Finanzstabilität steht unter Druck durch Iran-Krieg
Die Europäische Zentralbank warnt in ihrem neuen Bericht zur Finanzstabilität vor möglichen Marktkorrekturen, falls der Krieg im Iran länger anhält. Zwar lobt die EZB die Widerstandskraft der Banken im Euroraum, sie verweist aber zugleich auf drei zentrale Risiken für die Finanzstabilität. Alle hängen eng mit den Folgen des Krieges im Iran zusammen. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.
Die deutlichste Warnung der EZB lautet, dass Anleger die Auswirkungen des Krieges im Iran unterschätzen. Nach Einschätzung der Notenbank könnte es daher zu einer plötzlichen und erheblichen Korrektur an den Finanzmärkten kommen. Dieses Risiko steigt aus Sicht der EZB zusätzlich, da die Preise vieler Finanzanlagen im historischen Vergleich weiterhin hoch erscheinen. Das gilt besonders angesichts der aktuellen geoökonomischen Spannungen und der großen Unsicherheit.
Deshalb sieht die EZB die Märkte weiter anfällig für abrupte Preisänderungen. Hier liegen die wichtigsten Aussagen aus dem neuen Finanzstabilitätsbericht der EZB vor. Der Bericht entstand zum letzten Mal unter der Federführung von EZB-Vizepräsident Luis de Guindos.
Banken bleiben robust, doch Energiepreise und schwaches Wachstum belasten
Trotz einer Reihe von Schocks, zuletzt vor allem durch den Krieg im Iran, bleibt der Bankensektor des Euroraums widerstandsfähig. Die EZB verweist in ihrem Bericht zur Finanzstabilität auf die gute Ertragslage der Banken sowie auf umfangreiche Kapital- und Liquiditätspuffer.
Gleichzeitig steht die Widerstandskraft der Wirtschaft im Euroraum und der Banken unter Druck. Der Krieg im Iran wirkt als geoökonomischer Schock. Besonders sichtbar wird dies an den Energie- und Rohstoffmärkten. Dort erhöhen Verwerfungen den Inflationsdruck im Euroraum und verschlechtern zugleich die Wachstumsaussichten.
Banken müssen daher nach Einschätzung der EZB besonders auf eine mögliche Verschlechterung der Qualität ihrer Vermögenswerte achten. Betroffen sind vor allem Engagements gegenüber Unternehmen, die anfällig für Störungen im internationalen Handel, hohe Energiepreise und hohe Zinsen sind.
Inflationssorgen haben bereits zu höheren geforderten Renditen bei Staatsanleihen im Euroraum geführt. Teurere Finanzierung belastet wiederum die öffentlichen Haushalte. Viele Staaten stehen ohnehin vor der Aufgabe, höhere Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur möglichst fiskalisch neutral zu stemmen. Die EZB hält es deshalb für wichtig, dass fiskalische Hilfen als Reaktion auf den Nahost-Konflikt nur vorübergehend und gezielt eingesetzt werden. Andernfalls könnten sie dauerhaften Inflationsdruck verstärken und die öffentlichen Finanzen zusätzlich belasten.
Finanzstabilität hängt an drei zentralen Risikofeldern
Erstens verweist die EZB auf Stimmungsschwankungen an den Märkten, hohe Bewertungen und staatliche Verwundbarkeiten. Die große offene Frage im Zusammenhang mit dem geoökonomischen Schock lautet, wann der Konflikt im Nahen Osten endet. Länger anhaltende geopolitische Spannungen und fortbestehende fiskalische Herausforderungen könnten die Stimmung an den Finanzmärkten belasten und Verwundbarkeiten einzelner Staaten offenlegen.
Solche Stimmungsschwankungen haben sich bereits gezeigt. Sie spiegelten sich in Sorgen über das Geschäftspotenzial von KI-Anwendungen sowie über die Versorgung mit Energie wider. Die Folgen dieser Unsicherheit wurden in breiten Kursverlusten an den Aktienmärkten nach dem amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran sichtbar. Auch jüngste Verkäufe von Staatsanleihen gehören in diesen Zusammenhang.
Luis de Guindos, der als EZB-Vizepräsident für Finanzstabilität zuständig ist, betont jedoch, dass die bisherigen Korrekturen an den Finanzmärkten zwar umfangreich, aber geordnet verlaufen seien. Zugleich warnt er, dass die Preise von Finanzanlagen trotz der Korrektur im historischen Vergleich weiterhin hoch erscheinen, besonders unter Berücksichtigung der aktuellen geoökonomischen Spannungen und der Unsicherheit.
Zweitens mahnt die EZB eine genaue Beobachtung nichtbanklicher Finanzinstitute an. Dazu zählen Hedgefonds, private Kreditfonds und andere Finanzakteure außerhalb des klassischen Bankensektors. Ihre Verwundbarkeit liegt vor allem in niedrigen Liquiditätsreserven. Unerwartete Rückgabeverlangen von Anlegern könnten diese Institute unter Druck setzen und Spannungen an den Finanzmärkten verstärken.
Da die Marktbewertungen weiterhin angespannt sind, bleiben die Märkte anfällig für plötzliche Preisbewegungen. Nichtbanken könnten solche Ausschläge in Stressphasen zusätzlich verstärken. Zwar sieht die EZB private Märkte für sich genommen derzeit nicht als systemisches Risiko für den Euroraum. Dennoch fordert sie eine genaue Überwachung, vor allem angesichts möglicher Ansteckungseffekte aus den USA.
Dabei verweist die Aufsicht auch auf Risiken über Sektorgrenzen hinweg. Sollten Stimmungseinbrüche Hochzinsanleihen, fremdfinanzierte Kredite und Aktienmärkte gleichzeitig erfassen, könnten erhebliche Ansteckungsrisiken für Pensionsfonds und Versicherer im Euroraum entstehen.
Drittens bleiben die Banken zwar widerstandsfähig, doch ein längerer Iran-Krieg hätte dennoch Folgen. Nach Einschätzung der EZB haben die Banken im Euroraum die jüngsten Phasen erhöhter Unsicherheit gut bewältigt. Sie profitieren von soliden Kapitalgrundlagen, guter Liquidität und hohen Gewinnen.
Wachsamkeit bleibt dennoch nötig. Die EZB betont, dass die direkte Exponierung gegenüber dem Nahen Osten begrenzt ist. Die Qualität der Vermögenswerte könnte sich aber verschlechtern, falls der Krieg die makrofinanziellen Bedingungen weiter belastet. Auch Finanzierungen aus nichtbanklichen Quellen könnten sich in einem solchen Umfeld als instabil erweisen.
Insgesamt hat sich die Widerstandskraft des Bankensektors zuletzt erhöht. Wenn der Krieg im Iran jedoch lange andauert, dürfte dies auf die Geschäftslage vieler Unternehmen durchschlagen. Für Banken könnten daraus höhere Kredit-, Liquiditäts- und Finanzierungsrisiken entstehen. Besonders relevant sind Engagements gegenüber Nichtbanken sowie gegenüber Firmen, die empfindlich auf Energiepreise und Störungen im internationalen Handel reagieren.
Für Deutschland ist dieser Befund besonders relevant. Als stark exportorientierte Volkswirtschaft mit energieintensiven Industrien würde Deutschland vor allem über höhere Energiekosten, schwächere Auslandsnachfrage und mögliche Verwerfungen bei Unternehmensfinanzierungen betroffen.

