Rheinmetall-Aktie profitiert vom Rüstungsboom
„Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Das war die Antwort von Wolodymyr Selenskyj an jenen amerikanischen Geheimdienstoffizier, der ihm an einem frühen Februarmorgen 2022 einen Fluchtweg aus Kiew anbot.
Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall hat auf die Worte des ukrainischen Präsidenten gehört, berichtet das schwedische Portal Dagens Industri in einer detaillierten Analyse. Im kommenden Jahr dürfte das Unternehmen seine Produktion von Artilleriegranaten gegenüber 2022 fast versechzehnfacht haben. Dadurch ist Rheinmetall zu einem bedeutenden Lieferanten der Ukraine geworden. Der enorme Produktionsanstieg hat dazu geführt, dass der Geschäftsbereich Weapon and Ammunition seine Erlöse um 160 Prozent gesteigert hat. Die Profitabilität hat sich nahezu verdoppelt.
Die Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits mehr als verzehnfacht. Doch nimmt man Russland und Wladimir Putins Imperialismus, den amerikanischen Isolationismus und mehr als 30 Jahre europäischer Abrüstung zusammen, spricht vieles dafür, dass der Superzyklus erst am Anfang steht. Das zeigt sich besonders im Heimatmarkt von Rheinmetall, Deutschland. Dort besitzt der Konzern üblicherweise einen dominierenden Marktanteil von 30 bis 40 Prozent.
Anders als bei anderen europäischen Großmächten gibt es kaum Zweifel daran, dass Deutschland den finanzpolitischen Spielraum hat, das Ziel von Bundeskanzler Friedrich Merz zu erreichen. Deutschland soll Europas stärkste Armee aufbauen. Genau deshalb ist Rheinmetall mehrfach richtig positioniert.
Munition bleibt das Herz der Gewinnmaschine
Munition und Artilleriegranaten werden im Ukrainekrieg in enormen Mengen verbraucht. Die Lager im Westen sind leer und müssen wieder aufgefüllt werden. Das schafft eine mehrjährige hohe Nachfrage, bei der Rheinmetall die Früchte seiner frühen Investitionen in Kapazität und Automatisierung ernten kann. Im kommenden Jahr ist es gut möglich, dass Rheinmetall allein genauso viele oder sogar mehr Artilleriegranaten produziert als die gesamten USA. Europa kann, wenn es will. Fahrzeuge sind der nächste bedeutende Schritt in Rheinmetalls Wachstumsreise. Zuletzt sicherte sich der Konzern einen historisch großen Exportauftrag in Rumänien.
In der zweiten Jahreshälfte wird erwartet, dass Deutschland einen bedeutenden Auftrag für den Boxer platziert, ein Kampffahrzeug, das Rheinmetall gemeinsam mit dem Branchenkollegen KNDS herstellt. Dieser Auftrag könnte in einem ersten Schritt mehr als 11 Milliarden Euro wert sein. Zusätzliche Aufträge könnten ein Volumen von mehr als 22,9 Milliarden Euro erreichen. Darüber hinaus werden Bestellungen für das Kampffahrzeug Lynx, Panzer, Lastwagen und weitere Logistikfahrzeuge erwartet. Rheinmetall hat in Aussicht gestellt, dass bis 2030 Aufträge von mehr als 59,5 Milliarden Euro möglich sind.
Rheinmetall-Aktie: Luftabwehr, Raketen und Digitalisierung treiben Kursfantasie
Auch die Luftabwehr wird für Rheinmetall zu einem wichtigen Wachstumsfeld. Die automatischen Kanonen Skyranger, bei denen die Kanone auf einem Fahrzeug montiert ist, und die stationäre Skynex sollen eine günstigere Möglichkeit bieten, Drohnen und andere Ziele abzuschießen. Der Stückpreis für eine Skyranger oder Skynex liegt bei etwa 55 Millionen Euro. Rheinmetall rechnet damit, dass allein in Deutschland mehr als 1.900 sensible militärische und infrastrukturelle Standorte geschützt werden müssen.
Nimmt man an, dass alle diese Standorte zumindest eine Skyranger oder Skynex erhalten, bekommt man einen Hinweis auf das Potenzial.
