Wirtschaft

Chemieindustrie: Warum Deutschland seine industrielle Basis verspielt

Sie steht selten im Rampenlicht, doch ohne sie läuft fast nichts: Europas Chemieindustrie liefert die Grundlage für Medikamente, Baustoffe, Verteidigung und grüne Technologien. Nun brechen Investitionen ein, Werke schließen, China drängt mit Überkapazitäten auf den Markt und hohe Energiepreise fressen die Wettbewerbsfähigkeit. Für Deutschland wird daraus mehr als eine Branchenkrise. Es geht um Versorgungssicherheit, Know-how und die Frage, ob Europa seine industrielle Souveränität noch verteidigen kann.
14.07.2026 05:37
Lesezeit: 10 min
Chemieindustrie: Warum Deutschland seine industrielle Basis verspielt
Europas Chemie verliert Werke, Jobs und Wissen. (Foto: dpa | Johannes Neudecker) Foto: Johannes Neudecker

Chemieindustrie: Europas unsichtbare Basis gerät ins Wanken

Chemikalien stehen politisch nicht so im Rampenlicht wie künstliche Intelligenz, Chips oder Batterien. Doch ohne sie funktioniert moderne Industrie nicht. Sie bilden die unsichtbare Grundlage der europäischen Wirtschaft. Ohne Chemikalien gibt es keine Arzneimittel, keine moderne Bauwirtschaft, keine Verteidigungsindustrie und auch keinen grünen Wandel. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.

Die Lage spitzt sich zu. Europa verliert chemische Produktionskapazitäten, deckt einen wachsenden Teil seines Verbrauchs über Importe, zahlt weiter hohe Energiepreise und zwingt Unternehmen, in einem ständig veränderten regulatorischen Umfeld zu planen. Die Europäische Kommission nannte in ihrem im Juli vergangenen Jahres veröffentlichten Aktionsplan für die Chemieindustrie hohe Energiekosten, unfairen globalen Wettbewerb und eine schwache Nachfrage als zentrale Probleme der Branche. Zugleich kündigte Brüssel Maßnahmen an, um den Sektor wettbewerbsfähiger zu machen und zu modernisieren.

Die Branche ist allerdings nicht nur ein unschuldiges Opfer. Die Chemieindustrie gehört zu den zentralen Konfliktfeldern der europäischen Umweltpolitik. Es geht um PFAS, also sogenannte Ewigkeitschemikalien, um Pestizide, Emissionen, industrielle Genehmigungen und die Reform der REACH-Verordnung, des wichtigsten europäischen Regelwerks für Chemikalien. Die Industrie spricht von einer regulatorischen Bleiweste. Umweltorganisationen berichten hingegen von millionenschwerem Lobbying für schwächere Regeln bei Stoffen, deren Kosten am Ende häufig Gesundheit, Umwelt und öffentliche Haushalte tragen.

Der stärkste Druck auf die europäische Chemieindustrie kommt aus Asien, vor allem aus China. Das Land ist längst nicht mehr nur ein Standort für billige Produktion. China ist eine industrielle Großmacht mit enormen Überkapazitäten und wachsender Bedeutung in der Petrochemie, bei Grundchemikalien und pharmazeutischen Wirkstoffen. Nach Schätzungen des europäischen Chemieverbands Cefic hat Europa in den vergangenen drei Jahren fast ein Zehntel seiner Produktionskapazitäten und 20.000 Arbeitsplätze verloren, berichtete Politico.

Lieferanten außerhalb der Europäischen Union deckten im Jahr 2023 bereits 31 Prozent der in der Union verbrauchten Chemikalien ab. Zehn Jahre zuvor waren es noch 22 Prozent. China verdoppelte in dieser Zeit seinen Anteil an den Importen in die EU auf 18 Prozent.

Auch global verschieben sich die Kräfte rasant. Der europäische Anteil am weltweiten Chemikalienumsatz sank in den vergangenen 15 Jahren von 21 auf 13 Prozent. Chinas Anteil stieg im selben Zeitraum von 24 auf 46 Prozent. Auch bei den globalen Investitionen in der Chemieindustrie zieht China den größten Teil an sich.

