Wirtschaft

Deutsche Wirtschaft im Alarmzustand: Fünf Daten zerlegen den Aufschwung

Deutschland steht wirtschaftlich schlechter da, als das schwache Wachstum vermuten lässt. Industrie, Konsum, Inflation und Arbeitsmarkt liefern neue Warnsignale, während die Bundesregierung ihre Reformen vertagt und der politische Druck auf Friedrich Merz wächst.
Autor
avtor
22.05.2026 15:30
Lesezeit: 3 min
Deutsche Wirtschaft im Alarmzustand: Fünf Daten zerlegen den Aufschwung
Friedrich Merz steht unter wachsendem Druck, da neue Konjunkturdaten die Schwäche der deutschen Wirtschaft sichtbar machen. (Foto: dpa | Michael Kappeler) Foto: Michael Kappeler

Deutsche Wirtschaft gerät unter Reformdruck

Eine schlechte Nachricht ist, dass die Zahl der Erwerbstätigen im ersten Quartal im Jahresvergleich um ganze 486.000 Personen gesunken ist. Das sind 100.000 mehr als im Durchschnitt der Jahre 2023 bis 2025, so unsere Kollegen von Finance.si.

Der Regierung von Friedrich Merz steht das Wasser bis zum Hals. Der großen Koalition aus CDU/CSU und SPD ist es weiterhin nicht gelungen, Reformen zu beschließen. Gleichzeitig gewinnt die AfD vor Ort an Boden und erreichte vor wenigen Tagen in Umfragen eine Rekordunterstützung von 29 Prozent. Die Union aus CDU/CSU fiel unterdessen auf 22 Prozent. Analysten warnen, dass Merz schon ein Jahr nach Amtsantritt die Zeit für Reformen davonläuft. Angesichts der neuen Eintrübung der wirtschaftlichen Lage sind auch vorgezogene Neuwahlen nicht mehr ausgeschlossen. Wie sieht die aktuelle Lage Deutschlands aus?

Das Handelsblatt berichtet am 21. Mai, dass die entscheidende Koalitionssitzung zu Reformen erst für den 30. Juni angesetzt wurde. Zuvor, am 10. Juni, soll ein Treffen mit Gewerkschaften und Arbeitgebern stattfinden. Die Koalition hatte eigentlich versprochen, ein umfassendes Reformpaket noch vor der parlamentarischen Sommerpause, die am 10. Juli beginnt, in den Bundestag einzubringen. Es soll Einkommensteuer, Arbeitsmarkt, Renten und Bürokratieabbau umfassen.

Erstens das Bruttoinlandsprodukt. Die deutsche Wirtschaft ist nach erster Schätzung des Statistischen Bundesamts im ersten Quartal dieses Jahres real um 0,3 Prozent gegenüber dem letzten Quartal des Vorjahres gewachsen. Das lag über den Erwartungen. Haupttreiber des Wachstums waren privater und staatlicher Konsum sowie Exporte.

Am 15. Mai teilte das deutsche Wirtschaftsministerium mit, dass es eine "deutliche Verlangsamung der Wirtschaft" erwartet. Preissteigerungen, Probleme in den Lieferketten und Unsicherheit belasteten die Stimmung von Unternehmen und privaten Haushalten, hieß es. Auch nach einer Beruhigung der Lage an den Energie-, Rohstoff- und Finanzmärkten beziehungsweise nach dem Ende des Iran-Krieges und der Freigabe von Handelsrouten erwartet das Ministerium, dass "die Folgen bei Energie- und Rohstoffpreisen sowie in den Lieferketten wahrscheinlich noch längere Zeit spürbar bleiben".

Deutsche Wirtschaft leidet unter Industrie und schwachen Dienstleistungen

Zweitens die Industrieproduktion und die Dienstleistungen. Die Industrieproduktion ging im März bereits den vierten Monat in Folge zurück, obwohl Analysten einen Anstieg erwartet hatten. Sowohl Aufträge als auch Industrieproduktion sanken im ersten Quartal. Auch die neuesten Stimmungsindikatoren für das zweite Quartal deuten nicht auf eine Erholung hin.

