Einzelhandel - leere Innenstädte und leere Kassen
Die wirtschaftliche Lage im Land spitzt sich zu. Laut einer aktuellen Umfrage des ifo-Instituts bangen derzeit 8,1 Prozent der befragten Unternehmen um ihre Existenz. Besonders hart trifft es das Gastgewerbe - hier blickt fast jeder fünfte Betrieb in eine ungewisse Zukunft. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Krise für viele Unternehmer längst kein theoretisches Szenario mehr ist, sondern harte Realität in den täglichen Bilanzen. Ausgelöst wird diese Entwicklung durch eine Kombination aus stark gestiegenen Betriebs- und Energiekosten sowie einer spürbaren Kaufzurückhaltung der Kunden. Um die Liquidität zu sichern, reagieren viele Betriebe bereits mit dem Aufschub von Investitionen und einem konsequenten Einstellungsstopp.
Auch der Einzelhandel schlägt Alarm. Laut ifo-Institut fürchten 17,4 Prozent der Händler um ihre Existenz. Neben dem Druck durch internationale Online-Giganten wie Temu und Shein kämpft der stationäre Handel vor allem mit der spürbaren Kaufzurückhaltung. Ifo-Experte Klaus Wohlrabe bringt es auf den Punkt: Wenn die Fixkosten im Alltag der Menschen – wie die Tankrechnung – steigen, bleibt am Ende des Monats weniger Budget für den klassischen Einkauf im Laden übrig.
Der Wandel unserer Innenstädte ist unübersehbar geworden. Leerstehende Schaufenster und permanente Rabattaktionen prägen das Bild – eine lokale Krise, die längst das ganze Land erfasst hat. Doch abseits der nackten Zahlen im Frühjahr 2026 ist es oft ein einziges Zitat aus der Praxis, das die Situation auf den Punkt bringt: „Da war Corona nichts dagegen.“ Dieser Satz zeigt eindringlich, wie tief die Verunsicherung und der wirtschaftliche Druck bei den Betroffenen mittlerweile sitzen.
Auch der Dienstleistungssektor und die Industrie sind unter Druck
Die Krise erreicht nun auch die Dienstleistungsbranche mit voller Wucht. In der Werbe- und Marktforschung bangen bereits 14,3 Prozent der Unternehmen um ihre Existenz. Noch dramatischer ist die Lage bei Zeitarbeitsfirmen und Personalagenturen: Hier blickt mehr als jeder fünfte Betrieb in eine ungewisse Zukunft. Weil Kunden ihre Budgets einfrieren und Aufträge ausbleiben, gerät der gesamte Arbeitsmarkt unter Druck. Ein deutliches Warnsignal für die Dynamik unserer Wirtschaft.
Die Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt verändern sich rasant. Ifo-Experte Klaus Wohlrabe warnt vor allem vor den Folgen der Automatisierung: Jobs, die stark durch KI ersetzt werden können, stehen vor einer besonders schwierigen Phase. Zwar wirken die Zahlen in der Industrie und im Baugewerbe mit 7 bis 9 Prozent existenzgefährdeten Betrieben etwas niedriger, doch die Realität ist auch hier hart. Steigende Energie- und Rohstoffpreise, internationale Konkurrenz, gestörte Lieferketten und eine spürbare Zurückhaltung bei den Banken erzeugen einen enormen Druck auf die Unternehmen.
Die Chefin des Maschinenbauers Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, spricht von einem „perfekten Sturm“, der über die Wirtschaft hinwegfegt. Hohe Zinsen, Inflation und Rezessionssorgen treffen auf explodierende Energiepreise und massiven Exportdruck aus China. Wenn dann noch gewohnte geopolitische Partnerschaften mit den USA wanken, stehen Familienunternehmen vor historischen Aufgaben. Es geht jetzt um nichts weniger als die Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts, so die Unternehmerin.
Viele Insolvenzen wären vermeidbar gewesen nach Experteneinschätzungen
Diese Frustration in der Wirtschaft kommt nicht von ungefähr, sie lässt sich mit handfesten Zahlen belegen. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden im Jahr 2024 insgesamt 21.812 Unternehmensinsolvenzen gemeldet – der höchste Stand seit fast einem Jahrzehnt. Doch die Kurve zeigt weiter nach oben: Im August 2025 lag die Zahl der Insolvenzen nochmals um 12,2 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats. Ein genauerer Blick auf die Branchen zeigt, wo der Druck am größten ist. Besonders hart trifft es den Bereich Verkehr und Lagerei mit 10,1 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Dicht dahinter folgen das Baugewerbe mit 8,9 und das ohnehin stark belastete Gastgewerbe mit 8,2 Fällen.