Wie schnell ein Markt kippen kann, zeigt PVC. Polyvinylchlorid ist ein weit verbreiteter Kunststoff für Rohre, Bodenbeläge, Kabelisolierungen und medizinische Produkte. Der Fall ist ein Lehrbeispiel für einen abrupten Umschwung. Der belgische Hersteller Vynova, einst zweitgrößter PVC-Produzent Europas, stoppte nach Angaben von Politico wegen chinesischer Konkurrenz die Produktion in einem Werk in den Niederlanden und schickte drei weitere Werke in die Restrukturierung.

China war im Jahr 2019 noch Nettoimporteur von PVC. Nach dem Zusammenbruch des heimischen Immobilienmarktes begann das Land, Überschüsse zu exportieren. Die Petrochemieproduktion in China hat sich zwischen 2010 und 2024 ungefähr verdoppelt. Die europäischen Kapazitäten sanken dagegen um 14 Prozent, schätzte Edse Dantuma von ING gegenüber Politico.

"Der Druck der asiatischen Konkurrenz im Bereich Kunstfasern ist dauerhaft und nimmt zu", sagt Denis Jahić, Generaldirektor von AquafilSLO. Die Europäische Kommission führte im März Antidumpingzölle auf Polyamidgarn aus China ein. "Damit entstehen fairere Bedingungen auf dem Markt."

Das Beispiel Polyamidgarn zeigt: Handelsschutz kann helfen. Für die gesamte europäische Chemieindustrie kommt er aber oft zu spät und ist zu eng gefasst. Antidumping- und Antisubventionsuntersuchungen zielen auf einzelne Produkte und Hersteller. Die Branche umfasst jedoch Tausende verschiedene Erzeugnisse. Was bei Stahl vergleichsweise übersichtlich ist, ist bei Chemikalien technisch und politisch erheblich komplizierter.

Das bestätigt auch die slowenische Erfahrung mit Titandioxid. In der Cinkarna Celje, wo die Produktion dieses Pigments das Kerngeschäft bildet, warnt man, dass Antidumpingmaßnahmen gegen den Import chinesischen Titandioxids zwar bereits gelten, bisher aber nicht den erwarteten Schutz vor Preisdruck gebracht haben. "Die chinesischen Hersteller haben den überwiegenden Teil der Zölle absorbiert und ihre Ausgangspreise angepasst. Gleichzeitig suchen und finden sie weiterhin aktiv Wege auf den europäischen Markt", heißt es dort.

Die Europäische Kommission prüft derzeit breitere Maßnahmen: Quoten, Importbeschränkungen, gezielte Zölle und ein spezielles Instrument gegen Überkapazitäten. Doch wenn solche Instrumente über Jahre entstehen, können die Werke, die sie eigentlich schützen sollen, bis zu ihrer Einführung bereits geschlossen sein.

Chemieindustrie: Energiepreise und Regulierung fressen Europas Standortvorteile

China ist nicht der einzige Grund für die Krise. In vielen Bereichen ist China eher die Folge europäischer Schwäche. Die europäische Chemieindustrie ist extrem energieintensiv. Bei Grundchemikalien, Chlor, PVC, Ammoniak, Düngemitteln und Polymeren entscheidet der Preis von Strom oder Gas häufig über das Überleben eines Standorts.

Ein Chlorwerk von Vynova soll laut Politico so viel Strom verbraucht haben wie die niederländische Stadt Antwerpen. Die industriellen Strompreise in Europa liegen etwa doppelt so hoch wie die Preise, die amerikanische und chinesische Wettbewerber zahlen. Hinzu kommen Emissionszertifikate, Arbeitskosten, eine schwache Nachfrage und geopolitische Unsicherheit.

Bei Aquafil sieht man die europäische Produktion unter starkem Druck. Die Unternehmen werden durch immer mehr Vorschriften, lange Genehmigungsverfahren und Kosten im Zusammenhang mit der Dekarbonisierung belastet. Jahić, der auch Präsident des Verbands der Chemieindustrie bei der slowenischen Wirtschaftskammer ist, sagt, die europäischen Institutionen seien sich des Problems bewusst und suchten nach Wegen, wie die Industrie in Europa bleiben könne.

