Zinswende als Gegenmaßnahme zum Nahost-Inflationsschub
Die Europäische Zentralbank reagiert mit der ersten Zinsanhebung seit knapp drei Jahren auf den inflationsfördernden Konflikt im Iran. Nach dem Beschluss des EZB-Rates in Frankfurt klettert der für Finanzinstitute und Sparer maßgebliche Einlagensatz auf 2,25 Prozent. Laut EZB-Chefin Christine Lagarde droht die kriegerische Auseinandersetzung die Teuerungsrate im Euroraum weiter anzuheizen, während sie gleichzeitig die Wirtschaftsentwicklung dämpft.
Zuvor hatten die Währungshüter den Zinssatz für Bankeinlagen bei der Zentralbank siebenmal hintereinander unverändert bei 2,0 Prozent belassen. Der bis dato letzte Zinsschritt nach oben im Euroraum wurde im September 2023 vollzogen.
Ein höheres Zinsniveau führt zu einer Verteuerung von Krediten für Privatpersonen und Unternehmen, wodurch die Gesamtnachfrage sinken und in der Folge die Geldentwertung abgebremst werden soll. Für Anleger ergeben sich Vorteile, sofern Kreditinstitute die erhöhten Leitzinsen an ihre Kunden weitergeben. Allerdings belasten steigende Zinsen zeitgleich die ohnehin kraftlose Konjunktur. Die Notenbank befindet sich somit in einem Dilemma: Ein zu drastischer Zinsanstieg könnte die wirtschaftliche Aktivität komplett abwürgen.
Bringt der Iran-Krieg den nächsten Preisschub?
Wichtigstes Ziel der Euro-Währungshüter ist es, die Inflation im Zaum zu halten. Der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs hat die Teuerung kräftig nach oben getrieben. Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum ersten amtlichen Zahlen zufolge um 3,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.
Die Zielmarke der EZB, mittelfristig Preisstabilität bei zwei Prozent Inflation im Euroraum anzustreben, ist damit deutlich überschritten. Auch in Deutschland heizten gestiegene Spritpreise die Teuerung an, der Tankrabatt sorgte hierzulande im Mai für etwas Abschwächung auf 2,6 Prozent Inflation.
«Da die Inflation im Euroraum über drei Prozent liegt und es wenig Hoffnung auf Entspannung im Iran-Konflikt gibt, ist eine Zinserhöhung jetzt der richtige Schritt», sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.
Zumal sich die Lage weiter eintrüben dürfte: Die EZB erwartet, dass die Inflation mit dem Iran-Krieg höher ausfällt als bisher angenommen. Sie rechnet im Jahresschnitt mit einer deutlich erhöhten Teuerung von im Schnitt 3,0 Prozent, während die Wirtschaft im Euroraum kaum noch um 0,8 Prozent wachsen dürfte. Selbst 2027 erwartet die EZB nun mit 2,3 Prozent eine Inflationsrate über ihrer Zielmarke.
Ökonomen fürchten, dass sich mit dem Krieg im Nahen Osten nicht nur Tanken und Heizen verteuern, sondern die Preise insgesamt anziehen, da Firmen gestiegene Energie- und Transportkosten an Kunden weitergeben. Noch im Januar - vor Kriegsbeginn - lag die Teuerung im Euroraum bei 1,7 Prozent.
Sparer profitieren
Für Bankkunden haben steigende Zinsen Vorteile. Die Sparzinsen sind zuletzt bereits geklettert, weil die EZB-Zinserhöhung erwartet wurde. Laut Vergleichsportal Verivox bringt bundesweit verfügbares Festgeld mit zwei Jahren Laufzeit derzeit im Schnitt gut 2,3 Prozent, für Tagesgeld gibt es 1,3 Prozent. Neukunden locken einige Banken zeitweise mit bis zu 4 Prozent aufs Tagesgeld.
Verivox erwartet, dass sich die Konditionen für Sparer mit steigenden Leitzinsen weiter verbessern werden. "In dem Fall dürfte sich der Zinsanstieg beim Festgeld in ähnlichem Tempo wie zuletzt fortsetzen", sagt Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH.
Weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr?
Einige Volkswirte erwarten, dass es nicht bei einer Zinserhöhung in diesem Jahr bleiben wird. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte wiederholt die Handlungsfähigkeit der Zentralbank betont. An den Finanzmärkten rechnet man schon mit den nächsten Schritten: "Auf ihrer Sitzung im September wird die EZB wohl nachlegen", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.
Für Hausbauer sind Kredite in den vergangenen Monaten bereits teurer geworden. Selbst bei einer weiteren Leitzinserhöhung werde sich daran nichts ändern, denn diese werde von Banken schon erwartet, meint Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.
Die EZB will eine neue Preiswelle im Euroraum unbedingt verhindern. Nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 stand die Notenbank in der Kritik, den damaligen Preisanstieg in der Energiekrise lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte bis auf mehr als zehn Prozent hoch, in Deutschland verteuerten sich Energie und Lebensmittel rasant. Die Preiserhöhungen wirken bis heute nach: Nahrungsmittel sind rund ein Drittel teurer als 2019.
