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Warum wird in deutschen Geschäften so brutal viel geklaut?

Der Einzelhandel klagt über steigende Verluste durch Diebstahl. Welche Produkte besonders begehrt sind, wie sich Händler dagegen schützen - und warum Sicherheitsmitarbeitern mittlerweile stichfeste Westen empfohlen werden.
23.06.2026 14:40
Lesezeit: 4 min
Warum wird in deutschen Geschäften so brutal viel geklaut?
Schwupps, ist die Flasche im Rucksack verschwunden: Diebe werden laut neuer Studie immer dreister. (Foto: dpa) Foto: Oliver Berg

Diebe werden immer brutaler

Spirituosen, Zigaretten und Kaffee stehen bei Dieben hoch im Kurs: Die Schäden durch Diebstahl im deutschen Einzelhandel steigen zum vierten Mal in Folge. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI entwendeten Kunden, Beschäftigte, Lieferanten und Servicekräfte 2025 Waren im Wert von mehr als 4,3 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr und markiert einen neuen Höchstwert.

Als größte Herausforderung bezeichnete EHI-Experte Frank Horst den Kampf gegen organisierten und gewerbsmäßigen Diebstahl. Auch der Anstieg beim "normalen" Kundendiebstahl sei "besorgniserregend". Laut Horst nehmen zudem Übergriffe auf Beschäftigte zu. "Die Diebe werden immer aggressiver." Sicherheitsfirmen werde inzwischen empfohlen, stichfeste Westen zu tragen.

Für 2026 rechnet Horst nicht mit einem weiteren Anstieg. Sofern keine zusätzlichen politischen oder gesellschaftlichen Unwägbarkeiten eintreten, dürfte das Niveau stabil bleiben. Auch verbesserte Präventionsmaßnahmen könnten die Entwicklung bremsen.

Die Schäden steigen seit Jahren

Mit rund 3,05 Milliarden Euro entfiel der größte Teil der Verluste auf Kundendiebstahl. Ein Drittel davon wird organisierten Tätergruppen zugeschrieben. Eigene Beschäftigte der Handelsunternehmen verursachten Schäden von 910 Millionen Euro. Personal von Lieferanten und Servicefirmen, etwa Handwerker und Reinigungskräfte, weitere 370 Millionen Euro.

Zwischen 2020 und 2025 stiegen die Schäden um knapp 29 Prozent, beim Kundendiebstahl sogar um gut 41 Prozent. Ein Teil dieses Anstiegs dürfte auf die hohe Inflation zurückzuführen sein. Die Verbraucherpreise legten im selben Zeitraum um mehr als 20 Prozent zu, die Preise für Lebensmittel um etwa 35 Prozent.

Die gesamten Inventurdifferenzen – also sämtliche Verluste im Einzelhandel – stiegen 2025 gegenüber dem Vorjahr um 3,2 Prozent auf 5,11 Milliarden Euro und erreichten ebenfalls einen Höchstwert. Darin enthalten sind auch organisatorische Fehler wie falsche Preisauszeichnungen. Händler verlieren im Schnitt rund ein Prozent ihres Umsatzes. Dem deutschen Staat entgehen dadurch laut EHI Umsatzsteuereinnahmen von etwa 590 Millionen Euro pro Jahr.

Für die Studie befragte das Institut 103 Unternehmen mit insgesamt 21.225 Geschäften. Die Firmen schätzten, wie sich die Verluste auf Kunden, Mitarbeiter und andere Verursacher verteilen. Anschließend rechneten die Forscher die Schäden auf den Gesamtmarkt hoch.

Warum die Zahl der Diebstähle zunimmt

Experte Horst verweist unter anderem auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten. "Viele Händler sind der Ansicht, dass die aktuelle politische Lage und die wirtschaftlichen Aussichten viele Verbraucher und Beschäftigte unter finanziellen Druck setzen und somit zu mehr Gelegenheitsdiebstählen führen." Begünstigt würden Straftaten zudem durch Personalmangel.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) nennt außerdem schwindenden Respekt vor fremdem Eigentum, eine geringere Akzeptanz rechtlicher Regeln und Defizite bei der Strafverfolgung als Ursachen. Dem Verband bereitet vor allem die zunehmende Professionalisierung bandenmäßig agierender Ladendiebe Sorgen. "Hier werden regelrechte Bestelllisten von Auftraggebern aus der Unterwelt abgearbeitet", sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Selbstbedienungskassen verursachen laut EHI zwar höhere Verluste, gelten aber nicht als Haupttreiber des Anstiegs. Ihr Anteil sei noch zu gering. Zudem gehe der Großteil nicht bezahlter Artikel auf Bedienfehler zurück.

