Liebe Leserinnen und Leser,
erinnern Sie sich noch an die Sommertage Ihrer Kindheit? Ich spüre noch heute den heißen Straßenasphalt unter meinen Füßen, rieche den Duft reifen Getreides und schmecke das kalte Wassereis meiner Oma. Ein Sommertag war damals nur perfekt, wenn die Luft über dem Straßenasphalt flirrte und ein Sprung ins Nass des Plantschbeckens die erlösende Abkühlung brachte – ich wünschte mir, dass ein solcher Sommertag niemals enden würde.
Doch der Sommer von heute ist nicht mehr mit dem Sommer von früher vergleichbar. Inzwischen ist die warme Jahreszeit zum Stresstest für uns Menschen und unser Land geworden. Auch damals waren die Sommertage nicht endlos, doch die Hitzeperioden werden immer länger und heftiger. Seit 1951 hat sich die durchschnittliche Zahl heißer Tage mit mindestens 30 Grad von etwa drei auf rund zehn Tage pro Jahr mehr als verdreifacht. Der langfristige Trend bei der Zahl heißer Tage ist trotz jährlicher Schwankungen statistisch signifikant. Verschiedene Klimamodelle und das Umweltbundesamt erwarten künftig noch mehr heiße Tage und länger andauernde Hitzewellen.
Die Hitze prüft bereits jetzt unsere Krankenhäuser und Pflegeheime, unsere Betriebe und Kraftwerke, unsere Felder und Flüsse. Sie prüft, wie belastbar Lieferketten sind, wie vorausschauend Unternehmen investieren und wie handlungsfähig ein Staat bleibt, wenn die Hitze auch in die letzte kühle Ritze kriecht. Vor allem aber prüft diese manchmal unerträgliche Hitze eine Haltung, an die sich Deutschland lange gewöhnt hat: die Erwartung, dass Wasser, Energie, Infrastruktur und ein gemäßigtes Klima jederzeit verlässlich zur Verfügung stehen.
Diese Selbstverständlichkeit schwindet.
Hitzestress am Arbeitsplatz: Deutschlands teurer Produktivitätsverlust
Der Deutsche Wetterdienst bezeichnete die Hitzewelle Ende Juni 2026 als eine für die Geschichtsbücher. Das Robert Koch-Institut erfasst während solcher Perioden eine steigende hitzebedingte Sterblichkeit – der Sommer 2026 geht nicht nur wegen seiner Rekordtemperaturen in die Geschichte ein, leider auch wegen seiner bis zu Kalenderwoche 34 geschätzten 16.300 hitzebedingten Sterbefälle.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen: der Dachdecker in der prallen Sonne, die Bewohnerin eines überhitzten Pflegeheims, der Landwirt vor einem verdorrten Feld und der Beschäftigte in einer heißen Produktionshalle. Hitze hat längst die Werkstore erreicht. Konzentration und Leistungsfähigkeit sinken, Fehler- und Unfallrisiken steigen, Maschinen und Kühlsysteme geraten an Grenzen. Nach einer im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums erstellten Prognos-Berechnung kostet ein einziger Tag mit mindestens 30 Grad die deutsche Wirtschaft rund 431 Millionen Euro. Etwa 97 Prozent davon entstehen durch kaum sichtbare Produktivitätsverluste: Die Menschen sind am Arbeitsplatz, können unter der Belastung aber weniger leisten.
Das ist keine Einladung zu immer neuen Vorschriften ohne Rücksicht auf Branchen und Betriebsgrößen. Eine starre Temperaturgrenze wird der Realität zwischen Büro, Gießerei, Baustelle und Landwirtschaft kaum gerecht. Aber auch unternehmerische Freiheit lebt von Verantwortung. Wer Arbeitszeiten anpasst, Schatten schafft, Gebäude dämmt, Trinkwasser bereitstellt oder Arbeitsabläufe neu organisiert, schützt nicht nur seine Beschäftigten. Er bewahrt Produktivität, hält Fachkräfte und stärkt seinen Betrieb. Gute Vorsorge ist keine Sozialromantik, sondern solides Risikomanagement.
