Wirtschaft

China-Abhängigkeit wird zur Falle für Europas Industrie

Europa will sich von China lösen und merkt nun, wie tief die eigene Industrie längst verstrickt ist. Brüssel setzt auf Härte, doch fehlende Ersatzlieferanten, teure Energie und schwache Wettbewerbsfähigkeit treffen vor allem Autobauer und Zulieferer. Für Deutschland und kleinere Länder wie Slowenien wird daraus ein Test, ob Europas Industriepolitik noch Realitätssinn besitzt.
28.05.2026 16:01
Lesezeit: 4 min

China-Abhängigkeit wird zur Belastungsprobe für Europas Industrie

Europa muss seine Wettbewerbsfähigkeit steigern und seine China-Abhängigkeit verringern. Am besten wäre es, dies schnell und in genau dieser Reihenfolge zu tun. Europa ist jedoch langsam und hat die Reihenfolge umgedreht. Was bedeutet das? Das fragen sich unsere Kollegen von Finance.si.

Zunächst einmal: Das europäische Produkt ist teuer und, um ehrlich zu sein, technologisch nicht unbedingt das beste. Insbesondere das europäische Produkt hat eine schlechte Prognose: In fünf Jahren wird es teuer und technologisch wirklich rückständig sein. Europa leidet unter zu hohen Energiekosten, erdrückender Bürokratie und übermäßiger Regulierung sowie einem überaus großzügigen Sozialstaat. Dies belastet nicht nur den laufenden Geschäftsbetrieb von Unternehmen, sondern stellt auch ein Hindernis für deren zukünftige Entwicklung dar. Die Kapitaleigentümer – die Investoren – wollen Gewinne erzielen, sonst wandern sie ab. Europa hinkt im Bereich der künstlichen Intelligenz hinterher, es gibt keine Tech-Giganten, die Investitionen sind zu gering. Von Northvolt bis hin zu grünem Stahl scheitert das Land. Bahnbrechende Projekte kommen aus China oder den USA. Die Batterie , die in fünf Minuten geladen ist, stammt nicht aus Deutschland.

Zweitens: Das europäische Produkt ist teuer, obwohl es zu einem erheblichen Teil aus billigen chinesischen Bauteilen besteht. Wie passt das alles zusammen? Schlecht für Europa.

Exodus aus der deutschen Autoindustrie

Was wir heute in der deutschen Autoindustrie sehen, ist keine Umstrukturierung. Was wir heute in der deutschen Autoindustrie sehen, ist im schwärzesten Szenario ein Aufgeben Europas. Der Industriegigant und größte Hersteller von Autoteilen Bosch wird bis 2030 allein im Automobilbereich in Deutschland 22.000 Menschen entlassen. Volkswagen 50.000. Porsche hat gerade wieder die Produktion im Werk Zuffenhausen gestoppt. Das ist nicht das erste Mal. Allein im Mai geschah es erneut. Der elektrische Taycan verkauft sich nicht, und überhaupt verkauft sich Porsche in China und in den USA nicht.

Deutschland hat seit 2019 in der Industrie 350.000 bis 400.000 Arbeitsplätze verloren. Es hängt davon ab, welche Untersuchung man heranzieht. Das bedeutet, dass eine von 17 Stellen verloren ging. Am schlimmsten ist die Lage gerade bei den Autos. Seit 2019 gingen dort 126.000 Arbeitsplätze verloren. Allein in einem Jahr waren es 32.000. Das ist so viel, als würde man in einem Jahr eine ganze Gemeinde von der Größe Nova Goricas auslöschen.

In Deutschland liegt auch das Epizentrum des chinesischen Schocks. Die Industrieproduktion sinkt seit Jahren und liegt nun sechs Prozent unter dem Niveau von 2019. Besonders schrumpfen jene Industrien, die mit China konkurrieren, vor allem die Autoindustrie und die Chemieindustrie. Deutschlands Exporte nach China gehen zurück. In Europa aber kaufen alle chinesisch, denn es ist billig und gut genug. Deutschland hat seine China-Exponierung mehr als zwei Jahrzehnte lang gefährlich erhöht. Es war mit dramatischem Abstand der größte Investor in China. Dass China gerade für Deutschland das größte Geschäftsrisiko ist, besonders für die Autoindustrie, davor wird seit Jahren gewarnt.

Die chinesische Nachfrage nach deutschen Produkten ist schwach. Ganz anders ist es in die andere Richtung. Chinesische Unternehmen haben die Konkurrenz technologisch eingeholt, werden aber weiterhin stark vom chinesischen Staat mit verschiedenen Subventionen, günstigen Krediten und billigem Land unterstützt. Das ermöglicht ihnen, niedrige Produktionskosten zu halten. Außerdem ist der Yuan um 15 bis 30 Prozent unterbewertet. So können uns die Chinesen mit billigen Produkten weiter und immer stärker überschwemmen, mit Stahl oder mit Autos. Und mit allem dazwischen.

