Unternehmensporträt

Start-up CYNiO: CO2 – das Abgas als Wunderwaffe für die Chemiebranche?

Von Autositzen bis zur Schuhsohle stecken Isocyanate in zahlreichen Industrieprodukten. Die Herstellung der Chemikalie ist hochtoxisch. Drei Gründerinnen haben ein sicheres und nachhaltigeres Verfahren entwickelt – durch Einsatz von CO2.
07.08.2026 16:45
Lesezeit: 3 min
Start-up CYNiO: CO2 – das Abgas als Wunderwaffe für die Chemiebranche?
Die drei Gründerinnen Marlene Baumhardt, Michéle Tille und Sophie Riedel (von links nach rechts) vom Start-up CYNiO. (Foto: CYNiO)

Ein tödlicher Kampfstoff in Schuhsohlen und Matratzen

„Der Standort Deutschland hat viele Vorteile“ – so sieht es Michéle Tille, Gründerin des mehrfach ausgezeichneten Start-ups CYNiO. Diese Meinung teilen lediglich drei Prozent der Gründerinnen und Gründer laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Die Mehrheit ist anderer Meinung: Mehr als die Hälfte der Befragten ist mit Deutschland als Gründungsstandort unzufrieden. Ursachen seien zu viel Bürokratie, langsame Verfahren und komplexe Vorgaben.

Für Michéle Tille, Marlene Baumhardt und Sophie Riedel vom Start-up CYNiO hingegen überwiegen die Vorteile: „Man kann sich hier mit verschiedensten Geschäftsideen selbst verwirklichen“, sagt Michéle Tille. „Wir haben enorm viel Unterstützung durch Netzwerke, Unternehmen und Investoren erfahren.“

Die drei Gründerinnen haben ein Verfahren zur nachhaltigeren Herstellung von Isocyanaten entwickelt. Der chemische Stoff steckt in zahlreichen Produkten aus Industrie und Handwerk: So kommen Isocyanate beispielsweise in Dämmstoffen, Schuhsohlen, Matratzen und Beschichtungen in Fahrzeugen zum Einsatz.

Bislang verwendet die Industrie für die Herstellung von Isocyanaten das hochgiftige Phosgen. Im ersten Weltkrieg wurde das Gas als tödlicher Kampfstoff eingesetzt. Die Produktion mit Phosgen erfordert strenge Sicherheitsvorkehrungen.

Das Verfahren ist weltweit einzigartig

Den Gründerinnen von CYNiO ist eine wegweisende Sensation gelungen: Sie ersetzen Phosgen durch CO2. Das patentierte und weltweit einzigartige Verfahren ist nicht nur weniger gefährlich und nachhaltiger. Vielmehr ermöglicht die Verwendung von CO2 eine größere Bandbreite an unterschiedlichen chemischen Bausteinen. CYNiO kauft das CO2 von anderen Start-ups, die es zuvor aus der Luft gefiltert haben. Je nach Verwendungszweck ist die Zusammensetzung des Isocyanats eine andere. „Man könnte tausende von verschiedenen Isocyanaten herstellen“, erklärt Michéle Tille. Mit Phosgen beschränken sich die Varianten auf 10 bis 15. Die Innovation ermöglicht es, eine größere Vielfalt an Isocyanaten anzubieten.

Mehrere tausend Euro für ein Isocyanat

Die Kunden von CYNiO stammen aus der Forschung und Entwicklung von Unternehmen und Universitäten. „Für die produzieren wir kleinere Mengen zwischen 1 und 500 Gramm“, erklärt Michéle Tille. Einige Kunden ordern ein spezielles Isocyanat, andere beauftragen die Entwicklung eines neuen Isocyanats zum Beispiel für eine kratzbeständigere Lackierung. Der Einsatz von CO2 anstelle von Phosgen eröffnet zusätzliche Möglichkeiten bei der Herstellung von Isocyanaten, ist derzeit jedoch noch mit höheren Produktionskosten verbunden. Während phosgenbasierte Standardprodukte überwiegend im Massenmarkt zu Preisen von etwa 2 bis 8 Euro pro Kilogramm angeboten werden, konzentriert sich CYNiO in der aktuellen Skalierungsphase gezielt auf Spezial- und Nischenmärkte. In diesen Segmenten können – abhängig von Anwendung, Abnahme-Menge und Spezifikation – höhere Preise von bis zu mehreren tausend Euro erzielt werden.

