Technologie

Megatrends zeigen Europas gefährliche Zukunftslücke

Technologie, Schulden, Demografie und Energie verändern die Weltwirtschaft schneller, als die Politik reagieren kann. Die Analyse der Deutschen Bank zeigt, welche Kräfte Inflation, Wachstum und Machtverhältnisse verschieben. Für Deutschland wird daraus eine Standortfrage, die über Produktivität, Industrie und Wohlstand entscheidet.
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14.06.2026 11:00
Lesezeit: 6 min
Megatrends zeigen Europas gefährliche Zukunftslücke
Megatrends wie KI, Demografie und Energieumbau entscheiden zunehmend darüber, welche Volkswirtschaften künftig wachsen und welche zurückfallen. (Foto: dpa | Elisa Schu) Foto: Elisa Schu

Megatrends bestimmen Wachstum, Politik und Märkte

Bei Zukunftsprognosen tritt häufig ein Muster auf. Ein Trend der vergangenen Jahre wird einfach in die Zukunft fortgeschrieben, oder einmalige Ereignisse erhalten zu viel Gewicht, obwohl sie nur kurzfristig für Verwerfungen in Schätzungen sorgen und die langfristige wirtschaftliche Entwicklung kaum beeinflussen. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.

Analysten der Deutschen Bank haben ein eigenes Modell zur Beobachtung von Megatrends entwickelt. Dabei haben sie qualitative Signale quantifiziert und in 18 statistisch bekannte Datenreihen eingeordnet, jeweils drei für jeden Megatrend. Auf diese Weise wollten sie herausfinden, wie Megatrends die wirtschaftliche Aktivität der vergangenen 70 Jahre beeinflusst haben.

Ein Megatrend lässt sich als langfristige strukturelle Kraft beschreiben, die Volkswirtschaften und Märkte verändert. In den Daten lässt er sich über mehrere Konjunkturzyklen hinweg beobachten und führt zu strukturellen Veränderungen. Er verändert, wie Menschen leben, arbeiten, zusammenarbeiten, produzieren und konsumieren. Er formt Geschäftsmodelle um, schafft neue Industrien und verschiebt globale Machtverhältnisse.

Im Gegensatz zu gelegentlichen Schocks sind Megatrends teilweise vorhersehbar. Ihre genaue Entwicklungsrichtung und ihre Wirkung können zwar unsicher sein. Die grundlegenden Kräfte, die Megatrends antreiben, lassen sich jedoch oft erkennen und analysieren.

Technologischer Fortschritt bringt geringeres Preiswachstum

Einige interessante Statistiken aus dem Modell zeigen die Richtung. Zwischen 1960 und 1990 war technologischer Fortschritt mit niedrigerer Inflation verbunden. Im vergangenen Jahrzehnt galt das nicht mehr in gleichem Maße. Das lässt sich jedoch auch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Konsum erklären. Die aus der Nachfrage kommende Inflation war stärker als der Effekt eines größeren Angebots. Gerade deshalb schätzen die Analysten, dass technologischer Fortschritt die Inflation mittelfristig günstig beeinflussen wird. Er dürfte sie also senken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das reale Wirtschaftswachstum in den USA in beliebigen zehn aufeinanderfolgenden Jahren bei rund 3,8 Prozent pro Jahr. Zwei Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts entstehen allein in den zwölf größten Staaten der G20. Alle diese Staaten stehen vor einer schrumpfenden Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Der Bedarf an Automatisierung und technologischem Fortschritt wird dadurch noch ausgeprägter.

Innenpolitik und soziale Unzufriedenheit wirken grundsätzlich günstig auf technologischen Fortschritt. Der Höchststand dieses Indikators wurde in den Neunzigerjahren erreicht. In den vergangenen drei Jahren hat die Unterstützung für die populistische Linke zugenommen. In den zehn größten europäischen Ländern erreicht sie im Durchschnitt bereits ein ähnliches Niveau wie die politischen Parteien der Mitte. Die populistische Rechte erhält zugleich insgesamt die höchste Unterstützung.

Die Geschwindigkeit der KI-Nutzung wird höher sein als beim Internet

Die Internetrevolution begann nach Ansicht der meisten Beobachter im Jahr 1990. Das fiel mit einer Blase am Aktienmarkt zusammen. Der Vorläufer des Internets entstand jedoch bereits in den Sechzigerjahren und hieß Arpanet. Dieses System und seine Nachfolger wurden vor allem in akademischen und staatlichen Kreisen genutzt. Bis zur vollständigen Kommerzialisierung und zur Nutzbarkeit für den durchschnittlichen Einzelnen vergingen 30 Jahre.

Bei Technologie ist entscheidend, wie schnell sie für einzelne Menschen oder im Produktionsprozess eines Unternehmens nutzbar wird. Gemeint ist der Zeitraum zwischen der Entwicklung einer Technologie und jenem Punkt, an dem sie Produktivität und damit das Bruttoinlandsprodukt beeinflusst.