Als positive Schritte nennt er Hilfen für energieintensive Unternehmen und die Erstattung indirekter Emissionskosten, sofern sie mit Investitionen in die Dekarbonisierung verbunden sind. "Das sind richtige Schritte zur Stärkung der Chemieindustrie, damit sie die strategische Unabhängigkeit Europas sichern und zugleich in die Entwicklung neuer grüner Technologien investieren kann."

Die deutsche Chemieindustrie, die wichtigste in Europa, zeigt, was im Kern des Systems passiert. Nach Angaben des Handelsblatts ist ihr Produktionsvolumen seit 2022 um mehr als 20 Prozent gesunken. Im vergangenen Jahr waren die Anlagen im Durchschnitt nur zu 73 Prozent ausgelastet.

Manager sprechen von Konsolidierung, der Schließung petrochemischer Anlagen und der Verlagerung von Aktivitäten an Standorte, an denen die Produktion günstiger ist und Regeln berechenbarer sind. Evonik-Chef Christian Kullmann warnt, die aktuelle Atempause durch Sicherheitskäufe und Lageraufbau sei nur vorübergehend. "Machen wir uns nichts vor: Die chinesische Chemie wird mit voller Wucht nach Europa zurückkommen", sagte er.

Die Krise zeigt sich auch bei den Investitionen. Die Financial Times berichtete, dass bestätigte beziehungsweise verbindliche Investitionen im europäischen Chemiesektor im Jahr 2025 um mehr als 80 Prozent eingebrochen seien. Die angekündigten Werksschließungen hätten sich zugleich verdoppelt. Für die Chemieindustrie ist das gefährlich, weil Investitionen über Jahrzehnte geplant werden. Wenn Wissen, Liefernetzwerke, Genehmigungen und qualifizierte Arbeitskräfte einmal verloren gehen, lassen sie sich nicht schnell wieder aufbauen.

Sandoz warnte Ende Mai anlässlich des 80-jährigen Bestehens der großtechnischen Antibiotikaproduktion in Europa, dass der Kontinent ohne politisches Handeln den Verlust kritischer Produktionskapazitäten riskiert. Im Mittelpunkt stand das Werk Kundl in Österreich, die "letzte vollständig vertikal integrierte Produktionsstätte für kritische Antibiotika in Europa".

Sandoz-Chef Richard Saynor sagte, bis zu 90 Prozent der weltweiten pharmazeutischen Wirkstoffe für Antibiotika würden außerhalb Europas hergestellt, vor allem in China. Sandoz reichte bei der Kommission auch den Entwurf einer Antidumpingbeschwerde wegen chinesischer Importe des Wirkstoffs Amoxicillin ein. Das Unternehmen verweist dabei auf Preise unterhalb der Kosten, staatliche Subventionen und die Konzentration globaler Kapazitäten in einem einzigen Land.

"Antibiotika haben mehr Leben gerettet als jedes andere Arzneimittel. Doch sie werden wie gewöhnliche Handelsware behandelt. Eine Packung kostet oft weniger als eine Packung Kaugummi", sagte Saynor. Europas Importabhängigkeit ist deshalb nicht nur eine industrie- oder gesundheitspolitische Frage. Sie betrifft auch die strategische Widerstandsfähigkeit des Kontinents.

Immer lauter warnt die Industrie außerdem vor europäischer Regulierung. Eva Baumann, Chefin der deutschen CHT-Gruppe, erklärte, die Kosten für den Umgang mit Vorschriften seien für ihr Unternehmen nach den Personalkosten bereits der größte Kostenblock und sogar höher als die Energiekosten. In Teilen der Branche werden deshalb Forderungen nach einer regulatorischen Pause oder einer vorübergehenden Aussetzung neuer Regeln lauter.

In der Regulierung zeigt sich der Konflikt zwischen industrieller Wettbewerbsfähigkeit und dem Schutz von Gesundheit und Umwelt besonders deutlich. Ein Teil der Regeln ist tatsächlich bürokratisch anspruchsvoll, langsam und schlecht auf die Realität der Industrie abgestimmt. Ein anderer Teil begrenzt Stoffe, die nachweislich Gesundheit und Umwelt gefährden.