"Das Risiko besteht darin, dass sich die weltweite Autoproduktion, gefolgt vom Maschinenbau, sauberen Technologien, Robotik, Raumfahrtindustrie und Halbleitern, vollständig in China konzentrieren wird. So werden Forschung und Entwicklung in Deutschland verschwinden. Gleichzeitig wird China, das bis 2030 voraussichtlich 40 Prozent der weltweiten Industrieproduktion ausmachen wird, zwangsläufig weitere Engpässe schaffen, wie es bei seltenen Erden der Fall ist. Deutschland sollte deshalb im eigenen Interesse die EU dabei unterstützen, eine entschiedenere Haltung gegenüber China einzunehmen", warnen die beiden Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser.

In Ordnung. Aber was bedeutet das?

China-Abhängigkeit und die widersprüchliche EU-Politik

Europa will China abschneiden, zugleich ist China unser ausgezeichneter und freundlicher Handelspartner. Was denn nun? Im vergangenen Herbst übernahm die niederländische Regierung die Verwaltungskontrolle über Nexperia, einen niederländischen Hersteller von Chips für Autos, der sich in chinesischem Besitz befindet. Das Unternehmen wurde zwar nicht verstaatlicht. Der Eingriff bedeutete jedoch, dass der chinesische Eigentümer keinen Zugang mehr hatte.

China reagierte sofort und verbot den Export von Chips aus den chinesischen Fabriken von Nexperia nach Europa. Das bedeutete, dass europäische Autohersteller auf dem Trockenen saßen. Der Konflikt um Nexperia ruht zwar, verschwunden ist er aber nicht. Europäische Autohersteller passten sich an, indem sie neben Nexperia einen zusätzlichen Lieferanten fanden. Natürlich wieder einen chinesischen. Yangzhou Yangjie Electronic. Das war weder einfach noch billig.

Die Europäische Kommission verbot diesen Lieferanten Ende April dieses Jahres jedoch eiskalt. Das chinesische Unternehmen landete nämlich im 20. Sanktionspaket gegen Russland. Die EU-Kommission hatte keine Ahnung, was ihre Maßnahme bedeutet. Europäische Autohersteller saßen erneut auf dem Trockenen, ohne Chips. Nachdem die Politik den Schaden bereits angerichtet hatte, begannen die Warnungen vor den Problemen. Die Europäische Kommission trat so vor einigen Tagen als Retterin eines Problems auf, das es ohne sie gar nicht gäbe. Die Politik schlägt vor, die Umsetzung der Sanktionen gegen dieses Unternehmen um neun Monate zu verschieben. Damit klar ist, wie Bürokratie funktioniert. Den Vorschlag der Kommission zur Verschiebung, also den Vorschlag, eine schädliche Maßnahme zu beseitigen, müssen noch alle Staaten bestätigen.

Für Slowenien ist diese Lage besonders heikel. Das Land ist Teil der europäischen Lieferketten, verfügt aber nicht über die industrielle Marktmacht großer Volkswirtschaften. Wenn Lieferketten neu geordnet werden, können kleinere Unternehmen bei Aufträgen und Preisen in eine schwächere Position geraten. Sie müssen sich an neue politische Vorgaben halten, haben aber weniger Spielraum, alternative Lieferanten schnell, günstig und zuverlässig zu finden.

Für Deutschland ist der Vorgang ein Warnsignal. Die deutsche Autoindustrie steht im Zentrum der europäischen China-Abhängigkeit, zugleich hängen viele mittelständische Zulieferer in Deutschland, Österreich, Tschechien, Ungarn und Slowenien an denselben Lieferketten. Wenn Brüssel chinesische Anbieter ausschließt, ohne die Folgen für die Produktion zu prüfen, kann daraus nicht strategische Unabhängigkeit entstehen, sondern ein zusätzlicher Industrieschock.

Das Fazit lautet: Europa muss seine China-Abhängigkeit verringern, doch es darf dabei nicht die eigene Wettbewerbsfähigkeit weiter schwächen. Wer erst Lieferanten kappt und danach Ersatz sucht, riskiert höhere Kosten, Produktionsausfälle und eine schwächere Position kleinerer Unternehmen. Für Deutschland und Slowenien geht es deshalb nicht nur um Handelspolitik. Es geht um die Frage, ob Europas Industrie noch schnell genug reagieren kann, bevor politische Eingriffe die bestehenden Schwächen weiter verschärfen.

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Simona Toplak

Simona Toplak ist Chefredakteurin der slowenischen Wirtschaftszeitung Casnik Finance.

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