Der Indikator der Deutschen Bank zeigt, dass künstliche Intelligenz den Produktivitätsanstieg sehr schnell beschleunigen wird. Unternehmen werden es sich nicht leisten können, solche Investitionen aufzuschieben. Wer dies tut, dürfte verschwinden. Auch Einzelpersonen werden in vielen Bereichen ihre Produktivität steigern wollen oder dazu angeregt werden. Dabei werden sie weniger geistige Anstrengung in die Suche nach Mustern, das Anrufen von Kunden und ähnliche Aufgaben investieren müssen.

Die Dynamik dieses Megatrends wird durch Investitionen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie, die Auslastung der Kapazitäten in der Hochtechnologieindustrie und die Entwicklung der Industrieproduktion von Computern, Kommunikationsgeräten und Halbleitern bestimmt.

Megatrends erhöhen den Druck auf Schulden, Geopolitik und Gesellschaft

Die Staatsverschuldung ist hoch und steigt weiter. Dieser Megatrend hat einen negativen Unterton, da höhere Staatsschulden die Zinslast erhöhen, die zur Finanzierung wachsender Defizite nötig ist. Die Marktkosten der Verschuldung großer entwickelter Volkswirtschaften, etwa Japans, der USA, Großbritanniens und Deutschlands, sind seit 2022 deutlich gestiegen. Die Refinanzierung alter Anleihen zu neuen Bedingungen bedeutet, dass Staaten für jeden Euro Schulden etwas mehr zahlen als zuvor.

Höheres Wachstum des Bruttoinlandsprodukts durch höhere Produktivität hat dennoch eine positive Seite. Die Bedeutung der Schulden in einem größeren Bruttoinlandsprodukt wird verwässert, und das Verhältnis zwischen beiden beginnt zu sinken. Bei diesem Megatrend gilt es, den Beitrag der Staatsausgaben zur Veränderung des Bruttoinlandsprodukts, die Differenz zwischen der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen und jener der G7-Staaten sowie den Index der Unsicherheit über die künftige Ausrichtung der Fiskalpolitik zu verfolgen. Dabei geht es entweder um eine expansive Politik mit größerem Defizit oder um eine restriktive Politik mit kleinerem Defizit.

Die Alterung der Bevölkerung bringt höhere Ausgaben für Renten und Gesundheit mit sich. Sie beeinflusst die Entwicklung staatlicher Defizite erheblich und verstärkt die Suche nach einfachen Lösungen durch Monetarisierung von Schulden. Die Erinnerung an die Euro-Krise ist zwar noch lebendig. Gleichzeitig wurde erkennbar, dass die Philosophie, öffentliche Defizite durch Kürzungen der Staatsausgaben zu verringern, in den meisten Ländern politisch nicht akzeptabel ist.

Auf der anderen Seite werden auch Zentralbanken berücksichtigen müssen, dass mehr öffentliche Schulden einen Bedarf an niedrigeren Marktzinsen erzeugen. Sonst kann ein Zinsanstieg die Wahrnehmung verschlechtern, ob Staaten ihre Verpflichtungen erfüllen können.

Geopolitik und Globalisierung

Die Verstärkung geopolitischer Risiken zeigt sich in der schnellen Häufung von Konflikten, Zollkriegen und Versuchen, die freie Schifffahrt auf den Weltmeeren zu blockieren. Diese Entwicklungen sind Zeichen einer Verschlechterung internationaler Beziehungen. Der internationale Warenhandel lässt sich dennoch durch eine Neuordnung der Wertschöpfungsketten erhalten. Das muss nicht für alle Volkswirtschaften negative Folgen haben.

Wichtig ist dabei, dass der freie Austausch von Ideen wahrscheinlich weiter erhalten bleibt. Durch die zunehmende Vernetzung hat er strukturell zugenommen. Bei diesem Megatrend müssen die Entwicklung von Verzögerungen bei Warenlieferungen, die Handelsverflechtung größerer Staaten, also Exporte und Importe im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, sowie der Kilian-Index der globalen Aktivität beobachtet werden. Dieser misst die Umschlagmengen globaler industrieller Rohstoffe.

Innenpolitik und gesellschaftliche Spannungen

Wachsende Unzufriedenheit in der Gesellschaft führt zu Wahlunterstützung für extreme Politiker. Diese sprechen häufig kurzfristige Herausforderungen an und vernachlässigen dafür die langfristige makroökonomische Perspektive. Fast alle großen Demokratien sind dafür anfällig. Das zeigt sich in einem schnellen Wechsel von Strategien und in der Finanzierung unterschiedlicher Prioritäten. Heute die grüne Transformation, morgen die Sorge um Wettbewerbsfähigkeit und übermorgen die Sorge um das Schicksal der Autoindustrie. Das ist ein typisches Beispiel für wandernde politische Unterstützung, die langfristig negativ auf das Wirtschaftswachstum wirkt.