Diese Produkte werden besonders häufig gestohlen

Die begehrtesten Waren unterscheiden sich je nach Geschäftstyp:

Lebensmittelhandel: alkoholische Getränke, Tabakwaren, Kaffee, Rasierklingen, Parfums, Energydrinks, Schreibwaren, Zeitschriften, Babynahrung, Batterien, Fleisch, Wurst, Käse, Nüsse, Öle und Schokolade.

Drogeriemärkte: Düfte, Kosmetikprodukte wie Lippen- oder Kajalstifte, Babynahrung und Rasierklingen.

Bekleidungshandel: Jeans, Schuhe, Wäsche, T-Shirts, Hemden und Accessoires wie Gürtel, Schals, Brillen, Modeschmuck, Lederjacken, Kleinlederwaren, Handtaschen, Sneaker und andere Sportschuhe.

Unterhaltungselektronik: Konsolen- und Videospiele, Speichermedien, Smartphones mit Zubehör, Bluetooth-Kopfhörer, Druckerpatronen und Elektrokleingeräte.

Baumärkte: akkubetriebene Elektromaschinen, hochwertige Handwerkzeuge, Werkzeugzubehör, digitale Messgeräte, Installationsmaterialien, Akkus, Ladegeräte, LED-Leuchten und Armaturen.

Oft seien es kleine, vergleichsweise teure Artikel, die sich leicht verstecken ließen, sagt Horst. Bei vielen Tätern spiele zudem die einfache Wiederverkäuflichkeit eine wichtige Rolle.

Warum die Statistik nur einen Teil zeigt

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik sank die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle durch Kunden während der Geschäftszeit 2025 um 5,4 Prozent auf 383.096 Fälle. Knapp die Hälfte der Tatverdächtigen besitzt demnach eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Die Aussagekraft dieser Statistik ist Experten zufolge jedoch begrenzt. Sie bilde das tatsächliche Geschehen kaum ab, sagt Horst. Mehr als 98 Prozent der Fälle würden weder entdeckt noch angezeigt. 2025 blieben laut EHI rechnerisch etwa 24,8 Millionen Ladendiebstähle im Wert von jeweils 123 Euro unentdeckt. Selbst erkannte Fälle werden häufig nicht gemeldet, weil Verfahren oft eingestellt werden. Viele Unternehmen sparen sich deshalb den Aufwand.

So reagieren die Händler

Die Unternehmen äußern sich zu dem Thema meist nur zurückhaltend oder gar nicht. Gleichzeitig versucht der Einzelhandel, seine Schutzmaßnahmen auszubauen. Laut EHI investierte die Branche 2025 rund 1,7 Milliarden Euro in Prävention, etwa in Schulungen, Videoüberwachung und Ladendetektive. Weitere 1,6 Milliarden Euro flossen in interne Maßnahmen wie die Auswertung von Kameramaterial und Bestandskontrollen. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 3,3 Milliarden Euro. Vor fünf Jahren waren es noch 2,6 Milliarden Euro.

Immer häufiger verschließen Händler begehrtes Diebesgut in Vitrinen und geben es nur auf Nachfrage heraus. Einige Unternehmen setzen zudem auf unsichtbare Warensicherungen in Regalböden, etwa bei Kaffee. Werden zehn oder mehr Packungen gleichzeitig entnommen, löst das System Alarm aus.

Björn Fromm, Edeka-Kaufmann und Präsident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, gelang es 2025 mithilfe zusätzlicher Kameras und von Sicherheitspersonal, seine Verluste in einem Markt um mehrere Zehntausend Euro pro Jahr zu senken. Die Maßnahmen kosteten deutlich mehr, dennoch hält er sie für sinnvoll. "Die Diebe merken ja, wo man besonders gut klauen kann."

Branche fordert härtere Konsequenzen

"Ladendiebstahl muss konsequent und spürbar verfolgt und bestraft werden. Hier verlieren viele Unternehmen Tag für Tag zunehmend das Vertrauen in Polizei und Justiz", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Genth. Strafverfolgungsbehörden und Gerichte müssten personell und technisch besser ausgestattet werden. Zudem müsse die Mindeststrafe bei bandenmäßig organisiertem Diebstahl auf ein Jahr angehoben werden.

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