Destatis veröffentlichte zudem eine noch besorgniserregendere Zahl. Die Produktion in energieintensiven Industriezweigen ging von Februar 2022 bis März dieses Jahres um ganze 15,2 Prozent zurück. In der gesamten Industrie betrug der Rückgang 9,5 Prozent. In den energieintensiven Industriezweigen sank die Zahl der Beschäftigten in diesem Zeitraum um 53.200.

Die Chancen auf eine wirtschaftliche Erholung wurden auch durch Daten aus dem Dienstleistungssektor geschmälert. Der endgültige HCOB-Einkaufsmanagerindex für den deutschen Dienstleistungssektor fiel im April so stark wie zuletzt im November 2022 und rutschte unter die Marke von 50 Punkten, die noch Wachstum der Aktivität signalisiert. Der Index sank von 50,9 Punkten im März auf 46,9 Punkte. Unternehmen nannten die Folgen des Krieges und die anhaltende Unsicherheit als Grund für den Rückgang neuer Aufträge. Die neuen Aufträge gingen bereits den zweiten Monat in Folge zurück. Dabei fiel der Rückgang so stark aus wie seit Januar 2024 nicht mehr.

Drittens der Einzelhandel. Die preisbereinigten Umsätze im Einzelhandel, saisonbereinigt und ohne Kraftfahrzeuge, gingen im März nach oben korrigierten Daten um 0,8 Prozent gegenüber Februar zurück. Gegenüber März des Vorjahres sanken die Einzelhandelsumsätze um 0,7 Prozent. Die Erzeugerpreise ohne Energie stiegen im April im Jahresvergleich um 1,7 Prozent und gegenüber März um 0,7 Prozent, berichtete Destatis. Die Neuzulassungen von Pkw bei privaten Käufern stagnierten im April gegenüber März. Im Dreimonatsvergleich gingen sie um 0,3 Prozent zurück. "Die Stimmung unter den Verbrauchern hat sich zuletzt wieder deutlich verschlechtert und deutet auf eine ausgeprägte Eintrübung im zweiten Quartal 2026 hin", prognostiziert das Wirtschaftsministerium.

Deutsche Wirtschaft spürt Inflation und Druck am Arbeitsmarkt

Viertens die Inflation. Die Inflation stieg im April auf 2,9 Prozent und lag damit wieder höher als im März. Der Preisanstieg ist vor allem Folge eines begrenzten Angebots durch den Krieg im Nahen Osten und der daraus resultierenden Energiepreisinflation. Energie verteuerte sich um 10,1 Prozent. "Auch in den kommenden Monaten dürfte der Anstieg der Energiepreise wahrscheinlich der wichtigste Inflationstreiber bleiben, wobei die vorübergehende Senkung der Verbrauchsteuern auf Kraftstoffe dämpfend wirkt", prognostiziert das Bundeswirtschaftsministerium.

Fünftens der Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbstätigen ging im März nach saisonbereinigten Daten erneut zurück. Auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nahm im Februar ab. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit im April leicht. "Aufgrund der schwachen Nachfrage nach Arbeitskräften und der großen Unsicherheit ist auch im zweiten Quartal keine Erholung des Arbeitsmarkts zu erwarten", schreibt das Wirtschaftsministerium.

Die schockierende Zahl von Destatis lautet, dass die Zahl der Erwerbstätigen im ersten Quartal ohne saisonale Bereinigung im Jahresvergleich um ganze 486.000 Personen beziehungsweise 1,1 Prozent sank. Im Durchschnitt waren im ersten Quartal in Deutschland 45,6 Millionen Menschen erwerbstätig. "Obwohl der Rückgang der Erwerbstätigkeit im ersten Quartal eines Jahres saisonal üblich ist, fiel der Rückgang zu Jahresbeginn 2026 um mehr als 100.000 Personen stärker aus als im Durchschnitt der Jahre 2023 bis 2025", hieß es.

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Petra Sovdat

Zum Autor:

Petra Sovdat ist erfahrene Journalistin und Kommentatorin bei Finance.si, einem slowenischen Wirtschaftsmedium.

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