PFAS, also per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, bauen sich in der Umwelt extrem langsam ab. Sie sind deshalb zu einem der sensibelsten Beispiele europäischer Chemikalienregulierung geworden. Die Kommission warnte im Januar, dass das heutige Ausmaß der PFAS-Verschmutzung die Gesellschaft bis 2050 etwa 440 Milliarden Euro kosten könnte. Je nach Szenario liegen die Schätzungen sogar noch höher.

Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Schweden legten bereits im August vergangenen Jahres einen aktualisierten Vorschlag zur Beschränkung von PFAS im Rahmen der REACH-Verordnung vor.

Chemieindustrie: Europa braucht eine Strategie statt Symbolpolitik

Die größten Chemiekonzerne und Verbände geben in Brüssel mehr als 46 Millionen Euro pro Jahr für Lobbying aus, auch um Regeln für schädliche Chemikalien und Pestizide abzuschwächen. Diese Zahl ist keine offizielle Industriestatistik, sondern eine Schätzung von Nichtregierungsorganisationen. Sie sollte daher vorsichtig gelesen werden. Trotzdem zeigt sie, warum der Streit über "Vereinfachungen" politisch so brisant ist.

Unternehmen lehnen strengere Umweltregulierung nicht grundsätzlich ab. Bei Aquafil heißt es: "Die Beschränkung von Chemikalien in Konzentrationen, die nachweislich gesundheitsschädlich sind, unterstützen wir, denn die Sicherheit der Verbraucher und der Beschäftigten, die mit ihnen arbeiten, muss immer an erster Stelle stehen." Zugleich warnt das Unternehmen vor Chemieimporten aus Volkswirtschaften, die solche Beschränkungen nicht einhalten. "Das Paradox besteht darin, dass Europa häufig Produkte aus Regionen mit niedrigeren Umweltstandards importiert, während heimische Unternehmen die Kosten der höchsten Standards der Welt tragen", sagt man bei Cinkarna.

Ähnlich sieht es Sašo Kokalj, Vorstandschef von JUB, einem Hersteller von Farben und Bauchemie. Die europäische Chemieindustrie sei Opfer übermäßiger Regulierung, zugleich leide sie unter einem "Mangel an Substanz", sagt Kokalj. "Die EU wird immer stärker von Importen aus anderen Kontinenten abhängig."

Europäische Chemiepolitik darf deshalb keine Entscheidung zwischen Industrie und Umwelt sein. Wenn Europa Regeln für schädliche Stoffe entwertet, schwächt es den Schutz von Gesundheit und Umwelt. Wenn Europa diese Regeln jedoch unübersichtlich und ohne Industriepolitik verändert, kann es Produktion in Länder mit niedrigeren Standards verdrängen.

Die Industrie erwartet von Brüssel schnellere und konkretere Maßnahmen. Doch kein einzelnes Instrument wird reichen. Zölle können Grundstoffproduktion schützen, aber Vorprodukte verteuern. Weniger Regulierung kann Unternehmen entlasten, aber Risiken für Gesundheit und Umwelt erhöhen. Europa muss deshalb zuerst festlegen, welche Produktion strategisch ist. Erst danach kann es entscheiden, wie diese Produktion vor unfairer Konkurrenz geschützt wird und bei welchen Chemikalien strengere Regeln wegen langfristiger Risiken für Gesundheit und Umwelt unverzichtbar bleiben.

Für Deutschland ist diese Frage besonders wichtig. Die deutsche Chemieindustrie steht im Zentrum europäischer Wertschöpfungsketten, von Arzneimitteln und Kunststoffen über Baustoffe bis zu Batterien, Verteidigung und grünen Technologien. Wenn Grundchemie, Wirkstoffproduktion und industrielle Vorprodukte dauerhaft abwandern, verliert Deutschland nicht nur Fabriken. Es verliert Know-how, Versorgungssicherheit und einen Teil seiner industriellen Souveränität.

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