DWN: Wie kam es zu der politischen Entscheidung, ein deutsches Minenjagdboot ins östliche Mittelmeer zu entsenden?
Meuter: Das Minenjagdboot 332 mit dem Namen Fulda und der Tender – also ein Versorgungsschiff - Mosel sind ins östliche Mittelmeer verlegt worden. Dort haben die beiden Schiffe eine vorgeschobene Startposition eingenommen und könnten schneller mit der Räumung von Seeminen in und um den Persischen Golf beginnen. Voraussetzung hierfür wäre allerdings ein Waffenstillstand in der Region, ein robustes internationales Mandat und die Zustimmung des Deutschen Bundestags.
Neu wäre ein solcher Einsatz für die Deutsche Marine übrigens nicht, denn deutsche Minensucher räumten nach dem 2. Golfkrieg 1991 im Persischen Golf in einer internationalen Koalition Seeminen, die die irakischen Streitkräfte vor dem Krieg dort in hohen Stückzahlen verlegt hatten. Dieser erste Einsatz deutscher Streitkräfte außerhalb des NATO-Bündnisgebietes und kurz nach der Deutschen Einheit war eine humanitäre Hilfeleistung mit einem UN-Mandat. Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher lehnte den Einsatz ab, während Bundeskanzler Helmut Kohl diesen als Zeichen gewachsener internationaler Verantwortung des vereinten Deutschlands ansah.
DWN: Ein Wort zu den Minen selbst, die dort geräumt werden müssten.
Meuter: Man unterscheidet zwischen Seegrundminen und Ankertauminen:
Seegrundminen nutzen Multisensortechnologien (Druck, Geräusche, Magnetfelder) und können sich selbst ein- und ausschalten. Sie sind schwer zu orten, da sie über nicht sonar-reflektierende Oberflächen verfügen.
Ankertauminen hängen an einem Kabel unter der Wasseroberfläche und detonieren bei Berührung. Besonders gefährlich sind Treibminen, die unkontrolliert mit der Strömung driften und nach Völkerrecht geächtet sind.
Hinzu kommen die Magnetminen, die auslösen, wenn sich das Magnetfeld im Umfeld ändert.
Deutschland verfügt mit seinen Minenjagdbooten über die Fähigkeit, alle Minentypen schnell und effektiv aufzuspüren und unschädlich zu machen. Besonders Seegrundminen sind schwer zu orten, während Ankertauminen einfacher zu bekämpfen sind – jedoch erfordert beides erhebliches Fachwissen, das die Deutsche Marine besitzt. Zudem bestehen die Deutsche Minenjagdboote aus antimagnetischem Spezialstahl, um Magnetminen zu widerstehen. Selbst das Besteck in der Kombüse ist antimagnetisch.
DWN: Und was können die deutschen Boote genau?
Meuter: Die Minenjagdboote der Klasse 332 nutzen einen dreistufigen Ansatz zur Minenabwehr:
Hochauflösende Sonarsysteme (z. B. HMS-12M) orten Seeminen oder andere Sprengkörper auf dem Meeresboden.
Die ferngesteuerte Unterwasserdrohne „Seefuchs“ identifiziert und vernichtet Minen mit einem Sprengkopf, der einen Plasmastrahl erzeugt, um die Mine zur Detonation zu bringen.
Nur wenn keine Drohne eingesetzt werden kann, kommen Minentaucher zum Zug – ein riskantes Unterfangen.
Die Boote können auch eine genaue Kartografie des Meeresbodens erstellen, um z. B. Schiffswracks oder militärische Altlasten zu vermerken.
DWN: Könnte ein erfolgreicher Einsatz der Minenjagdboote deren Export ankurbeln?
Meuter: Ein solcher Einsatz könnte den Export sicherlich ankurbeln und letztlich dazu führen, dass die internationale Nachfrage dazu erheblich ansteigt. Minenjagdboote sind gerade in Küstenregionen sehr wichtig, um gegen Seeminen vorgehen zu können. Ihre Rolle ist sehr speziell und in bestimmten Regionen, wie in Europa aber auch in der Straße von Hormus oder dem Persischen Golf in der Zukunft unverzichtbar. Doch ihre Funktion und Wichtigkeit wird von vielen Staaten derzeit geringer eingestuft als diejenige von Schnellbooten, Korvetten oder Fregatten. Die deutsche Schiffsindustrie kann heute sehr moderne Minensuchboote entwickeln und bauen – auf dem internationalen Markt befinden sich auch andere gute Entwicklungen, sogar aus Indonesien.
DWN: Entwickelt Deutschland neue Minenjagdboote und wer außer der Werftindustrie ist, daran noch beteiligt?
Meuter: Die schon ältere Frankenthal-Klasse stammt aus den neunziger Jahren und soll ab dem Jahre 2030 durch einen leistungsfähigeren Nachfolgetyp ersetzt werden. Insbesondere sind hier bessere Sonarsysteme integriert, Reichweiten, Einsatzdauer und möglicherweise die Selbstverteidigungsmöglichkeiten gegen Drohnen-, Lenkwaffen- oder Fliegerangriffe deutlich verbessert. Die neuen und besseren technischen Leistungsparameter sind noch nicht bekannt. Aber in diese Richtung wird es technologisch gehen. Neben den technischen Leistungsparametern des Schiffes müssen die Sensorik, die Sonar und Minenräumsysteme von der Industrie verbessert werden. Atlas Elektronik in Bremen ist ein führender Hersteller von Sonarsystemen aber auch von Seedrohnen zur Minenbekämpfung. Getriebe und Antrieb stammen von Renk oder der MTU-Friedrichshafen. Auch das kommende Minenjagdboot dürfte in den meisten Bereichen überwiegend aus deutscher Fertigung kommen. Das technische Know-how für diese Boote liegt im Übrigen vor allem in Deutschland und das hat seinen Preis. Diese militärischen Boote sind nicht billig, spezialisiert für eine sehr wichtige maritime Aufgabe und auch in der Zukunft nicht aus der Deutschen Marine wegzudenken. Deshalb ist es wichtig, in Deutschland dieses technische Know-how in der wehrtechnischen Industrie vorzuhalten und entsprechende Minenjagdboote internationalen Seestreitkräften, bei Bedarf, zur Verfügung zu stellen.
Thomas Meuter (63) ist Chefredakteur des Verlags MD&Partner in Meckenheim und auf wehrtechnische Themen, militärische Analysen sowie Sicherheitspolitik spezialisiert. Es ist ein anerkannter Spezialist für diese Themen in Deutschland und Buchautor von militärischen Fachbüchern wie über den Einsatz sowie die Entwicklung von militärischen Drohnen.

