Recht auf Homeoffice? Warum Homeoffice kein Allheilmittel ist
Seit der Corona-Pandemie ist der Anteil an Homeoffice-Mitarbeitern stark gestiegen: In Deutschland waren im letzten Jahr ein Viertel aller Erwerbstätigen zumindest gelegentlich im Homeoffice, wie aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht – doch das Homeoffice hat, neben vielen Vorteilen, auch viele Schattenseiten.
Recht auf Homeoffice gefordert, um Sprit zu sparen
Homeoffice hat sich in Deutschland seit der Corona-Pandemie fest etabliert und wird hierzulande häufiger genutzt als im EU-Schnitt. Trotzdem ist für WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch (Hans-Böckler-Stiftung), das Potenzial, im Homeoffice zu arbeiten, noch lange nicht ausgeschöpft. „Auch um Personen in Zeiten der Energiekrise von hohen Spritpreisen zu entlasten, wäre ein Recht auf Homeoffice, wie es während der Pandemie auch diskutiert wurde, sinnvoll", sagte die Expertin. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert wegen der hohen Spritpreise mehr Homeoffice. Und die Internationale Energieagentur IEA hält das Arbeiten von zu Hause ebenfalls für sinnvoll, als Antwort auf die Ölkrise.
Für Mediziner hingegen ist Homeoffice kein Allheilmittel, um etwa Energiekosten zu sparen. Sie warnen vor mehr Homeoffice.
Allein im Homeoffice: Es fehlt an sozialen Kontakten
Der kleine Ratsch beim Kaffeeholen, die spontane Verabredung zur gemeinsamen Mittagspause: Die soziale Interaktion fehlt, wenn man tagaus, tagein nur allein am heimischen Schreibtisch sitzt. "Die Reduktion sozialer Kontakte ist auf jeden Fall ein ernstzunehmendes Thema", sagt Medizinerin Vera Stich-Kreitner vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) Als Beispiel nennt sie auch die Entfremdung vom Team mit Risiken für die psychische Gesundheit.
Eine aktuelle Studie aus den USA untermauert jetzt die ärztlichen Bedenken: Isolation und psychische Belastung nehmen im Homeoffice zu. In den USA vervierfachte sich dem Team zufolge die Häufigkeit von mobilem Arbeiten von 2019 bis 2024, von sieben auf 28 Prozent der Beschäftigten.
Homeoffice und Einsamkeit: Wem es besonders trifft
Eine neue US-Studie im Fachjournal Science hat die Auswirkungen des Homeoffice auf die psychische Gesundheit untersucht. Herauskam: Das Homeoffice kann dazu führen, dass Mitarbeitende zunehmend Zeit allein verbringen – bis hin zur sozialen Isolation – und dadurch verstärkt mit mentalen Belastungen kämpfen. Schutz bieten soziale Kontakte außerhalb der Arbeit: Besonders Menschen, die allein wohnen, sind signifikant stärker von psychischen Belastungen durch Effekte der Homeoffice-Arbeit betroffen als diejenigen, die in Mehr-Personen-Haushalten leben.
Die Studienautorinnen haben für ihre Untersuchung Daten von über einer halben Million US-Amerikanern vor und nach der Corona-Pandemie analysiert. Dafür haben sie fünf repräsentative US-Umfragen aus dem Zeitraum von 2011 bis 2024 genutzt – unter Ausschluss der Hoch-Corona-Jahre von 2020 und 2021.
US-Studie: Gestiegene Vereinsamung am Arbeitsplatz
Die Autorinnen betonen in ihrer Studie verschiedene Punkte, die zu einer gestiegenen mentalen Belastung führen. Das Arbeiten im Homeoffice verstärkt den Fokus auf Einzelarbeit, der Schwerpunkt liegt hier also auf konzentriertem Arbeiten und nicht unbedingt auf Austausch und Kollaboration. Das hat Auswirkungen: So nehmen Mitarbeitende laut einer Umfrage allein verrichtete Arbeit tendenziell als weniger sinnvoll wahr als Arbeit, die im Team verrichtet wird.
Außerdem führt das Homeoffice laut den Autorinnen dazu, dass der Anteil der Homeoffice-Mitarbeitenden, die zunehmend Zeit allein verbringen, steigt. Sie berichten von einer gestiegenen Vereinsamung am Arbeitsplatz: So stieg die Wahrscheinlichkeit für Homeoffice-Mitarbeitende, dass sie nicht nur einen Tag allein verbringen, sondern – im Extremfall – auch ganz ohne menschlichen Kontakt. Besonders Menschen, die allein wohnen, waren signifikant stärker von diesem Phänomen betroffen.
Steigende psychische Belastung durchs Homeoffice
Auch die insgesamt gestiegene psychische Belastung von US-Mitarbeitern könnte teilweise am mobilen Arbeiten liegen. So stellten sie fest, dass Mitarbeitende, die in einem Homeoffice-tauglichen Job arbeiteten, während der Pandemie zunehmend stärker psychisch belastet waren. Auch Arzttermine bei Psychologen oder Psychiatern stiegen in dieser Gruppe an. Die gestiegene mentale Belastung könnte damit einhergehen, dass zu Hause mehr Überstunden geleistet werden und Arbeitnehmer trotz Krankheit im Homeoffice weiterarbeiten.
Die psychische Belastung durch die Bildschirmarbeit zu Hause ist aber nicht allein eine Frage der Isolation. Für viele Arbeitnehmer, insbesondere Mütter, geht es auch um die Übernahme von Aufgaben, die im Büroalltag zuvor auf Distanz gehalten wurden. Experimentelle Studien zu flexibleren Arbeitsmodellen zeigen, dass der Nutzen für das Wohlbefinden maßgeblich davon abhängt, ob die häusliche Arbeitsteilung, insbesondere die Verantwortung für Kinderbetreuung und Hausarbeit, ebenfalls neu organisiert wird und nicht einfach nur vom Büro nach Hause verlagert wird.
Ergebnis: Soziale Infrastruktur geht verloren
Die Arbeit im Homeoffice verstärkt die soziale Isolation - mit mittlerweile messbaren Folgen für die psychische Gesundheit. Die langfristigen Folgen der Vereinsamung für Gesellschaft und Geburtenrate sind noch nicht abzusehen. Doch die Bedeutung der sozialen Infrastruktur am Arbeitsplatz für die eigene Gesundheit wird immer sichtbarer. Wenn Kollegen sich nur noch am Bildschirm begegnen, verschwinden soziale Kompetenzen, die uns Menschen ausmachen.
Steigende Energiepreise können kein Argument für ein staatlich verordnetes Homeoffice sein. Die Preise müssen runter - und hybrides Arbeiten, je nach Voraussetzung, flexibel möglich sein.
Deutsche Forschende finden das die Methodik der US-Studie, grundsätzlich auch auf Deutschland, Österreich und die Schweiz übertragbar sei. "Dass Isolation häufiger bei Alleinlebenden im Homeoffice auftritt, hätte man vermuten können – insbesondere, wenn ein Großteil der Arbeitszeit im Homeoffice verbracht wird", sagt der Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, Nico Dragano. "Aber die Daten geben nun zusätzliche Sicherheit."
Tipp: Auch die Bundesagentur für Arbeit weist auf ihrer Homepage auf das unterschätzte Gesundheitsrisiko hin und gibt Tipps, wie gesundes Arbeiten im Homeoffice funktionieren kann. Zu den häufigsten psychischen Belastungen in Deutschland zählen laut Agentur Isolation, soziale Entfremdung, ständige Erreichbarkeit und daraus resultierende mentale Erschöpfung.