Im Osten fehlen Start-up-Netzwerke

Die Idee zum dem Verfahren resultiert aus einem Forschungsprojekt der Technischen Universität Bergakademie Freiberg zur Verwendung von CO2. Mangelnde Risikobereitschaft führt häufig dazu, dass wichtige Forschungsergebnisse in der Schublade enden. „Will man ein Projekt zur marktreifen Technologie entwickeln, hilft der Blick auf das große Ganze statt auf jedes Detail“, sagt Michéle Tille. „So verliert man nicht den Mut.“ Widerstände auszuhalten und Hürden zu nehmen, haben die drei Gründerinnen mehrfach gemeistert. Allein die Suche nach einem Firmensitz zog sich über ein Dreivierteljahr hin, bis CYNiO im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt ein geeignetes Labor fand. „In den Start-up-Netzwerken der Chemie ist der Osten unterrepräsentiert“, so Michéle Tille. Köln und Düsseldorf seien attraktiver für Chemie-Start-ups.

Derzeit befindet sich CYNiO in der Seed-Finanzierungsrunde. „Wir sind offen für Investoren, aktuell benötigen wir drei Millionen Euro“, so Michéle Tille. Die drei Frauen sind überzeugt, dass es mehr Gründungen in Deutschland braucht. Sie fordern auf zu mehr Mut: „Wir brauchen Gründer, die mit Innovationen den Wettbewerb aufmischen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

Cristina Prinz

                                                                    ***

Cristina Prinz ist freiberufliche Journalistin und Geschäftsführerin einer Agentur für Corporate Publishing. Sie schreibt Unternehmerportraits für die DWN. 

 

DWN
Immobilien
Immobilien Superreiche fliehen aus London: Luxusimmobilien stürzen ab
07.10.2026

Londons Luxusimmobilien verlieren dramatisch an Wert, in manchen Nobelvierteln beträgt das Minus mehr als 25 Prozent. Während die...

DWN
Finanzen
Finanzen Beitragsbemessungsgrenzen 2027: Kranken- und Rentenbeiträge steigen deutlich
07.10.2026

Für Gutverdiener steigen kommendes Jahr die maßgeblichen Beitragsgrenzen in der Kranken- und Rentenversicherung. Besonders deutlich...

DWN
Politik
Politik Nach Landtagswahlen: Mehrheit hält Merz' Kanzlerschaft für gescheitert
07.10.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz kommt aus dem Umfragetief nicht heraus, die Mehrheit der Deutschen sieht keine Zukunft für ihn als Kanzler....

DWN
Politik
Politik Festanstellung adé: Verlängerte Befristungen für Arbeitsverträge geplant
07.10.2026

Die Koalition will die sachgrundlose Befristung für Arbeitnehmer verlängern. Eine Befristung des Arbeitsvertrages soll bald vier statt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Benz-Aktie nach Absatzrückgang: Einbruch in China hält an
07.10.2026

Der Einbruch des chinesischen Markts sorgt weiter für Absatzrückgänge beim Stuttgarter Autobauer. Hoffnung bereitet allerdings die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mitarbeiterbenefits: Warum Unternehmen das Wunschkonzert beenden
07.10.2026

Gratis-Bananen, Hafermilch und Achtsamkeits-Apps sollten Beschäftigte glücklich machen. Doch viele Unternehmen erkennen inzwischen, dass...

DWN
Politik
Politik Analyse: Öl fließt durch Hormus, doch der Preis sinkt nicht
07.10.2026

Die Kosten für Fracht und Versicherungen sind inzwischen so hoch, dass sie gemeinsam mit den ukrainischen Angriffen auf russische...

DWN
Politik
Politik Tankrabatt in der Kritik: Ölkonzerne geben den Steuernachlass nur zum Teil weiter
07.10.2026

Der seit 1. Oktober geltende Tankrabatt der Bundesregierung kommt nur teilweise an den Zapfsäulen an. Bereits vor der Einführung des...