Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft - der Arbeitsmarkt verändert sich in Deutschland: Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat einer Berechnung zufolge im zweiten Quartal ein Rekordhoch erreicht. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten sank hingegen, wie eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ergab.
Teilzeitquote mit 40,3 Prozent auf Rekordhoch
Demnach stieg die Teilzeitquote im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,4 Prozentpunkte und lag damit bei einem Höchstwert von mehr als 40 Prozent. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten nahm im Vergleich um 0,5 Prozent auf 16,936 Millionen zu, die der Vollzeitbeschäftigten ging um 0,9 Prozent auf 25,138 Millionen zurück.
Auf den ersten Blick bestätigen die Zahlen Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), wonach Menschen in Deutschland immer weniger arbeiten und somit der Wohlstand des Landes nur schwer aufrechterhalten werden könnte. Doch auf den zweiten Blick geht aus den Zahlen hervor, dass die höhere Teilzeitquote nicht durch den Wunsch nach mehr Teilzeit entstanden ist.
Grund, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), sei ein struktureller Wandel der Arbeitswelt: Es gibt einen Beschäftigungszuwachs in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil wie dem Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung und Unterricht. In Deutschland arbeiten aktuell rund 44 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer in Teilzeit. Die Teilzeitquote befindet sich damit auf einem neuen Höchststand seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2009.
Industrie verliert Vollzeitstellen
In Branchen mit einem hohen Vollzeitanteil wie der Industrie geht die Beschäftigung dagegen zurück. „Die Konjunktur hat sich zuletzt gefestigt, die Arbeitszeit der Beschäftigten zieht deshalb wieder etwas an. Aber die Krisenbranche Industrie verliert viele Vollzeitstellen, so dass insgesamt dennoch weniger Stunden gearbeitet wurden“, erklärt Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“.
Dies trifft insbesondere auf das verarbeitende Gewerbe zu, darunter auch die Automobilbranche. Hier bauen aktuell einige der größten Arbeitgeber in Deutschland in Deutschland eine große Menge an Stellen ab. Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland sank der Berechnung zufolge im Vergleich zum Vorjahresquartal um 0,5 Prozent und lag bei 45,688 Millionen. Deshalb ist auch das Arbeitsvolumen gesunken und es wurden im zweiten Quartal 2026 rund 69 Millionen Arbeitsstunden weniger geleistet als im Vorjahresquartal.
Arbeitsvolumen sinkt, Wochenarbeitszeit steigt
Was der IAB-Report nicht nachweisen kann, ist der Mythos der „Lifestyle-Teilzeit“, das Menschen sich für Teilzeit entscheiden, weil sie grundsätzlich weniger Stunden arbeiten wollen. Das wird durch folgende Zahlen sichtbar: Die Wochenarbeitszeit ist leicht angestiegen, weil Teilzeitbeschäftigte ihre Wochenarbeitszeit durchschnittlich leicht auf 18,8 Stunden angehoben haben und sie parallel bei Vollzeitbeschäftigten konstant bei 38,32 Stunden geblieben ist.
Staat klagt über Personalmangel
Teilzeitstellen jetzt in Vollzeitstellen umzuwandeln – dafür plädieren neben Politikern auch Forschende. Gerade auch, weil der Personalmangel das derzeitige Arbeitsvolumen womöglich noch mehr verringern könnte. Eine Studie schlägt nun die Ausweitung von Teil- auf Vollzeitstellen im öffentlichen Dienst als Lösung für Personalmangel vor. Besonders an Schulen sei das Potenzial hoch.
„Der Personalmangel im Öffentlichen Dienst ließe sich fast vollständig durch mehr Vollzeitarbeit ausgleichen“, sagt Dr. Björn Kauder, Senior Economist für Finanz- und Steuerpolitik beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).
Das ist brisant: Würden alle Teilzeitbeschäftigten in Bund, Ländern und Kommunen auf Vollzeit wechseln, entstünden rund 634.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente. Das ist fast exakt so viel, wie dem öffentlichen Dienst laut Beamtenbund fehlt: 631.000 Beschäftigte. Heißt: Die beklagte Personallücke in den Behörden könnte rein rechnerisch komplett aus dem vorhandenen Personal geschlossen werden.
Das IW räumt ein: Vollzeit für alle ist verständlicherweise unrealistisch. Dafür müsste auch die Kinderbetreuung weiter ausgebaut werden – und genau hier zeige sich der Fachkräftemangel aktuell mit am stärksten im öffentlichen Dienst.
IW-Studie sieht Arbeitszeitreserven im öffentlichen Dienst
Die vollständige Umstellung aller Teilzeitstellen auf Vollzeit stelle eine theoretische Obergrenze dar, teilte das IW dazu mit. Doch würden Länder und Kommunen lediglich das durchschnittliche Arbeitszeitniveau von Sachsen-Anhalt erreichen, dem Bundesland mit der längsten durchschnittlichen Arbeitszeit im öffentlichen Dienst, ergäben sich immer noch 294.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente.
Die größten absoluten Reserven gibt es den Angaben nach in Bayern: Würden dort alle Teilzeitkräfte von Land und Kommunen auf Arbeit in Vollzeit wechseln, entspräche das 129.800 zusätzlichen Vollzeitkräften, in Nordrhein-Westfalen wären es 115.100 und Baden-Württemberg 111.300 zusätzliche Vollzeitkräfte.
Wo das größte Stellenpotenzial liegt
Die größten Reserven in der Teilzeit liegen dort, wo der Personalmangel besonders laut beklagt wird. Zu dem Fazit kommt Studienautor Björn Kauder, Senior Economist beim IW und renommierter Experte für öffentliche Finanzen. Dazu beziffert er das theoretische Potenzial und nennt Arbeitgeber und Zahlen der Stellen, die durch Teilzeit fehlen:
- Schulen: 153.000
- Kindertagesstätten: 54.400
- Kommunalverwaltungen: 41.800
- Hochschulen: 16.000
- Polizei: 10.800
Wie kann die Vollzeitquote erhöht werden?
Für das IW geht es hierbei um die Grundsatzfrage, ob es zu wenig Personal für die Aufgaben gibt oder zu viel Arbeit für das vorhandene Personal. Zusätzliche Arbeitskräfte aus der Privatwirtschaft in den Staatsdienst zu locken, überzeuge ökonomisch nicht. Der „Königsweg“ seien vielmehr schlankere Gesetze, für deren Umsetzung weniger Personal nötig wäre.
Um die Vollzeitquote zu erhöhen, muss man sich auch die Gründe für die Wahl eines Teilzeitjobs anschauen: Der Anstieg der Teilzeitquote liegt oft darin begründet, dass immer mehr Frauen und ältere Menschen Teil des Arbeitsmarktes sind. Ältere Menschen arbeiten oft aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes in Teilzeit und Frauen, weil sie immer noch weitaus häufiger als Männer für die Care-Arbeit (Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen) zuständig sind. Der Frauenanteil aller Teilzeitbeschäftigten lag 2024 in Deutschland laut IAB-Zahlen bei 72,5 Prozent.
Nur eine bessere Infrastruktur für Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten, Verbesserungen bei Steuern und Abgaben sowie Unterstützungsangebote könnten dazu führen, dass sich mehr Menschen für einen Vollzeitjob entscheiden. Eine Rekord-Teilzeitquote allein ist jedenfalls noch kein Beleg dafür, dass Menschen keine Lust auf Arbeit haben. Vielmehr steht hinter einer vermeintlichen Arbeitszeitdebatte auch ein Strukturwandel auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