Die unterschätzte Inflation: Warum die EZB keinen Regen bestellen kann
Dasselbe gilt auf den Feldern. Bleibt der Regen aus, entscheiden Zeitpunkt und Dauer der Sommerhitze über Ertrag und Qualität der Lebensmittel. Getreidekörner bleiben klein, Grünland verdorrt, Obst und Kartoffeln leiden. Noch verhindern Lagerbestände, Importe, langfristige Verträge und der europäische Binnenmarkt, dass jeder Ernteverlust sofort an der Ladenkasse ankommt. Doch diese Puffer sind nicht grenzenlos.
Wenn mehrere bedeutende Anbauregionen gleichzeitig unter Trockenheit leiden, wird aus einem lokalen Ernteproblem ein internationales Preisrisiko. Eine Studie für die Europäische Zentralbank zeigt, dass steigende Temperaturen die Inflation bei Lebensmitteln zeitversetzt erhöhen können. Gegen Heatflation stößt klassische Geldpolitik an ihre Grenzen. Eine Zentralbank kann Kredite verteuern und Nachfrage dämpfen, aber sie kann keinen Regen bestellen.
Die Frage nach dem Wasser ist deshalb noch grundlegender: Deutschland sitzt nicht flächendeckend auf dem Trockenen. Doch Durchschnittswerte sind für ein Unternehmen wenig wert, wenn am konkreten Standort in der entscheidenden Woche das Kühlwasser fehlt, Entnahmen begrenzt werden oder ein Fluss nicht mehr genügend Tiefe für voll beladene Schiffe bietet. Wasser wird damit zu einem Standortfaktor – besonders sichtbar wird das am Rhein. Sinkende Pegel bedeuten kleinere Ladungen, mehr Fahrten, höhere Frachtraten und im schlimmsten Fall unterbrochene Produktion. Großkonzerne können Spezialschiffe chartern, Lager vergrößern und Transporte auf mehrere Wege verteilen. Mittelständler haben diese Möglichkeiten oft nicht. Und wenn zugleich Lokführer, Lastwagenfahrer, Gleise oder geeignete Anschlüsse fehlen, bleibt die viel beschworene Ausweichroute eine politische PowerPoint-Folie.
Am Ende laufen all diese Belastungen in einer politischen Frage zusammen: Wer schützt wen – und wer bezahlt dafür?
Wer schützt Deutschland vor der nächsten Hitzewelle?
Städte brauchen Bäume, Schatten, Trinkbrunnen, entsiegelte Flächen und kühle öffentliche Räume. Schulen, Kitas, Kliniken und Pflegeheime müssen auch dann funktionieren, wenn sich ihre Gebäude tagelang aufheizen. Betriebe brauchen praktikable Regeln, nicht widersprüchliche Vorgaben. Und Investoren müssen wissen, ob an einem Standort künftig ausreichend Wasser, Energie und belastbare Infrastruktur verfügbar sind.
Ein nationaler Hitzeschutz darf dennoch kein Freibrief für beliebige Milliardenforderungen werden. Nicht jede Klimaanlage ist sinnvoll, nicht jede Subvention gerechtfertigt, nicht jede Aufgabe gehört nach Berlin. Der Staat muss dort handeln, wo nur er handeln kann: bei kritischer Infrastruktur, verlässlichen Regeln und dem Schutz besonders gefährdeter Menschen.
Spätestens seit diesem Sommer ist klar: Der Asphalt unter unseren Füßen wird heißer. Das Planschbecken unserer Kindheit wird nicht reichen, um Wirtschaft, Infrastruktur und Gesellschaft abzukühlen. In diesem September-Magazin zeigen wir, wo die Hitze unseren Wohlstand bereits bedroht, welche Entscheidungen jetzt notwendig sind – und warum wir handeln müssen, bevor der nächste Rekordsommer uns erneut vor Augen führt, was wir längst hätten ändern können.
Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.
Ihr Markus Gentner
DWN-Chefredakteur