Auch bei Raketen agiert Vorstandschef Armin Papperger ohne falschen Stolz. Er hat Gemeinschaftsunternehmen mit dem amerikanischen Unternehmen Anduril, mit Lockheed Martin sowie mit dem niederländischen Unternehmen Destinus aufgebaut.
Das Joint Venture mit Lockheed Martin soll bis zu 10.000 Raketen pro Jahr produzieren können und sich zunächst auf die ballistische Rakete Atacms sowie die Panzerabwehrrakete Hellfire konzentrieren. Die Digitalisierung bietet ein weiteres großes Wachstumsfeld. Kommunikationsausrüstung, Optik, Führungssysteme, Satellitentechnik und Sensorsysteme dürften enormes Wachstum bringen.
Anfang 2025 sicherte sich Rheinmetall einen Rahmenvertrag mit der Bundeswehr für Soldatenausrüstung, der bis 2030 mehr als 2,7 Milliarden Euro wert werden kann. Die Investitionen in Luftabwehr, Raketen und Digitalisierung liefern auch ein Gegenargument gegen jene, die behaupten, Rheinmetall sei zu stark in „veralteten“ Produktbereichen engagiert.
Rheinmetall-Aktien bleiben hoch bewertet
Es ist angelegt, dass Rheinmetall seine Erlöse bis 2030 gegenüber 2025 verfünffachen und 50 Milliarden Euro Umsatz erreichen kann. Wenn die operative Marge bis 2030 um 1,5 Prozentpunkte auf 20 Prozent steigt, kann sich der operative Gewinn im selben Zeitraum mehr als verfünffachen. Die Rheinmetall-Aktie ist hoch bewertet, mit mehr als dem 20-Fachen des für dieses Jahr erwarteten operativen Gewinns. Doch angesichts des explosionsartigen Wachstums ist diese Bewertung begründbar.
Für die hohe Bewertung spricht auch die starke Umwandlung von Gewinn in freien Cashflow. Diese lag im Durchschnitt der 2020er Jahre bei 74 Prozent pro Jahr.
Dass der Cashflow 2022 schwach ausfiel, hatte zudem den richtigen Grund. Rheinmetall investierte früh massiv in Produktion, noch bevor die entsprechenden Aufträge vergeben waren. Genau hier liegt aber auch eine Herausforderung. Der starke Cashflow stammt vor allem aus kurzzyklischen Produktverkäufen, etwa Munition und Artilleriegranaten. Nun muss Rheinmetall beweisen, dass der Konzern dieselbe Qualität auch in längeren und komplexeren Projekten liefern kann.
Sollten Anleger die Rheinmetall-Aktie kaufen? Rückschlag schafft neue Einstiegschance
Im vergangenen Jahr hatte die Rheinmetall-Aktie keinen besonders starken Börsenlauf. Das lag vor allem daran, dass sie Anfang 2025 viel zu steil gestiegen war. Die Rally führte dazu, dass Rheinmetall zeitweise mit einer Bewertungsprämie von 70 Prozent gegenüber europäischen Branchenkollegen gehandelt wurde. Diese Prämie ist inzwischen fast verschwunden. Genau das schafft eine attraktive Einstiegschance.
Der Rückschlag an der Börse hängt allerdings auch damit zusammen, dass das Wachstum die sehr hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt hat. Es ist zudem gut möglich, dass Rheinmetall sein Wachstumsziel für 2026 im Zusammenhang mit dem nächsten Quartalsbericht im Sommer senkt.
Ein weiteres wichtiges Risiko liegt auf längere Sicht darin, dass Wettbewerber ihre Produktionskapazitäten für Munition und Artillerie ausbauen. Das könnte Wachstum und Profitabilität im Geschäftsbereich Weapon and Ammunition belasten, also genau in Rheinmetalls Gewinnmaschine. Kurzfristig korreliert die Rheinmetall-Aktie außerdem mit Friedensverhandlungen im Ukrainekrieg.
Doch unabhängig davon, was in diesem Krieg geschieht, ist offensichtlich, dass europäische Staaten aufrüsten müssen, um der Bedrohung durch Russland zu begegnen. Das gilt besonders dann, wenn die amerikanische Unterstützung wackelt. Für die Rheinmetall-Aktie spricht deshalb, dass sich der Konzern weiterhin mitten in einem Superzyklus befindet.