Das Gegenbild zu solchen Lösungen bilden einige asiatische Staaten, die bei ihren langfristigen Ausrichtungen konsequenter sind. Dazu zählen China, Südkorea und Japan. Die drei wichtigsten Indikatoren, die bei diesem Megatrend verfolgt werden sollten, sind die Stimmung der Verbraucher, die Erschwinglichkeit des Immobilienkaufs und der Anteil der Arbeitskosten an der Wertschöpfung. Wahrscheinlich ist es überflüssig zu erwähnen, dass alle drei Indikatoren deutlich unter ihren Durchschnittswerten liegen. Das hängt sowohl mit der Inflation, also einer schlechteren Verbraucherstimmung, als auch mit einer geringeren Dynamik beim Neubau von Gebäuden und dem Einfluss von KI auf die Verteilung der Wertschöpfung zwischen Kapital, also Bruttobetriebsüberschuss, und Arbeit, also Arbeitskosten, zusammen.

Megatrends machen Demografie und Energiewende zu Standortfragen

Demografie bedeutet nicht nur den Einfluss von Bevölkerungsalterung und Zuwanderung auf das Wirtschaftswachstum. Zu den zentralen Indikatoren zählen auch Anreize für junge Menschen, eine Familie zu gründen, Kinder zu bekommen und dadurch erheblich auf das Wirtschaftswachstum einzuwirken.

Ein Haushalt mit Kindern konsumiert deutlich mehr als zwei alleinstehende Personen, die sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Sie benötigen weniger Wohnraum, weniger Fahrzeuge und nutzen andere Dienstleistungen. Bei der Demografie ist es entscheidend, die Dynamik der Nettozuwanderung, also die Zahl der Zugewanderten abzüglich der Zahl der Abgewanderten, den Verkauf von Einfamilienhäusern und die Zahl der Haushalte zu beobachten.

Versorgungssicherheit bei Energieträgern und die Diversifizierung der Quellen sind die Hauptelemente der Energiewende. Unterbrechungen bei Energielieferungen können erheblichen wirtschaftlichen Schaden verursachen. Deshalb lenken Staaten große Mittel in eine höhere Widerstandsfähigkeit der Energiesysteme. Steigende Energiepreise beschleunigen zugleich Prozesse, in denen eine produktivere Nutzung von Energie je Einheit Wertschöpfung entsteht.

Die Energiewende wird auch stark durch Schwankungen bei den Preisen fossiler Brennstoffe und zentraler Metalle wie Kupfer und Aluminium beeinflusst. Fossile Brennstoffe beschleunigen sie über höhere Preise. Bei zahlreichen Rohstoffen gibt es mittelfristig Ersatzstoffe, oder manche Tätigkeiten reagieren empfindlicher auf Preise und senken bei erhöhten Kosten ihren Verbrauch. Ein weiterer kurzfristiger Indikator ist die Zahl der Ölbohrungen in den USA. Der letzte Indikator ist die Energieinflation. Sinkt diese im Zeitverlauf, deutet das auf eine diversifizierte Versorgung mit alternativen Energieträgern hin.

Für Deutschland sind diese Megatrends unmittelbar relevant. Eine alternde Bevölkerung, hohe Energiepreise, der Umbau industrieller Lieferketten, technologische Automatisierung und die KI-Nutzung treffen ein exportorientiertes Industrieland besonders stark. Für deutsche Unternehmen entscheidet sich daran, ob Produktivität und Innovationskraft schnell genug steigen, um höhere Finanzierungskosten, Fachkräftemangel und geopolitische Unsicherheit auszugleichen.

Besonders die deutsche Industrie steht vor einer doppelten Aufgabe. Sie muss die Energiewende bewältigen und zugleich in KI-Anwendungen, Automatisierung und digitale Produktionsprozesse investieren. Gelingt dies nicht, könnten internationale Wettbewerber aus den USA und Asien schneller Produktivitätsvorteile nutzen. Gelingt es dagegen, technologische Modernisierung mit Versorgungssicherheit und stabilen Rahmenbedingungen zu verbinden, können Megatrends für Deutschland auch zur Chance werden.

Das Fazit ist klar. Megatrends sind keine kurzfristigen Modethemen, sondern langfristige Kräfte, die Wachstum, Inflation, Schulden, politische Stabilität und globale Machtverhältnisse verändern. Für Deutschland kommt es darauf an, diese Entwicklungen nicht nur zu beobachten, sondern rechtzeitig politisch und wirtschaftlich darauf zu reagieren. Entscheidend wird, ob technologische Produktivität, tragfähige Staatsfinanzen, demografische Anpassung und eine robuste Energieversorgung gemeinsam gedacht werden.

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