Deutschland. Das entspricht 43.000 Barrel pro Tag.

Kasachisches Öl wird zum Hebel gegen Deutschland

Nun nutzt Putin die Kontrolle über die Ölroute, um Druck auf Europas größte Volkswirtschaft auszuüben. Für Flemming Splidsboel Hansen passt dies zu einem wiederkehrenden Muster russischer Politik. „Putins intuitiver Zugang zur Politik besteht darin, zu eskalieren. Andere unter Druck zu setzen, zu bedrohen und zu bestrafen“, sagt Hansen.

Seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine im Februar 2022 arbeitet die EU daran, ihre Abhängigkeit von russischer Energie zu beenden. Ziel ist ein vollständiger Stopp der Importe von russischem Öl und Gas bis Ende 2027.

Dennoch importierten die EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2025 russisches Öl, Gas und Kohle im Wert von rund 17 Milliarden Euro. Das zeigt, wie groß die verbliebenen Abhängigkeiten trotz politischer Ausstiegsbeschlüsse weiterhin sind.

Europas Ausstieg aus russischer Energie gewinnt an Tempo

Flemming Splidsboel Hansen sieht im Stopp des kasachischen Öls deshalb einen Weckruf für europäische Politiker. Der Vorgang dürfte die Entscheidung festigen, sich vollständig von russischen Energieimporten zu lösen. „Das kann es Politikern leichter machen, zu akzeptieren, dass Unabhängigkeit einen wirtschaftlichen Preis haben wird“, sagt Hansen. Zugleich nimmt der wirtschaftliche Druck auf den Kreml weiter zu.

Am 24. April gab die EU grünes Licht für ein großes Darlehen über 90 Milliarden Euro an die Ukraine. Gleichzeitig beschlossen die Mitgliedstaaten das 20. Sanktionspaket gegen Russland. „Russland steht unter Druck und steht schon seit langer Zeit unter Druck. Die Stimmung ist eine völlig andere“, sagt Flemming Splidsboel Hansen.

Moskaus Energiepolitik verliert an Wirkung

Die Entwicklung zeigt dennoch, dass der Kreml auch vier Jahre nach Kriegsbeginn weiterhin wichtige Energieinfrastruktur als geopolitisches Druckmittel einsetzen kann. Bereits 2022 stoppte Russland die Gaslieferungen durch Nord Stream 1, die über die Ostsee nach Deutschland führten.

Nach Einschätzung von Flemming Splidsboel Hansen erreicht diese Strategie jedoch nicht das gewünschte Ziel. Russland mag andere Abnehmer für sein Öl gefunden haben, doch ohne die früheren Einnahmen aus Europa verschlechtert sich die wirtschaftliche Position des Landes.

„Putin trifft dumme Entscheidungen, das müssen wir im Blick behalten. Also nein, es funktioniert nicht. Russland verdient heute weniger an seinem Öl als vor der großangelegten Invasion. Daher ist klar, dass es eine dumme Politik ist“, sagt Hansen.

Auf die Frage, ob ihn die Fortsetzung dieser Politik überrasche, antwortet Hansen entschieden. „Nein, denn das ist Putins intuitiver Zugang zur Politik. Zu bestrafen und zu eskalieren. Er kann nicht anders, so denkt er.“

Schwedt zeigt Deutschlands verwundbare Energiearchitektur

Für Deutschland zeigt der Fall Schwedt, wie stark einzelne Regionen trotz der Abkehr von Russland noch immer von alten Energieverbindungen abhängig sind. Besonders Berlin, Brandenburg und der Hauptstadtflughafen bleiben auf stabile Raffineriekapazitäten angewiesen.

Der mögliche Ausfall kasachischer Lieferungen über russisches Gebiet macht deutlich, dass Versorgungssicherheit nicht nur von neuen Lieferanten abhängt. Entscheidend sind auch Transportwege, Eigentumsstrukturen und politische Risiken entlang der gesamten Energieinfrastruktur.

Für die deutsche Energiepolitik erhöht sich damit der Druck, Raffinerien, Pipelines und alternative Importwege widerstandsfähiger aufzustellen. Schwedt zeigt, dass der Bruch mit russischer Energie nicht allein durch neue Verträge gelingt, sondern durch belastbare Strukturen abgesichert werden muss.

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