Anthropic-IPO: Wettlauf mit OpenAI erreicht Wall Street
Anthropic hat bei der US-Börsenaufsicht SEC vertraulich Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Damit könnte der Entwickler des Chatbots Claude zum ersten großen Unternehmen aus dem Bereich generativer KI werden, das den Schritt an die Börse wagt. Das berichten unsere Kollegen von Äripäev.
Nach Angaben des Unternehmens hängt der geplante Börsengang von den Marktbedingungen ab. Noch steht nicht fest, wie viele Aktien angeboten werden sollen und zu welchem Preis die Papiere ausgegeben werden. "Ich denke, wir sind alle davon ausgegangen, dass OpenAI zuerst an die Börse geht. Daher war das in gewisser Weise überraschend", sagte Patrick Corrigan, Rechtsprofessor an der University of Notre Dame, gegenüber Euronews. Corrigan untersucht Börsengänge und deren Marktfolgen. Seiner Einschätzung nach könnten Anleger Anthropic und OpenAI nun nahezu gleichzeitig vergleichen. Für Anthropic kann daraus ein Vorteil des ersten großen Marktauftritts entstehen.
Anthropic wurde 2021 von früheren OpenAI-Führungskräften gegründet. Inzwischen erwarten Marktbeobachter, dass Anthropic, OpenAI und auch Elon Musks SpaceX zu börsennotierten Unternehmen werden könnten. OpenAI teilte im März mit, dass sich das Unternehmen nach einer Finanzierungsrunde über 122 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 105 Milliarden Euro, in Richtung einer Bewertung von 852 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 734 Milliarden Euro, bewege. OpenAI hat bislang jedoch keinen öffentlichen Plan für einen IPO-Antrag bekanntgegeben.
Bewertung und Wachstum: Anthropic rückt in die Spitzengruppe der KI-Konzerne
Anthropic teilte Ende Mai mit, 65 Milliarden Dollar an privatem Kapital eingeworben zu haben. Umgerechnet entspricht das rund 56 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich nach Unternehmensangaben eine Bewertung von 965 Milliarden Dollar, also rund 831 Milliarden Euro.
Damit zählt der erst fünf Jahre alte Entwickler von Claude zu den wertvollsten Start-ups der Welt. Die jüngste Finanzierungsrunde weist Anthropic nach den veröffentlichten Zahlen eine höhere Bewertung zu als die zuletzt genannte Einschätzung für OpenAI. Zugleich rückt das Anthropic IPO im Rennen um den ersten großen Börsengang eines führenden KI-Unternehmens nach vorn.
Investoren setzen dabei nicht allein auf den öffentlichen Hype um generative KI. Anthropic erklärt, aus dem Verkauf seiner Technologie inzwischen annualisierte Umsätze von 47 Milliarden Dollar zu erzielen. Das entspricht rund 40 Milliarden Euro.
Claude wird von Privatnutzern ebenso wie von Unternehmen eingesetzt. Die Anwendungen reichen vom Schreiben von Code bis zur Bearbeitung beruflicher und persönlicher Aufgaben. Die wachsende Popularität von Claude hat OpenAI in eine neue Wettbewerbslage gebracht. OpenAI hatte zwar früh den Vorteil, ChatGPT weltweit zu einem bekannten Namen zu machen. Anthropic holt jedoch mit seinem stärker auf professionelle Anwendungen ausgerichteten Angebot auf.
Ende Mai brachte Anthropic außerdem sein neues KI-Modell Claude Opus 4.8 auf den Markt. Das Unternehmen erklärte, das Modell sei beim Schreiben von Code und bei weiteren professionellen Aufgaben leistungsfähiger als frühere Versionen.
IPO-Markt: KI-Euphorie trifft auf Blasenangst
Die vertrauliche Einreichung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich der weltweite Markt für Börsengänge wieder belebt. Das Interesse der Investoren an Technologieunternehmen bleibt hoch, besonders an Firmen mit KI-Bezug. Nach einem aktuellen KPMG-Bericht sammelten Unternehmen in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 weltweit über 251 Börsengänge insgesamt 42,6 Milliarden Dollar ein. Das entspricht rund 37 Milliarden Euro. Das Emissionsvolumen lag damit 45 Prozent höher als ein Jahr zuvor, obwohl die Zahl der Transaktionen um 15 Prozent zurückging.
KPMG erwartet, dass KI- und Raumfahrtunternehmen im weiteren Jahresverlauf zu den wichtigsten Antreibern der IPO-Aktivität gehören. Dan Ives, Analyst bei Wedbush Securities, sagte gegenüber Euronews, der Schritt von Anthropic könne den IPO-Markt nach mehreren relativ ruhigen Jahren "für eine neue Welle öffnen". Gleichzeitig würde ein Anthropic IPO auch die Sorgen vor einer KI-Blase auf die Probe stellen. Anthropic, OpenAI und xAI geben enorme Summen aus. Eine dauerhaft tragfähige Profitabilität haben diese Unternehmen bislang nicht bewiesen.
Tim Law, Analyst bei IDC, sagte Euronews, KI-Start-ups unterschieden sich dennoch von vielen Unternehmen der Dotcom-Ära. Sie verfügten bereits über Produkte, die Kunden tatsächlich nutzten. Nach seiner Einschätzung bewegen sich diese Firmen nicht nur in Richtung Profitabilität, sondern auch in Richtung künstlicher allgemeiner Intelligenz. Gemeint ist Technologie, die Aufgaben auf menschlichem Niveau oder besser erledigen kann. "Beim Thema Nachfrage gibt es Skeptiker. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Nachfrage vorhanden ist und wächst", sagte Law. "Diese Finanzierungsrunde könnte es uns ermöglichen, den letzten Sprint in Richtung AGI abzuschließen", fügte er hinzu.