Die aktuelle Insolvenzwelle offenbart auch ein strukturelles Defizit beim Krisenmanagement in Unternehmen. Experten aus der Restrukturierungsberatung stellen regelmäßig fest, dass Gegenmaßnahmen oft zu spät eingeleitet werden. Laut dem Wirtschaftswissenschaftler Henning Werner von der EBS-Universität Oestrich-Winkel könnten Insolvenzen jedoch vermieden werden, wenn sich die verantwortlichen Organe frühzeitiger und konsequenter mit drohenden Schieflagen befasst hätten. Angesichts des branchenübergreifenden Drucks durch Auftragsrückgänge, Kostendruck und Bürokratie wird eine rechtzeitige strategische Anpassung zum entscheidenden Erfolgsfaktor für Zulieferer und Dienstleister.
Maschinenbau-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller beschreibt gegenüber dem Handelsblatt eindringlich, was diese Krise in der Praxis bedeutet. Betroffen sind vor allem kleine Firmen mit 20, 30 oder 100 Beschäftigten, die in der Bürokratie ersticken und ihr Geschäft nicht einfach ins Ausland verlagern können. Um zu überleben, müssten sie automatisieren – doch das erfordert enorm viel Kapital und bedeutet gleichzeitig, dass Menschen entlassen werden müssen. Viele Betriebe kommen laut der Trumpf-Chefin an den Rand ihrer Möglichkeiten. Sie warnt davor, dass wir dadurch unsere industrielle Basis und mit dem mittelständischen Unternehmertum den eigentlichen Kern Deutschlands verlieren. Diese Sorge deckt sich exakt mit den Befunden der aktuellen ifo-Konjunkturumfrage.
Noch besorgniserregender als die reinen Insolvenzzahlen ist ein struktureller Trend - immer mehr insolvente Unternehmen finden schlicht keinen Käufer mehr. Während vor vier Jahren noch zwei von drei insolventen Firmen gerettet werden konnten, ist es heute laut Daten der Unternehmensberatung Falkensteg deutlich weniger als die Hälfte. Falkensteg-Partner Jonas Eckhardt beschreibt eine besorgniserregende Entwicklung in der Praxis. In internationalen M&A-Prozessen spiegeln Investoren immer häufiger zurück, dass sie ganz grundsätzlich nicht mehr in Deutschland investieren wollen. Für viele Branchen bedeutet das ein hartes Urteil: Deutsche Unternehmen sind im globalen Wettbewerb um Kapital „einfach raus“.
Deutsche Wirtschaftspolitik als Ursache des Übels
Die Kritik von Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller an der politischen Führung ist unmissverständlich. Sie sieht es als die „verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Bundesregierung“, endlich eine tragfähige Strategie für das Land vorzulegen. Auch an der Oppositionsführung lässt sie kein gutes Haar: Friedrich Merz mache sich gegenüber der SPD zu klein, obwohl das Kräfteverhältnis eigentlich eine klarere Sprache spreche; das Tempo bei den Reformen müsse drastisch steigen. Rückendeckung gibt es von ihr dagegen für Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, der sie Mut und den Willen bescheinigt, die richtigen Themen voranzutreiben. Für populistische Maßnahmen wie den Tankrabatt, die Mietpreisbremse oder die Mütterrente hat die Unternehmerin im Interview nur ein Kopfschütteln übrig – das sei reine Gießkannenpolitik. Stattdessen fordert sie tiefgreifende strukturelle Reformen bei der Rente, der Digitalisierung und vor allem beim Thema Künstliche Intelligenz. Ihr aufrüttelnder Appell lautet: „KI, KI, KI! Wenn wir das nicht kapieren, sind wir weg.“
Die Warnsignale von außen wiegen schwer. Falkensteg-Partner Jonas Eckhardt beschreibt eine Stimmung unter internationalen Investoren, die weit über kurzfristige Konjunktursorgen hinausgeht: Deutschland wird nicht wegen eines schlechten Quartals gemieden, sondern aufgrund fundamentaler Standortbedenken. Wer heute keine Käufer mehr für insolvente Unternehmen findet, verliert weit mehr als nur einzelne Betriebe – es gehen industrielles Know-how, wichtige Arbeitsplätze und Steuereinnahmen unwiderruflich verloren. Trotz dieser ernsten Lage verfällt Nicola Leibinger-Kammüller nicht in Weltuntergangsstimmung. Die Trumpf-Chefin zieht eine klare Linie und bleibt optimistisch: Wir haben in der Vergangenheit oft bewiesen, dass wir Krisen meistern können, wenn wir bereit sind, uns allen etwas abzuverlangen. Die Zeit drängt zwar massiv, aber Aufgeben ist keine Option. Die unmissverständliche Botschaft aus Ditzingen lautet nun: Die Politik muss endlich liefern.
