Ein tödlicher Kampfstoff in Schuhsohlen und Matratzen
„Der Standort Deutschland hat viele Vorteile“ – so sieht es Michéle Tille, Gründerin des mehrfach ausgezeichneten Start-ups CYNiO. Diese Meinung teilen lediglich drei Prozent der Gründerinnen und Gründer laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Die Mehrheit ist anderer Meinung: Mehr als die Hälfte der Befragten ist mit Deutschland als Gründungsstandort unzufrieden. Ursachen seien zu viel Bürokratie, langsame Verfahren und komplexe Vorgaben.
Für Michéle Tille, Marlene Baumhardt und Sophie Riedel vom Start-up CYNiO hingegen überwiegen die Vorteile: „Man kann sich hier mit verschiedensten Geschäftsideen selbst verwirklichen“, sagt Michéle Tille. „Wir haben enorm viel Unterstützung durch Netzwerke, Unternehmen und Investoren erfahren.“
Die drei Gründerinnen haben ein Verfahren zur nachhaltigeren Herstellung von Isocyanaten entwickelt. Der chemische Stoff steckt in zahlreichen Produkten aus Industrie und Handwerk: So kommen Isocyanate beispielsweise in Dämmstoffen, Schuhsohlen, Matratzen und Beschichtungen in Fahrzeugen zum Einsatz.
Bislang verwendet die Industrie für die Herstellung von Isocyanaten das hochgiftige Phosgen. Im ersten Weltkrieg wurde das Gas als tödlicher Kampfstoff eingesetzt. Die Produktion mit Phosgen erfordert strenge Sicherheitsvorkehrungen.
Das Verfahren ist weltweit einzigartig
Den Gründerinnen von CYNiO ist eine wegweisende Sensation gelungen: Sie ersetzen Phosgen durch CO2. Das patentierte und weltweit einzigartige Verfahren ist nicht nur weniger gefährlich und nachhaltiger. Vielmehr ermöglicht die Verwendung von CO2 eine größere Bandbreite an unterschiedlichen chemischen Bausteinen. CYNiO kauft das CO2 von anderen Start-ups, die es zuvor aus der Luft gefiltert haben. Je nach Verwendungszweck ist die Zusammensetzung des Isocyanats eine andere. „Man könnte tausende von verschiedenen Isocyanaten herstellen“, erklärt Michéle Tille. Mit Phosgen beschränken sich die Varianten auf 10 bis 15. Die Innovation ermöglicht es, eine größere Vielfalt an Isocyanaten anzubieten.
Mehrere tausend Euro für ein Isocyanat
Die Kunden von CYNiO stammen aus der Forschung und Entwicklung von Unternehmen und Universitäten. „Für die produzieren wir kleinere Mengen zwischen 1 und 500 Gramm“, erklärt Michéle Tille. Einige Kunden ordern ein spezielles Isocyanat, andere beauftragen die Entwicklung eines neuen Isocyanats zum Beispiel für eine kratzbeständigere Lackierung. Der Einsatz von CO2 anstelle von Phosgen eröffnet zusätzliche Möglichkeiten bei der Herstellung von Isocyanaten, ist derzeit jedoch noch mit höheren Produktionskosten verbunden. Während phosgenbasierte Standardprodukte überwiegend im Massenmarkt zu Preisen von etwa 2 bis 8 Euro pro Kilogramm angeboten werden, konzentriert sich CYNiO in der aktuellen Skalierungsphase gezielt auf Spezial- und Nischenmärkte. In diesen Segmenten können – abhängig von Anwendung, Abnahme-Menge und Spezifikation – höhere Preise von bis zu mehreren tausend Euro erzielt werden.
Im Osten fehlen Start-up-Netzwerke
Die Idee zum dem Verfahren resultiert aus einem Forschungsprojekt der Technischen Universität Bergakademie Freiberg zur Verwendung von CO2. Mangelnde Risikobereitschaft führt häufig dazu, dass wichtige Forschungsergebnisse in der Schublade enden. „Will man ein Projekt zur marktreifen Technologie entwickeln, hilft der Blick auf das große Ganze statt auf jedes Detail“, sagt Michéle Tille. „So verliert man nicht den Mut.“ Widerstände auszuhalten und Hürden zu nehmen, haben die drei Gründerinnen mehrfach gemeistert. Allein die Suche nach einem Firmensitz zog sich über ein Dreivierteljahr hin, bis CYNiO im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt ein geeignetes Labor fand. „In den Start-up-Netzwerken der Chemie ist der Osten unterrepräsentiert“, so Michéle Tille. Köln und Düsseldorf seien attraktiver für Chemie-Start-ups.
Derzeit befindet sich CYNiO in der Seed-Finanzierungsrunde. „Wir sind offen für Investoren, aktuell benötigen wir drei Millionen Euro“, so Michéle Tille. Die drei Frauen sind überzeugt, dass es mehr Gründungen in Deutschland braucht. Sie fordern auf zu mehr Mut: „Wir brauchen Gründer, die mit Innovationen den Wettbewerb aufmischen.“

